Ras le bol

"Bol" ist in Frankreich diese schüsselförmige Frühstückstasse für den Café au lait, in die man das Croissant besser tunken kann. "Ras" ist ebenfalls ein Ausdruck, den man in der Küche kennt: gestrichen (voll). Wenn man heute bei jeder Gelegenheit in Frankreich "ras-le-bol" hört, ist das allerdings keine Einladung zum Kaffee, sondern heißt schlicht: "Ich habe die Nase gestrichen voll".

Zwei Tage nach den Regionalwahlen steht fest, dass die Bevölkerung, die einst Sarkozy gewählt hat, endlich aufgewacht ist. Zu bunt hat er es getrieben. Doch Freude will nicht aufkommen, bis zur nächsten Präsidentschaftswahl ist er ja noch auszuhalten. Laut Le Point wünschen sich allerdings 58% der Franzosen, dass er dann gar nicht mehr antritt. Wieder einmal hat das Land eine Regierung, die es gar nicht will, eine schöne alte Gewohnheit.

Und so war es auch ein etwas verwirrtes Erwachen, als jetzt plötzlich auch noch die Regierung umgebildet wurde. Die Neuen beäugt man mit dem gleichen Misstrauen, der Filz riecht an allen Ecken und Enden gegen den Wind. Was die neuen Minister in so sensiblen Bereichen wie Haushalt, Jugend oder Arbeit anrichten werden, fragt man sich - man kennt sie zu gut von alten Posten.

Ruhig ist es heute, auf den Straßen jubeln Schüler, die schon frühnachmittags heimfahren. Ruhig ist es, wenn in den Bahnhöfen kein Zug kommt. Nur in den Straßen der Städte ist es nicht ruhig, in Straßburg demonstrierten heute Tausende. Ras-le-bol, rufen die Leute. Die Gewerkschaften haben zum "interprofessionellen" Streik gegen die soziale Misere und den Sozialabbau im Land aufgerufen. Das bedeutet, es geht alle an - Berufe spielen keine Rolle mehr, jeder streikt für jeden. Heute waren es vor allem Lehrer und Verkehrsbetriebe.

Noch ruhiger ist es im Supermarkt. Schon wieder ist alles teurer geworden, allein der Kaffee für den Bol um 20 Cent. Im Elsass haben wir es gut - wir flüchten ins viel billigere Deutschland. Die armen Familien im Landesinneren haben Glück, wenn sie auf dem Land wohnen, Kaninchen halten können und Gemüse anbauen. Wieder spielt das soziale Netz eine Rolle, bei dem getauscht wird und schwarz beschafft. Die Stimmung im Land ist gruslig, eine Mischung zwischen Depression, unbändiger Wut, Aggression und Resignation. Viele können nicht mehr.

Die Webseite der CAF, des zentralen Sozialamts, verkündet, dass seit 20. Februar "provisorisch" alle lokalen Sozialämter im Elsass geschlossen worden seien. Man sei völlig überlastet und müsse alle Mitarbeiter in die Bearbeitung der Fomulare einspannen. Für persönliche Ansprache oder Service vor Ort, für Beratung oder Hilfe habe man keine Zeit mehr. Wer etwas will, muss maschinenlesbare Formulare an die Zentrale in Strasbourg schicken. Muss hoffen, dass ihn die Maschine nicht ausspuckt. Wann die Sozialämter wieder öffnen werden, weiß keiner.

Es ist ungemütlich geworden. Viele Politiker wirken kopflos. Schnell wurde die umstrittende CO2-Steuer gekippt, die am schlimmsten kleine Pendler und ärmere Hausbesitzer (in Frankreich gibt es nur wenig Mietflächen, vor allem auf dem Land) getroffen hätte. Aber beim Rest der eilig hingefetzten Sarkozy-Erlasse oder neuen Gesetze blickt ohnehin längst keiner mehr durch. Noch nie haben Bewohner eines Landes so wenig gewusst, was sie noch oder nicht mehr dürfen. Der Bauch ist leer, aber der Wasserkopf in Paris ist es offensichtlich auch. Bleibt zu hoffen, dass sich das Volk nicht allzu billig verdummen lässt, denn die extremen Rechten haben erschreckend aufgeholt.

Lesetipp: Die Leere der Macht (ZEIT) - Analyse einer Entfremdung der Bürger vom Staat

1 Kommentar:

  1. C'est la meme chose en Angleterre et en Allemagne, avec les differences regionaux.

    Leider ist die bol allerdings noch etwas zu klein geraten um wirklich etwas zu provozieren. Wenn man vor lauter Konsumgehabe eh nicht schon verblendet ist.

    Mal sehen was am 06.Mai in England passiert.

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