Leben im OFF

Mein Computer mit Internetanschluss fläzt derzeit im Sanatorium. Während der eine Doktor ihm schon einmal vorsorglich die Hundehaare aus dem Gebläse rasiert, rückt der andere mit bedenklicher Miene und Operationsbesteck an. So jedenfalls stelle ich mir das gerade vor, um nicht ganz in Panik zu geraten. Denn ich bin nun auf ein Offline-Leben zurückgeworfen. Mein Arbeitslaptop hat wohlweislich keinen Anschluss ans Internet. Und wie ist das so?

Auch nicht anders, als wenn man seinen Fernseher wegwirft oder das Twitteraccount löscht oder bei Facebook austritt (obwohl die einen ja nicht so leicht gehen lassen). Mir fehlt von Anfang an NICHTS. Das Leben geht weiter und da ist so viel mehr Zeit. Außerdem habe ich ja noch mein Arbeitspensum, offline. Drei volle Tage war das nett. Aber dann traf mich die volle Wucht der Internetabhängigkeit - und die ist keine psychische, sondern eine berufliche. Ohne Internet könnte ich zumachen.

Da schickt die Agentur schnell mal die Vorlagen für die zu betexteten Schilder: Schau es dir mal an. Natürlich könnten die Kollegen mir eine CD-ROM per Post schicken, aber die braucht innerhalb des Landes auch gern mal zwei oder drei Tage. Die Telefonkosten steigen. Alles, was man vorher schnell einmal per Mail durchgegeben hat, muss nun per Telefon gesagt werden, da kommt man nicht immer und nicht so einfach durch, verliert eine Menge Zeit und nervt wahrscheinlich irgendwann sogar. Am Freitag fahre ich dreißig Kilometer, um Arbeitsdaten austauschen und besprechen zu können. Das ist mehr alsein paar Klicks weit. Ohne Internet kann man solche Jobs, zumal über Landesgrenzen hinweg, vergessen.

Die Übersetzerin in mir freute sich zunächst auf die Ruh. Denn am 10.März müssen 100 Seiten des Buches druckfein sein für die Vertreterkonferenz. Ausgerechnet die Anfangsseite, die ja immer schwächer sind als das, wo man sich bereits eingearbeitet hat. Trotzdem müsste es ohne Online-Ablenkung doch schneller gehen?

Schnell geht nur das Fluchen. Wenn ich wieder eine unbekannte Person recherchieren muss, auf die der Autor anspielt, wenn ich mir ein Bild anschauen muss, um zu überprüfen, ob ich die Bildbeschreibung auch richtig übersetzt habe. Französische Wörter können ja so vielfältige Formen annehmen. Ganz laut werden die Flüche, wenn mein Autor wieder einmal in seinen geliebten Argot verfällt und Wörter benutzt, die auch in meinen dicken Wälzern nicht vermerkt werden. Oder wenn er sich gefällt, einen Ausdruck aus dem 18. Jahrhundert zu verwenden, der seit dem frühen zwanzigsten ausgestorben ist. Drei gedruckte Wörterbücher liegen hier, darunter ein ethymologisches, alle drei führen mich bei diesem Buch ständig an Grenzen. Durch Internetrecherche habe ich noch jede schräge Formulierung knacken können. Ohne Internet kann man diesen Job auf Dauer vergessen. Man würde allenfalls noch "glatte" Texte übersetzen un sich damit sehr austauschbar machen.

Mein Hirn wirkt wie geschrumpft. Nach drei Tagen ohne Internet habe ich das Gefühl, schleichend zu verblöden. Die Angst vor dem Zerfall der grauen Zellen war gestern so schlimm, dass ich mir einen Film ansah, der in Schwedisch und Russisch mit deutschen Untertiteln produziert war. Trotzdem fehlte etwas: Jeden Tag lerne ich im Internet Neues. Ich bilde mich, ohne es zu merken. Und ich kann mir plötzlich nicht mehr vorstellen, wie das war, als es Wikipedia noch nicht gab. Früher hat man die Alten und Weisen gefragt, wenn man etwas wissen wollte. Heute sitzen die Alten und Weißen den ganzen Tag vor der Glotze oder jetten in die Dominikanische Republik. Das Internet ist so etwas wie ein freundlicher HAL, der einem alles auf Knopfdruck beantwortet, was man wissen will.

Als Buchautorin muss ich so viele Kleinigkeiten recherchieren. Wie sieht denn eigentlich eine Abflugtafel auf dem Flughafen aus? Blinkt da etwas? Ich bin viel geflogen, vor Jahren, es könnte heute anders sein. Der Griff ins Internet löst das Problem mit ein paar Klicks. Ohne Internet schreibe ich besser über Menschen, die aus ihrem Dorf nicht herauskönnen.

Und dann fehlt dem Goethe sein Eckermann. Mir fällt kein blöderes Beispiel ein, es passt natürlich nicht, ich bin kein Goethe. Aber ähnlich wie die damals mit ihren Pferdeboten haben wir Autoren meist ein paar KollegInnen, mit denen wir uns über Literatur, über uns bewegende Themen oder Arbeitsprobleme austauschen. Und weil es so wenige Autoren gibt, sitzen die meist weit verstreut an allen möglichen Ecken und Enden der Welt. Auch da steigt die Telefonrechnung. Aber ein schriftlicher Diskurs ist dann doch wieder ein anderer, weil man ausformuliert, anders nachdenkt, im Prinzip schon arbeitet. Ohne diesen Diskurs schmort man hoffnungslos im eigenen Saft. Und der ist eben nicht von Goethe.

Ja, ich kann wunderbar offline leben. Aber ich kann in keinem meiner mittlerweile drei Berufe mehr offline arbeiten. Das geht ein paar Tage, dann wird man von den eigenen Lücken und irgendwann der schnelleren Konkurrenz überrollt.
Nur deshalb habe ich eben ein Dampfbügeleisen umgepfriemelt und an eine seltsame Telefonbuchse gesteckt. Demnächst ist der Bildschirm dieses musealen Müllstücks hin. Aber ich kann ruhig schlafen, weil das wenigstens vor der Deadline im Notfall Daten in den Verlag schiebt. So muss ich nicht die anderen 35 Kilometer fahren - ins nächste Internetcafé. Und muss auch die Computerklinik nicht nerven...

Eines aber ist schön beim Offline-Leben. Mein Computer hat mich so wütend gemacht, dass ich mir oben genannten Film anschaute. Und ein paar Sätze daraus notierte, die wie der Hammer in mir einschlugen.
Es waren drei intensive Tage des Nachdenkens über mein nächstes Buchprojekt, über mein Schreiben an sich und über mich selbst. Wenn sich Dinge verabschieden, die man als selbstverständlich hinnahm, wird einem bewusst, dass man sich viel zu wenig Fragen gestellt hat - und oft die Falschen. Im Alltagsgeschäft verheddert man sich viel zu leichtfertig in Abhängigkeiten, die scheinbar sein müssen und von denen man sich nur einredet, sie müssten sein. Distanz, der Schritt zurück - und die Freiheit wird einem bewusst.

Ergebnis des kaputten Computers ist ein neu begonnenes Manuskript mit ca. 30 Seiten, das nun auch einen Titel hat - das heißt, es ist konkret. Der Titel ist im Moment allerdings ein französischer, weil ich nur in dieser Sprache das Wortspiel hinbekomme, um dessen Inhalt es mir geht. Es ist kein Roman, kein Sachbuch, aber auf alle Fälle Belletristik. Eine Art Geflecht. Seltsame Menschen geistern darin herum, Zeiten und Länder verschränken sich. Kein Buch, eher ein Zwischenraum.

Und es hat mich selbst schier umgeworfen, als sei ich nicht ganz so beteiligt an der Schöpfung. Denn plötzlich finden alle Texte eines mir liebgewonnenen Schubladenprojekts ein neues Zuhause. Da haben über Jahre (!) ganz andere "Bücher" herumliegen müssen, damit dieses reift. Ich wollte aber auch da etwas ganz anderes schreiben und plötzlich fügt sich alles so passend zusammen, dass ich mich ebenfalls füge...
Und da ist noch etwas: Die Frage ums Veröffentlichen und Verkaufenkönnen stellt sich mir überhaupt nicht mehr. Mich interessiert nur noch, ob ich meiner Idee, meinem Ideal nahekomme. Alles andere wird sich finden.

Denn auch das entdeckt man, wenn man alte Dampfbügeleisen internetfit macht: Wie man über Jahre hinweg Lebenszeit vergeudet hat, indem man schöpferisches Schaffen an Einflüsterungen von außen anzupassen versucht hat, in der Meinung, das müsse so laufen. Diese Lebenszeitvergeudung ist viel schlimmer als jedes exzessive Surfen im Internet!

(PS: Ich bin weiter vorerst nicht erreichbar, auch nicht per Mail! Dies ist nur der Notfalltest für die Deadline. Lektorat des Beitrags entfällt, das Posten dauert steinzeitartig lang.)

Kommentare:

  1. Ui, hagelt das von Fehlern - egal.
    Der Text, der wie ein Hammer hämmerte, stammt übrigens aus dem Buch "Die versiegelte Zeit" von Andrej Tarkowskij und ist in dem Film über den Regisseur zu haben, der auf meinem Nachttisch herumfährt (s. "Nachttischgeflüster").
    Und den muss ich jetzt auch noch telefonisch statt online verlängern :-(

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  2. Die bedenklichen Mienen haben sich aufgehellt, und da Monsieur Rocco ein gepflegter Herr ist, mußten keine Hundehaare ausgekämmt werden.

    Nach anfänglichen Ziereien ließ der Patient willig sämtliche Heilmethoden über sich ergehen und ist nun um Jahre verjüngt.

    "Wie man über Jahre hinweg Lebenszeit vergeudet hat, indem man schöpferisches Schaffen an Einflüsterungen von außen anzupassen versucht hat, in der Meinung, das müsse so laufen."

    Für einen solchen Augenöffner-Anrempler-Satz nehmen wir Monsieur L'Ordinateur gern noch mal in Pflege.
    Merci dafür!

    Es grüßen die doctores :))

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