Nachttischgeflüster (2)

Es gibt nichts Schöneres, als zwei Arbeitstage durch Computerärger zu verlieren, nun läuft der wieder halbwegs, dafür ging dann gestern mein Webseitenprovider in "Migration" mit Hardware. Ob sie wieder richtig läuft, checke ich jetzt nicht, denn Blogger hatte auch plötzlich einen Aussetzer. Im Moment geht Posten nur noch mit dem "alten" Editor. Da ist man doch reif fürs Bett!

Deshalb lädt die Autorin wieder großherzig ins Schlafzimmer, um ein gewisses Nachttischchen zu begutachten. Wer noch nicht weiß, wie es dort aussieht und was die nackten Wellensittiche dort mit Brigitte Bardot zu tun haben, der möge zuerst das Intro hier lesen. Hartgesottene und Wiederholungstäter bleiben da!

Die Autorin kramt verzweifelt nach der passenden intimen Musik - ich würde sagen, wir lassen einfach mal einen Tarkowskij-Film tönen, das könnte ganz gut hinkommen. Die nackten Wellensittiche ergreifen die Flucht und geben den Blick frei aufs Allerheiligste:

Obenauf das dünne Ding sind zwei DVDs mit Filmen. Andrej Tarkowskij: Das Opfer (1986), absolut medien, auf CD 2 ist ein Portrait des Cutters Michal Leszczylowsky über den Film, den Regisseur, mit Zitaten aus Tarkowskijs Buch "Die versiegelte Zeit", dem ich schon lange vergeblich nachjage. Sicher kein Film zum fröhlichen Abendessen, er ist nicht nur kurz vor seinem Tod fertiggeworden, sondern hatte ausgerechnet zwei Wochen nach Tschernobyl Premiere. Ein Film wie eine Vorahnung - es geht um eine atomare Katastrophe. Ich schaue ihn mir an, weil ich Tarkowskij-Fan bin und weil ich endlich gewisse Bilder wiederfinden muss. Aus einem Film, den ich einmal auf russisch sah und diese Bilder haben sich eingebrannt.

Vorsicht, russisch geht's weiter, allerdings in neuerer Übersetzung von Thomas Reschke, der mir bei der Übersetzung von Kotschergin schon positiv aufgefallen war. Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita, Sammlung Luchterhand. Aufmerksame Nachttischbeobachter werden feststellen, wenn mich ein Autor begeistert, müssen mehr Bücher von ihm her. Und diesen russischen Dr. Faustus soll man ja gelesen haben.

Einer, von dem ich bisher nur Ausschnitte gelesen habe, ist jetzt endlich auch dran. Es gibt so viele Autoren zu entdecken, die man angeblich kennt und doch nie gelesen hat. Anfangen werde ich mit Klaus Mann: Symphonie Pathétique, Edition Spangenberg. Irgendein freundlicher Vor-Leser hat zu den Kapiteln die Stellen der Symphonie verzeichnet - womöglich gibt es da Bezüge? Ich hasse es, wenn Leute in fremde Bücher schmieren, aber das könnte interessant werden. Für Outsider: Es handelt sich um einen Roman über Tschaikowsky.

Ist mir der Roman sympathisch, stürze ich mich ins trockenere Werk, die Autobiografie. Klaus Mann: The Turning Point. Der Wendepunkt, rororo. Hierbei handelt es sich um die Gesamtausgabe beider Fassungen. Nicht lange vor seinem Selbstmord hat Klaus Mann zur ersten Biografie noch einen Teil angefügt.

Nach so viel Pathos und Endzeitstimmung braucht Madame noch etwas Kurzweil. Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis, Diogenes. Das Buch ist ein typischer Marketingunfall, heißt wie heutzutage alles "Thriller" und beginnt aber stattdessen wie eine amüsant-ironische Erzählung, die wahrscheinlich zum Krimi wird. Und Kiew liegt auch nicht in Russland, sondern der Ukraine. Kein Wunder, dass Kurkows Bücher allesamt in unterschiedlichen Regalen einsortiert sind. Einer, der nicht in Schubladen passt, macht mich neugierig, der Königspinguin, der mit dem Hautakteur eine kleine Wohnung teilt, ebenso. Das Tier ist göttlich! Nur diese angeblich exotische Satire, dass ein Journalist Nachrufe schon vor dem Ableben für die Schublade verfasst, die ist zumindest im Westen seit meiner Volontariatszeit knallharte Realität.

Damit's mir nicht zu wohl wird, noch ein Bildungsbuch. Maurizio Calvesi: Futurismus. Taschen, Reihe Kunstgeschichte. Oder anders gesagt: Wenn man ständig darüber schreibt (s. Blog), sollte man sich auch mal in der Tiefe damit beschäftigen. Erstes Durchblättern: Fabelhafte Bilder, die meisten bisher ziemlich unveröffentlicht. Und scheinbar eine gute Einordnung in andere Strömungen der Avantgarde.

Nein, das ganz dicke Buch zuunterst ist kein Bildungsbuch. Es ist ein Lustbuch. Einmal kurz durchgeblättert, schon stand fest: das muss ich kaufen! John E. Bowlt: Moskau und St. Petersburg. Kunst, Leben und Kultur in Russland 1900-1920, 642 Abbildungen, C. Brandstätter Verlag. Bowlt ist einer der bekanntesten Spezialisten für das Silberne Zeitalter und die Russische Avantgarde. Aber der Mann kann auch noch mitreissend schreiben, was man leider nicht von allen Kunstspezialisten behaupten kann. Das Buch ist umwerfend allein von der Bebilderung - und naja, ich lese sowas, wie andere Leute Geschichten über Serienmörder lesen - mit Hochspannung. Wenn ich mehr als ein Autorengeld hätte, würde ich mir auch noch die Bände über München, Berlin und Paris kaufen und alle Bücher von Bowlt obendrein. Antiquariat - ich komme!

Das muss reichen für vier Wochen. Wie immer sind all diese Betthupferl in der Stadtbibliothek Baden-Baden auszuleihen - aber erst, wenn ich sie ausgelesen habe. Und alles, was mir gefällt, bekommt dann auch eine Rezension. Lohnt sich doch, uralte und seltenere Bücher auszugraben!

Ob ich an einer Kyrillomanie leide, oder am Petersburgfieber? Ach was. Wahrscheinlich benutze ich nur die falsche Bibliothek in der falschen Stadt. Oder kann mal wieder Arbeit und Privatvergnügen nicht trennen?

Kommentare:

  1. Petra, du bist schlimm!
    Denk doch auch mal an die armen Geldbörsen deiner armen Blogleser.

    Denn das Schlimmste ist ja - man will diese Bücher HABEN und nicht bloß ausleihen...

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  2. OFFLINE Computerschaden!!!!

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  3. @Jan
    Natürlich denke ich an die Geldbörsen, zumal viele Bücher, die ich frech empfehle, im normalen Buchhandel oft gar nicht mehr zu haben sind.
    Mit meinem Nachttischgeflüster möchte ich auch hemmungslos Werbung für Bibliotheken machen - auch sie erhalten unsere literarische Vielfalt, sofern sie genutzt werden. Und heutzutage hat jede Stadtbibliothek Fernleihe - die Möglichkeiten sind unerschöpflich.

    Alle genannten Werke hole ich aus der Stadtbibliothek Baden-Baden - die sind also auch per Ferneleihe woanders zu haben. Ich bin mir aber sicher, dass Standardwerke wie Bulgakow oder Mann auch in anderen Städten herumstehen!

    Also: Das Lesen dieser Bücher kostet lediglich einen winzigen Jahresbeitrag in einer Bibliothek!

    Und für die Gierigen wie dich un mich: nicht alles, was ich auf den Nachttisch lege, lohnt sich zum Habenwollen. Was sich lohnt, muss man meist im Antiquariat suchen, online kein Problem.
    Wenn man nicht so wie ich seit Jahren einem Buch hinterherrennt, das immer entweder zu teuer ist oder sich versteckt...

    Aber wieso soll es euch besser gehen als mir?

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