Duften wie ein Buch?

Was macht man, wenn man in Arbeit bis zur Oberkante des Schädels steckt? Man könnte ein paar Sinne in Urlaub schicken, die gerade nicht gebraucht werden. Ein Kaffee, der duftet und schmeckt, macht eben wacher als nachlässig geschlucktes Koffein. Und mancher Duft gaukelt sogar ellenlange Zeit vor, die nicht vergehen will. Bei Wintereiseskälte und Arbeitsstress vermittelt mir ein warmer Duft, den ich für üppige Freizeit verwende, Pausen - und entspannt obendrein.

Ich bin ja ein elender Nasenmensch, der auch seine Rosensorten beschreibt wie Wein bei einer Verkostung. Und wie ich kürzlich noch von gewissen blauen Düften und Parfums aus der Zeit der Ballets Russes geredet habe, kam ich natürlich angesichts einer Parfumerie auf schräge Gedanken. Das Publikum der Ballets Russes erschnüffeln, wäre das heute noch möglich? Ich muss dazu sagen, dass ich eine gut ausgebildete, sehr angenehme, kenntnisreiche und freundliche Fachverkäuferin erwischte - heutzutage eine absolute Rarität. Zum Glück, denn mir passierte Schreckliches.

Natürlich stehen nicht alle historischen Parfums im Laden - umso verblüffter war ich, Mitsouko aus der Zeit des Ersten Weltkriegs dort zu finden, immer noch im von den Ballets Russes inspirierten Flakon. Ein auch heute gefälliger, zarter orientalischer Duft, der mich an Parfums wie Fidji oder L'Air du Temps erinnert: Pudrig, floral bis frisch, aber androgyner als die neueren Düfte. Madame wollte nun endlich auch einmal schnüffeln, was sie als den Duft des Orientalismus jener Zeit beschrieben hatte: Shalimar. Ich war vorsichtig, nachdem ich im Internet recherchiert hatte und so extrem unterschiedliche Beschreibungen und Erlebnisse fand.

Auf dem Papierstreifen roch es betörend. Dann kam der Härtetest auf meiner Haut: wunderbar frisch nach Zitrusfrüchten in der ersten Kopfnote. Sekunden später das Desaster. So schlimm habe ich das noch bei keinem Parfum erlebt. Vielleicht kennt das mancher: Ein Duft riecht an anderen wunderbar und an einem selbst, als sei der Inhalt des Flakons umgekippt. Bei mir war es noch schlimmer. Ich nahm mir selbst den Atem. Erste Assoziation: Kloputzmittel. Zweite Assoziation: Eine Krankenschwester, die sich tagelang nicht gewaschen hatte. Schlimm! So sollte ich nun durch die Stadt laufen!?!

Die Verkäuferin gab mir den Tipp, genau das zu tun - und zwar ausführlich - und die besprühte Stelle schön warm zu halten. Und zu warten, was passiert. Heimlich näselte ich immer wieder und kam langsam darauf, welcher scharfe, fast ätzend wirkende Geruch mich aufgeschreckt hatte. Es war eine intensive Note von grünem Anis auf Bergamott, und das auf irgendetwas übel Tierischem. Und eins von den dreien oder alles zusammen ging bei mir gar nicht. Also ließ ich mir lieber Wind um die Nase wehen und dachte daran, dass diese Wolke um mich herum meinem Hund hätte gefallen können.

Irgendwie war aber mein Autorenstolz verletzt. Ich konnte doch nicht in einem Buch über ein Parfum schreiben, das derart schauderhaft auf der Autorin selbst müffelte! Hatte ich nicht die richtige Haut für mein Buch? Oder ist es einfach spinnert, so riechen zu wollen wie die eigenen Protagonisten? Gut, einige andere Parfums aus dieser Zeit waren auch nicht so mein Ding. Aber ich bin nunmal die komplett spinnerte Rechercheuse - ich will mein Buch auch riechen! Ich vergaß meinen Arm und bummelte. Irgendwann erinnerte ich mich an die Duftspur und schnüffelte noch einmal. Und war hin und weg.

Kürzen wir das Abenteuer ab. Die Verkäuferin hat es mir auch erklärt: diese Düfte von damals bestehen aus echten Ingredienzien, nicht synthetisch nachgebauten - immer noch. Stabile, immer gleiche Düfte werden eigentlich fast ausschließlich von synthetischen Stoffen hervorgerufen und die sind Inhalt gerade der Trenddüfte, der modernen Moden. Da kommt es darauf an, ein eindeutiges Werbeimage und Geruchsbild bei möglichst vielen Menschen abzurufen, auf Sprühdruck sozusagen. Natürliche Duftstoffe, das kennt man von echten reinen Rosenölen, sind dagegen labil und launisch. Sie verändern ihren Charakter je nach Herkunft der Materialien, Umfeld des Tragens und Haut. Sie bilden eine Einheit mit dem Schweiß und riechen darum auf jeder Haut anders, an jedem Tag neu. Und für manche ist man dann vielleicht einfach nicht der Typ. Manche Menschen haben vor lauter künstlichen Aromen sogar verlernt, Natur wahrzunehmen.

Mit diesem Parfum ist das extrem - es lebt geradezu ein Eigenleben. Kein Ding für Gewohnheitstiere und nicht unbedingt ein bequemer Duft. Ich habe es noch mehrfach ausprobiert und festgestellt, es ist nicht nur temperatur-, sondern auch temperamentabhängig. An jenem Vormittag hatte ich mich zuvor über eine schlechte Nachricht furchtbar aufgeregt. Also fühlte ich mich nicht nur wie nach einem Griff ins Klo, sondern roch auch noch nach Kloputzmittel. An guten Tagen verfliegt dagegen ein angenehmer frisch-grüner Anishauch ganz schnell und macht den weichen orientalischen Nuancen Platz. In frühlingshafter Wärme wandelt sich Frucht in den Flausch von Vanille, Tonkabohnen und einem leichtem Hauch von Weihrauch...
Die Autorin ist wieder zufrieden: so lebendig und kaum fest greifbar war auch diese Zeit, die sie zu beschreiben versuchte.

Es kann sich also umkehren: Wir drücken nicht nur mit der Wahl des Parfums etwas über uns selbst aus - ein hochwertiges Parfum redet sogar hinter unserem Rücken über unsere heimlichen Befindlichkeiten.
Wäre ich "Nase", würde ich jetzt den ganz persönlichen "Ich fühl mich wohl und entspannt"-Duft einsperren, um ihn in Stresszeiten zu schnüffeln. Aber ich fürchte, kurz vor der Deadline würde ich wieder zu einem medizinischen Anisbonbon. Was tun? Genau - noch einen Kaffee, da weiß man, was da riecht und immer ist es gut.

Damit verschwindet die Autorin wieder an ihre Übersetzung, in der es nach Schweiß, Ölfarbe, Liebe, Ölsardinen, Absinth, altem Holz, Staub, Pulverdampf, Pferdeäpfeln, ersten Autoabgasen, Firnis und Schminke müffelt. Da fällt mir auf, dass ich in letzter Zeit vermehrt Ölsardinen kaufe...

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