Nachtrag: Journalisten-Bohème

Einige wundern sich manchmal über mich: Ich bin mit Leib und Seele Journalistin, arbeite journalistisch aber nur in Ausnahmefällen - und verschenke hier meine Texte.

Meine Umorientierung begann vor Jahren, als wir schon einmal eine sehr viel heftigere Medienkrise hatten und plötzlich Buy-out-Verträge unterschreiben sollten (die langsam vor Gerichten für unlauter erklärt werden). Kurz und gut: Wer auch nur halbwegs unternehmerisch denken kann, kommt beim Zusammenrechnen solcher blockierten Honorare ganz schnell zur Erkenntnis, dass er eine unwirtschaftliche Firma betreibt und schleunigst das Metier wechseln sollte.

Nach dem Beitrag von gestern habe ich spaßhalber mal in die Honorare von Tageszeitungen geschaut. Da gibt es bei Mediafon eine feine Auflistung (unter Verträge und Honorare). Nun bin ich ja einiges gewohnt, aber hier musste ich mir in der Tat heftig die Augen reiben. Aber da steht klar und deutlich: Stand 14.3.2010 und nicht 1910.

Man muss sich diese Honorare für Freie einmal auf der Zunge zergehen lassen, wohl wissend, dass es sich um Brutto-Beträge handelt und der Freie davon auch noch Urlaubs- und Krankenzeiten und die Rente bezahlen muss. Wohl wissend, dass so ein Artikel im Schnitt vielleicht 80-90 Zeilen hat und man nicht täglich einen loswird. Wohl wissend, dass ein Artikel mehr als Schreibzeit braucht, denn man muss sich gerade für Lokalredaktionen stundenlange Sitzungen und Events um die Ohren schlagen.

Nur eine kleine Auswahl an Zeilenhonoraren, Quelle: Mediafon-Honorardatenbank:

AZ Lüneburger Heide 10 Cent
Badische Zeitung 25 C, bei längerer Mitarbeit 36 C
Berlinwide 20 C bei maximal 20 Zeilen
Blick Aktuell 16-18 C
Darmstädter Echo 25 C
Der neue Tag Weiden 6 C, Mantel 16 C

Man kann da weiter stöbern, Honorare unter 20 C sind keine Seltenheit.

Zum Vergleich: Mitte der Achtziger bekam ich bei meiner Zeitung 1-1,20 DM.
Das müsste ohne Lohnsteigerung also 50-60 Cent ergeben, rechnet man jedoch genauso wie alle Geschäfts- und Firmeninhaber in Euro um, wie das 1:1 gehandhabt wurde, sollte ein Freier demnach 1-1,20 E pro Zeile verdienen. Und dann wäre er immer noch auf einem Niveau der 1980er eingefroren.

Ein freier Journalist im Jahr 2010 verdient also gerade mal die Hälfte seines Kollegen von 1985, wenn es dumm läuft. Mit dem Unterschied, dass der von 1985 seine Artikel mehrfach verwerten durfte, um zu überleben. Das machen heute die Zeitungen selbst und streichen den Reibach ein.

Heftig.

Mein Fazit als Journalistin, die solcher Arbeit dann doch das Spargelstechen vorzieht:
Printjournalismus ist tatsächlich von gestern. Von vorvorgestern.

Tipp:
Betroffene Freie engagieren sich bei den Freischreibern.

Kommentare:

  1. Hmm, da wuerde sich doch die Gruendung einer On-line Zeitung fast lohnen, und wie Rupert Murdoch, es kostenpflichtig machen und wie Google, es durch extra Werbung finanzieren.

    Ich glaube es ist an der Zeit, neue Geschaeftsmodelle zu entwickeln.

    Siehe DK Publishing Werbung - stellen wir einfach alles auf den Kopf.

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  2. Ich fürchte, Sie haben den großen Streit über Print und Online verpasst. Online verdienen die Journalisten noch jämmerlicher und die Werbekunden bei Zeitungen brechen weg.

    Tatsächlich gibt es in Frankreich ein wunderbar funktionierendes reines Online-Modell, das ich einmal vorstellen wollte - bis ich hörte, dass es vom Staat subventioniert wird, also auch nur dadurch schwarze Zahlen schreibt.

    Ich fürchte, eine Lösung für Journalisten ist nicht in Sicht, solange echte Textarbeit und Recherche gesellschaftlich immer mehr entwertet wird und man nur noch "Content produziert". Die Macher egal welchen Geschäftsmodells müssen bereit sein, endlich auch wieder ordentlich Löhne für erfahrene Journalisten zu zahlen, anstatt sich an Billigstpraktikanten zu vergreifen (Stichwort Qualitätssicherung).

    Die Folgen sehen wir ja an den Zeitungen, die nicht nur deshalb kaum noch gelesen werden, weil Internet so hip ist. Sie versagen einfach zunehmend, was Qualität, Hintergrundberichterstattung und journalistische Tugenden betrifft. Und warum? Weil immer mehr Journalisten in besser bezahlte Fremdberufe abwandern.

    Es ist immer wieder lustig, wie viele Topleute vom Weinhändler bis zum Kulturmanager mir begegnen, die irgendwann hinter vorgehaltener Hand flüstern: "Eigentlich bin ich ja Journalist".

    Kommen die "Freisetzungen" dazu. Ich kenne die deutschen Zahlen nicht, sie werden ähnlich haarsträubend sein wie die französischen, die vier Nullen haben. Nur interessiert es offensichtlich keinen, wie viele Journalisten auf der Straße stehen, die produzieren ja keine Autos. Text ist ja nichts wert.

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