Talent oder Heinzelmännchen?

Kürzlich erst habe ich das Gefühl beschrieben, das Autoren manchmal angesichts neu entworfener Texte befällt - wenn man nicht glauben mag, dass man das alles selbst geschrieben hat. Es ist, als fließe es von selbst in die Tasten.

Dieses Gefühl wiederum kennen auch Nichtschriftsteller. In Tasten kann allerlei fließen, Kaffee, Rotwein, ja sogar süßer, klebriger Milchkaffee. Nur leider wird selten ein Text aus solchen Unfällen - selbst Absinth wäre nicht begabt genug, echte Kunst aus Buchstaben zu schöpfen. Was aber ist bitteschön der Unterschied zwischen dem schriftstellerischen Fließen und dem von Tolpatsch Tippmichfroh?

Bisher dachte ich, es gehöre ein gewisses Talent dazu. Bis ich aus den Augenwinkel den Schatten wahrnahm. Und gleich wieder verdrängte. Überarbeitung mag einem ja manches vorgaukeln, aber dann auch noch schattenhafte Wesen, die über die Tastatur huschen? So nah baut das Möchtegerngenie dann doch nicht am Wahnsinn.

Als ich mich jedoch abwandte, um wenigstens Tee fließen zu lassen (in mich hinein), huschte es wieder. Schlimmer noch, es lief. Als ich genau hinschaute, sah ich nichts als eine nackte Tastatur. Trotzdem floss nun auch die Übersetzung, als müsse ich gar nicht denken dabei. Vielleicht kamen mir deshalb Märchenbilder von Heinzelmännchen in den Sinn, die nachts heimlich tolle Texte in die Tasten tippten, die ich tags für die meinen halten würde - mit einem seltsamen, unerklärlichen Fremdheitsgefühl. Einen Teufel würde ich tun, die hilfreichen Kleinen mit ausgestreuten Erbsen überführen zu wollen, wie man das im Märchen inszenierte. Im Gegenteil - ich könnte ganz gut noch ein paar Heinzelmännchen mehr brauchen - für den Haushalt zum Beispiel.

Müde strich ich mir abends über die Augen. Hörte auf mit der Fingerhämmerei. Lehnte mich zurück, dehnte meinen Rücken und freute mich auf den Feierabend. Da ist es dann passiert.

Es streckte seine Fühler zwischen den Umlauten heraus und sondierte, ob die Luft rein war. Sein Kumpel im Nummernfeld war frecher und kam mit dem ganzen Kopf zum Vorschein. Alles hätte ich darum gegeben, das Gespräch zwischen den beiden Heinzelmännchen hören zu können. Sie müssen beschlossen haben, dass von dem wurstfingrigen Hackemonster nun nichts mehr zu befürchten sei. Der aus den Umlauten schaute mich frech an und stemmte sich mit den ersten beiden Krabbelbeinen aufs "ö". Öha! Erwischt!

Aus dem Zahlenfeld sprintete im Affenzahn der Kollege in Schwarz. Zipfelmützchen trugen sie beide nicht, dafür aber jede Menge lustiger Punkte auf den Klamotten. Der Buchstabentyp in Rot drehte sich um die eigene Achse und linste auf den Bildschirm. Ob ihm der Text gefallen hat? Ich werde es wohl nie erfahren, denn ich spreche leider nicht die Heinzelmännchensprache.

Die beiden Marienkäfer waren dann auch zu schnell weg. Und ich sitze wieder da mit meiner nunmehr unbelebten Tastatur und frage mich: War das Glück? Waren es wirklich Heinzelmännchen? Talent ist es jedenfalls nicht. Das kann ich jetzt als Ursachenvermutung für gute Texte beruhigt ausschließen. Und wenn mich wieder einmal das Gefühl befallen sollte, dass das gar nicht ich selbst bin, die es in die Tastatur fließen lässt, dann weiß ich endlich, dass ich nicht spinne. Es sind diese seltsamen huschenden Schatten, die Wesen im Untergrund, die unsere Texte tippen.

Für den üblichen "Fail", die Absagen von Verlagen, die nicht erfolgende Verpuppung von Manuskripten zu Bestsellern, gibt es jetzt endlich auch eine einfache biologische Erklärung. Nicht jeder hat das Glück, einen gestandenen Siebenpunktkäfer in seiner Tastatur beherben zu können. Die meinen kamen aus Thailand, waren gepunktet zum Umfallen, Inspiratoren zum Dumpingpreis, Sklavenarbeiter. Und die falsche Sprache wisperten sie obendrein. Was macht man in einem solchen Fall?

Ganz einfach: Ich setze sie statt Löwen auf frühe Blattläuse an (die Jungs haben einen gesegneten Appetit) und sage meinem Hirn, dass es endlich lernen soll, schriftstellerisch bis Sieben zählen zu können. Selbst ist die Frau.

Kommentare:

  1. Das Wesen hatte Punkte? Dann waren es keine Heinzelmännchen, dann war es das Sams! Und wie wir von Herrn Notbier wissen, muss man achtsam damit umgehen, denn wenn man zu schnell und unbedacht wünscht, dann sind die schönen Wunscherfüllungspunkt weg - einfach vergeudet!!! - und das Sams muss gehen.....

    Also!!!

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  2. Who the hell is Mr Notbier? Muss man den kennen? Wichtelforscher? Märchenerfüller? Rabattmarkenabschlecker bei Schlecker?

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  3. Sach mal, wo ist Deine Bildung hin? Du kennst NICHT "Eine Woche voller Samstage"?

    Da kommt das Sams, ein kleines, wurstähnliches Wesen, zu Herrn Notbier und chaotisiert ein bisschen sein Leben. Unter anderem dadurch, dass er so unbedacht vor sich hinwünscht und das dann in Erfüllung geht.

    Tststs!!

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  4. Natürlich habe ich jetzt schnell und heimlich meine fehlende Bildung geguglhupft.
    Zu dumm, als die Erstausgabe erschien, las ich gerade Mr Bulwer-Lytton, und als ich klein genug war für die Sams, bekam ich nur russische, tschechische und sonstwie östliche Kinderbücher in Übersetzung (wie mir das geschadet hat, sieht man an diesem Blog).

    Aber er heißt Taschenbier, Taschenbier, ätschebätsch! ;-)))
    (Was wäre ich eigentlich ohne Wikipedia?)

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  5. Na, immerhin das ".....bier" war richtig!

    :-)))

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