Von Malern, Musikern und Dichtern

Zur sonntäglichen Gemütlichkeit möchte ich wieder einmal fernab von Hypes und Trends gute, manchmal auch ältere Bücher empfehlen, gnadenlos subjektiv ausgesucht und selbst für gut befunden (Ich schreibe nicht nur selbst, ich lese auch selbst). Diesmal die Kurz-und-Knapp-Version.

Rainer Maria Rilke: Die Gedichte. Insel Verlag
Zu Rilke muss man nichts mehr sagen - aber wer ihn so gern liest wie ich, findet in diesem Buch in gutem Preis-Leistungs-Verhältnis eine Gesamtausgabe seiner Gedichte auf Dünndruckpapier. Hilfreich: Das Register nach Gedichtanfängen und Titeln und eine Zeittafel zu Rilkes Leben und Arbeiten. Kurzum: Für Fans ein Muss.

Kerstin Decker: Mein Herz - Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler. Propyläen Verlag.
Vorweg: Ich liebe Else Lasker-Schülers Werke. Und ich habe auch schon eine ältere Biografie über sie in der Bibliothek. Diese Neue ist so gut und sticht derart von allem ab, was ich bisher überhaupt als Biografie gelesen habe, dass ihr eigentlich eine längere Rezension gebührt (kann ich vielleicht nachholen). Kerstin Deckers Buch kann grundsätzlich als Beispiel gelesen werden, wie man eine brillante Biografie schreibt, die einfühlsam und respektvoll mit ihrer Figur umgeht und trotzdem objektiv und kritisch bleibt. Und sie ist eines jener seltenen Beispiele, dass man Sachtexte erzählerisch und auf literarischem Niveau verfassen kann.

Dazu kommt, dass das Leben der Dichterin parallel zum Niederschlag in ihrem Werk erzählt wird, wobei die Originalzitate kursiv gedruckt sind. Damit beleuchtet die Biografie zusätzlich Unverständliches oder Vergessenes in Else Lasker-Schülers Texten und macht mit Hintergründen etwa zu den Fantasienamen realer Personen bekannt. Am Ende hat man nicht nur eine faszinierende Frau und ein hochdramatisches Leben kennengelernt, sondern auch wichtige Texte von ihr, die endgültig auf den Rest neugierig machen. Prädikat: "Ich gäbe was drum, wenn ich so schreiben könnte".
Allerdings vermisste ich bei diesem liebevoll gestalteten dicken Buch ein praktisches Lesebändchen.

Der Blaue Reiter, Minibuch, Prestel Verlag (ISBN 978-3-7913-3363-2)
Hier handelt es sich nicht um den großen Ausstellungskatalog, sondern um ein kleines Minibüchlein (deshalb die ISBN), das aus demselben entstanden ist. Ideal für die tägliche Inhalationsdosis Kunst aus der Handtasche oder als buntes Mitbringsel statt Blumen. Eine kleine Einleitung und Bilder von Marc, Kandinsky, Münter, von Jawlensky, Macke und Klee in sehr guter Druckqualität. Farbenrausch für zwischendurch.

Joe Jackson: Ein Mittel gegen die Schwerkraft. Musikalische Wanderjahre. Satzwerk Verlag
Als mir jemand diese Autobiografie des Musikers empfahl, winkte ich zuerst ab - man kennt ja die üblichen Promiautobiografien bis zum Erbrechen. Diese ist wahrscheinlich deshalb in einem unbekannteren Verlag erschienen, weil sie genau dieses Erbrechen nicht verursacht und eigentlich auch viel mehr ist: Ein wunderbares Buch über die Liebe zur Kunst / Musik und das Wesen des Künstlerdaseins. Joe Jackson benutzt sein Leben bis zum Durchbruch eigentlich nur als roten Faden, um sich Gedanken über das Schaffen und Schöpfen, den Kunstbetrieb, die Marketingmaschinerie und vor allem das Durchhalten, Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Gehen, die bittere Armut, die Fehlschläge zu machen. Und diese Gedanken sind so profund, dass mein Exemplar mit Bleistift bekritzelt ist. Zitierwürdiges findet sich fast in jedem Absatz.

Ein Muss für alle, die sich in die Welt der Kunst begeben, die an ihr leiden oder an der "anderen" Welt außerhalb; für alle, die sich fragen, warum sie dieser bekloppten Berufung nachgehen und warum manche Leute einfach mehr brauchen als Atmen und Essen. Und dieses Buch kann man lesen, ohne je etwas über Joe Jackson gehört zu haben, ohne etwas von Musik zu verstehen. Spontanzitat von S. 86:

"...unsere Kultur so sehr von Vermarktung und Werbung bestimmt wird, dass uns allen inzwischen die Denkweise von Marktingstrategen näher ist als beispielsweise die von Künstlern. Wir neigen dazu, auf die Märchen der Marketingleute hereinzufallen, dass wenn etwas nicht sauber in irgendeine Kategorie passt, dass es dann auch kein Publikum dafür gibt..." In jenem Abschnitt geht es dann weiter um Zielgruppengewäsch und Idiotisierung des Publikums, Autoren kommt das sicher bekannt vor. Und damit sei noch eine Warnung ausgesprochen: das Buch ist etwas für Leute mit sehr eigenem Kopf, egal, in welcher Kunstrichtung sie arbeiten. Es ermuntert dazu, ihn auszuformen. Auch Musikern rückt es den Kopf zurecht - da wird nicht mehr in Schablonen gedacht zwischen Klassik und Pop oder Rock, da wird überlegt, was die einen von den anderen lernen könnten und wie es sich in Zwischenräumen lebt. Die Autobiografie kann aber auch ein Geschenk sein für Nichtkünstler, damit sie diese verstehen lernen - und für Joe Jackson Fans sowieso.

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