Wie wird man Übersetzerin?

Eben habe ich lektoratsfeine achtzig Seiten meiner Buchübersetzung für die Vertreterkonferenz in den Verlag geschickt. Ich fühle mich wie nach einer schweren Knochenarbeit und bin vom Recherchieren möglicherweise notwendiger Fußnoten ziemlich erschöpft. Ein Übersetzerkollege wird jetzt wahrscheinlich wieder schmunzeln und daran denken, wie ich ihn panisch fragte, ob es normal sei, dass ich nicht täglich zehn Seiten schaffe. Zumal es um ein Fachthema geht, literarische Passagen aus früheren Zeiten zu übersetzen sind. Es ist nicht mein erster Übersetzungsauftrag, aber das erste Buch.

Nun entdecke ich das sehr lesenswerte Interview mit der Übersetzerin Cornelia Holfelder von der Tann: Wie werde ich Übersetzerin? Sie erzählt dabei nicht nur von ihrem Werdegang, sondern auch von einem Berufsalltag, der mir mehr und mehr vertraut erscheint. Meine erste Reaktion war ein tief erleichtertes Seufzen - so schlecht bin ich also gar nicht. Man kann gar nicht mehr schaffen, man ist tatsächlich nach wenigen Stunden in diesem Beruf Gemüse! Auch erklärt sich mir jetzt, warum diese ersten achtzig Seiten die schlimmsten waren.

An vielen Stellen habe ich schmunzeln müssen. Etwa bei der Tatsache, dass man Originale manchmal schönen muss. Mein Autor baut stellenweise über längere Passagen fast maniriert Erstklässlersätze à la "Sie kam. Sie nahm. Sie sagte. Sie ging." Einer seiner Übersetzerinnen (das Buch wurde schon in 20 Sprachen übersetzt) nahm die Kritik die wörtliche Übersetzung übel, man glaubte, sie schreibe so. Also muss geglättet werden, ohne dass Rhythmus und Art darunter leiden. Und dann muss ich mich passagenweise völlig umstellen, wenn halbseitige Zitate aus der Hochliteratur kommen. Leider nie ins Deutsche übersetzt, so dass man auf bestehende Versionen nicht zurückgreifen kann.

Schmunzeln musste ich auch beim Werdegang. Meiner ist ähnlich verrückt. Ich spreche und verstehe zwar ziemlich viele Sprachen, kam aber nie auf die Idee, daraus etwas zu machen, weil ich damit ja keinen "richtigen" Beruf erlernt hatte. Und als ich vor einiger Zeit auf dem französischen Arbeitsamt nach einem Brotjob suchte, sagte mir der Sachbearbeiter frech ins Gesicht, ich sei schwer vermittelbar, weil ich die französische Grammatik beim freien Formulieren zu sehr mit Fehlern spickte. Immigrée halt...

Es klingt wie ein Märchen - eine Sachbearbeiterin meines Dossiers stellte fest, dass ich sprachbegabt war. Und eine gute Bekannte von ihr suchte händeringend nach einer Übersetzerin für Französisch - Deutsch. Ein paar Telefonate später saß ich, die ich angeblich nie genug Französisch können würde, mit einem Auftrag da, der mich schwindeln machte. Ich sollte in extrem kurzer Zeit ein Theaterprojekt übersetzen, in dem es auch noch von unterschiedlichen Sprachschichten nur so wimmelte. Das kann ich nie, dachte ich. Wenn ich diese Chance verpasse, gehöre ich geschlagen, dachte ich danach und sagte zu. Dabei wollte ich überhaupt nicht Übersetzerin werden. Das Stück ist seit zwei Jahren erfolgreich auf der Bühne.

Irgendwie hat sich das dann herumgesprochen. Es kam zu einem Kontakt mit kleineren Textaufträgen. Vom Tourimustext bis zum Arbeitsvertrag. Noch ahnte ich nicht, dass ich meinen eigenen Arbeitsvertrag übersetzte. Ehe ich es begreifen konnte, war ich in einem deutsch-französischen Team und arbeitete zweisprachig, simultan. Seltsam, dass ich über Archäologie, alte Minentechniken und Grenzgeschichte so viel besser sprechen konnte als beim Arbeitsamt! Auf einmal verstanden mich die Leute. Und ich habe auch keine Angst mehr vor zweisprachigen Konferenzen.

Und das sprach sich dann wiederum woanders herum, in Deutschland. Da hatte ich ja auch schon Spezialthemen mit meinen Büchern und meinem Blog gezeigt. Wie durch ein Wunder fiel also dieses Buch aus dem Verlag Calman-Levy vom Himmel. Über mein absolutes Lieblingsthema, das ich selbst schon recherchiert hatte. Ein Wälzer von 600 Seiten. Das kannst du unmöglich können, sagte ich mir. Wenn du das nicht machst, gehörst du geprügelt, sagte ich mir dann und unterschrieb den Vertrag. Jetzt, nach ziemlich vielen Seiten, übersetze ich auch mal Passagen berühmter Literaten, ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist unwahrscheinlich, wie viel man bei dieser Arbeit lernt.

Französisch habe ich übigens nie gelernt. Jedenfalls nicht in normalen Kursen - das kann ich bei keiner Sprache. Schuld daran ist ein Lehrer, der uns als Zehnjährigen verboten hatte, in einem freiwilligen (!) Altgriechisch-Kurs zu übersetzen. Stattdessen präsentierte er uns einen Bibeltext in Wort-für-Wort-Übersetzungen, die untereinander in Reihe standen. Oben Altgriechisch. Darunter - zum Verstehen - Italienisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Lateinisch, Arabisch und - Sanskrit! Deutsch war verboten. So lernten wir etymologische Zusammenhänge zwischen Sprachfamilien begreifen und Sprachen erfühlen.

Einer der besten Freunde dieses Lehrers war ein gewisser Aland, mit dem ich dann als Theologin zu tun hatte - von ihm stammt die berühmte kommentierte Ausgabe des Novum Testamentum Graece. Und unser Lehrer erklärte in der Schulzeit, wie dieser Mann sich ein System erarbeitet hatte, innerhalb von vierzehn Tagen norwegische, schwedische und dänische Zeitungen lesen zu können, ohne diese Sprachen je gelernt zu haben. Ich war hin und weg - und statt zu spielen malte ich Packpapierrollen mit etymologischen Eselsbrücken voll. Ich konnte nicht mehr pauken. Als ich in einer Prüfung eine Vokabel nicht wusste, mich aber erinnerte, es sei das dritte Wort links auf Seite Soundso gewesen, erklärte mir der Lehrer etwas von nützlichem fotografischen Gedächtnis und gab mir die volle Punktzahl.

In Polen hatte ich das unverschämte Glück, Einzelunterricht bei einer Polonistin und Linguistin zu genießen, die mir die Sprache ähnlich näherbrachte - nebst dem Verstehen von geschriebenen Texten verwandter slawischer Sprachen. Noch heute lese ich mit Inbrunst Packungstexte auf Kroatisch oder Tschechisch, Slowakisch oder Russisch, um zu testen, wie viel davon verstehbar ist. Innerhalb von drei Monaten sprach und schrieb ich fast fließend Polnisch. In normalen schulischen Kursen versage ich dagegen kläglich und so half auch das Eintrichtern von französischen Grammatiklisten nicht viel. Mein Hirn machte einfach dicht. Wenn meine Freundin mit Französisch-Hausaufgaben kam, konnte ich ihr nicht helfen.

Ich habe Französisch zuerst mit Donald Duck gelernt. Ich wollte das Heft verstehen und las es so lange von vorn bis hinten durch, bis ich das konnte. Die Bilder halfen mir dabei. Später kaufte ich mir ein richtiges Buch, diesmal wollte ich das ohne Bilder schaffen. Ich muss nicht dazu sagen, dass ich damals eine völlig andere Geschichte verstand, als in dem Buch drinstand. Und dann kam das Nachahmen via Fernseher, Menschenbeobachtung und Selbstversuch. Ich kann heute noch nicht sagen, wie jeder Casus Knaxus heißt. Ich bin unwahrscheinlich maulfaul, wenn es um Alltagstratsch auf Französisch geht. Aber immerhin kann ich erspüren, warum ein Autor jetzt genau dieses Wort verwendet und kein anderes. Und warum es diese und diese Nuance im Deutschen habe sollte.

Es ist wie Heimkommen. So viele Jahre habe ich von mir geglaubt, ich sei dümmer als die anderen, weil ich nicht "ordentlich" lernen konnte, weil ich nichts aufsagen kann, mich nicht "abprüfen" lassen kann. Ich hielt mich beruflich für einen polyglotte Versagerin, wäre nie auf die Idee gekommen, dass genau dieses Gleiten zwischen den Sprachen gefragt sein könnte. Und schließlich hatte ich ja das Arbeitsamtssiegel: "schwer vermittelbar". Wegen ungenügender Sprachkenntnisse.

Unlängst bekam ich sogar eine Einladung (einer meiner Mitleser wird jetzt lachen!). Für einen vom Staat empfohlenen Sprachintegrationskurs für Immigranten. Jetzt, nach über zwanzig Jahren in Frankreich, bieten sie mir an, endlich richtig Französisch zu lernen. Damit ich auch endlich richtig arbeiten könne.

PS: Demnächst wird meine Webseite diesbezügich überarbeitet, damit man als Auftraggeber auch meine Fachgebiete sehen kann.

Kommentare:

  1. Viel Erfolg weiterhin wünsche ich. Das liest sich sehr beeindruckend. Als Autodidaktin (allerdings auf anderen Gebieten) kann ich manches davon nachvollziehen.

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  2. Und der Lebenslauf von Texterhäschen liest sich höchst vergnüglich!
    Ich hatte Glück, unendlich viel Glück. Ich hätte an weniger ausgeflippte Lehrer geraten können, dadurch schlechte Noten schreiben und Schiffbruch erleiden können.

    Gegen jenen Lehrer lief damals eine massive Elternkampagne, er sei unfähig, würde die Kinder überfordern, verderben, sich nicht an den Lehrplan halten etc.pp.
    Ich habe noch Lehrer erleben dürfen, die Kinder förderten...

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