Anruf aus einem Großverlag

Gestern rief bei mir der Programmchef eines Großverlags an. Jeder Autor weiß, wie aufregend das ist, kommt es doch allzu selten vor. Umso aufgeregter war ich, als ich mich in diesem Hause noch gar nicht beworben hatte. Der Programmchef, nennen wir ihn sicherheitshalber mit Decknamen Tristan Zar, schien kaum an sich halten zu können:

- Die Idee, die Ihrem Exposé zugrunde liegt, die Zeit, die Personen ... wie soll ich mich ausdrücken ...

Ich wusste, was nun kommen würde. Übersetzt heißt das: Die Programmkonferenz hat beraten und ist der einhelligen Meinung, dass wir ein anderes Buch von Ihnen nur allzu gern gekauft hätten. Das sagen wir Ihnen so offen, weil wir wissen, dass sie nur das eine haben.

- Sehen Sie, wir müssen mit der Zeit gehen. Sie sind schon relativ alt. Was Sie an Recherche vorhaben, ist Arbeit für drei. Gewiss, diese Berühmtheiten machen etwas her, aber wären Sie bereit, sich in Latex...? Nicht, dass ich Ihnen zu nahe treten möchte, aber wir müssen VERKAUFEN!

Wie er sich das in diesem Falle vorstelle, fragte ich freundlich, weil man als Autor besser erst die Entscheider kommen lässt, bevor man sein Werk verteidigt.

- Da sind richtig gute Sachen drin: Russland. Eine Autorin in Frankreich. Kunst. Daraus können wir was machen! Waren Sie schon mal bei einem Literaturcasting? Oder kennen Sie BHL? Hätten Sie vielleicht Connections zu den Kreisen von Herrn Hegemann? Was? Sie schweigen? Sind Sie wenigstens ein Arbeiterkind, verdammt noch mal!?

- Warum das?

- Ganz einfach, weil die großen Nummern in der Branche immer schneller platzen. Wir brauchen jetzt Gegenwind, was für die Moralisten, die Altvorderen, die Ausdrucker und Papierfreaks. Qualität ist gefragt. Diesmal schlagen wir sie alle. Sie sind also Arbeiterkind! Haben sich verdammt viel Bildung im Schweiße Ihres Angesichts erarbeitet. In Brenners Park Hotel in Baden-Baden Klos geputzt, na wenn das nicht die literarische Sensation des Jahres ist! Dann kennen Sie sicher auch Anna Netrebko! Was, die war damals noch nicht...? Dann schreiben Sie verdammt noch mal ihr Libretto ab und die Merkel in den Roman rein! Was, das wird gar kein Roman? Ein erzählendes Sachbuch? Das ist ja klasse, dann nehmen wir die Dialoge von Wagner dazu. Aber an Ihrer Autorenpersönlichkeit müssen wir arbeiten. Petersburg und graue Haare, das wirkt aufs Publikum insgesamt verdammt frostig. Haben Sie nicht zum Ausgleich einen berühmten Papa?

Ich erinnerte ihn an die Geschichte mit dem Arbeiterkind. Und sagte, dass mir gewiss noch etwas einfallen würde, aber es ginge doch nun vornehmlich um mein Manuskript, in dem etwa die Kunst...

- Ich wollte Ihnen das erst später sagen. Wie soll ich das ausdrücken, uns kommt das Dadaistische etwas zu kurz, diese Parallele zur heutigen Zeit, wissen Sie, das Ablehnen der Wertesysteme, diese völlige Zerstörung von mehr als nur einem Urheberrecht. Hebeln Sie diese Urübler aus. Bringen Sie KRIEG über die Leser, ANARCHIE, verfassen Sie Urinansammlungen in den Feuchtgebieten literarischen Fäkalseins!

- Mein Buch spielt lange vor DADA.

- Seien Sie doch nicht so kleinlich. DADA war immer und überall. Werfen Sie die Leserinnen in die Schützengräben der Hochliteratur, werden Sie trivial im Hochgeistigen und trinken Sie verdammt noch mal mehr davon. Es ist doch wurscht, was im Buch steht, wir müssen VERKAUFEN. Wir wollen Ihnen ja auch nur helfen, sich besser zu vermarkten.

Endlich hatte ich begriffen, was er wollte. Plötzlich schien ich neben mir zu stehen und nahm fassungslos wahr, was ich in den Telefonhörer hinein entwarf. Ich wurde nicht einmal rot beim Lügen.

- Herr Zar, ich hätte eine Idee, zugegeben, eine einigermaßen verwegene. Schauen Sie, der BHL, also der Bernard-Henri Lévy, der kennt doch diesen brillanten Philosophen...

- diesen Botul, der über Kants Sexleben...?

- Genau. Und jetzt kommt das große Geheimnis. Ich hab das aus eingeweihten Kreisen in Frankreich...

- Ah, könnte es sein, dass wir doch noch zusammenkommen? Geheimnis ist immer gut! Reden Sie!

- Sie behalten das aber für sich! Jean-Baptiste Botul ist ein Nachfahre von A. S. Lagail und hat sich kürzlich mit Herrn Hegemann getroffen, um eine Castingshow für Möchtegernliteraten auf der Bühne zu inszenieren. Die Idee hat Botul bei Milena Moser geklaut. Und dann haben Botul und Lévi beim Tischerücken Lagail beschwören wollen und der Kerl hat einfach eine blonde Jungschriftstellerin sich aus Schall und Rauch manifestieren lassen, aber dann fuchtelte der blöde Kant dazwischen und schrie wie am Spieß, er hätte auch lieber Hasch geraucht und diese Christine Dingens (die oder die?) überlegt jetzt, ob sie nicht ein Buch über die Wechseljahre schreiben soll.

- Ich sehe noch nicht ganz, was das...

- Ich will Ihnen nur einen Überblick geben, in welche wichtigen Kreise wir vorstoßen könnten. Vor allem, wenn wir schon mal Anna Netrebkos Merkel-Libretto abschreiben. Starke Frauen, Sie wissen...

(Schmatzen)

- Wir machen das so: Ich beschaffe Ihnen einen waschechten Russen aus total armen Kreisen. Und wenn ich an Ihren Namen denke, lüge ich nicht, wenn ich sage, dass dessen Familie schon mit dem Zar zu tun hatte und in der Zeit der russisch-französischen Freundschaft damals, also ... klingelts bei Ihnen?

(Schweigen)

- Botul! Jean-Baptiste Botul, wenn das kein französisierter russischer Name ist! Und jetzt taucht der lang verschollene Wassilij Botul auf, sein wunderbarer Zwillingsbruder, der die ganze gesammelte Merde dieser Familie aufdecken wird. Stellen Sie sich die Folgen für die europäische Philosophie vor, das bedeutet einen Erdrutsch des Daseins, des Seins an sich und jeder Ontogenese in ihrer jetztletzigen Jetztzeitigkeit! Was ist da ein kleines Plagiat dagegen, ein Urheberrechtsrülpslein, heben wir doch das ganze System aus den Angeln! Wassilij Botul schreibt ein Buch, in dem Kunst vorkommt und...

- und Anna Netrebko singt bei der Buchpremiere im Festspielhaus, da haben wir das gefundene Fressen fürs Feuilleton, aus der Hand werden Sie uns fressen, vielleicht bekommen wir noch eine Videobotschaft von Putin und der Lévy muss natürlich kommen, wir verkaufen vorab eine Lizenz nach Frankreich...

- ... dann sollten wir Carla nicht vergessen.

- Welche Carla?

- Na, die singt auch. Unsere First Lady. Die könnte vielleicht gleich ihren Mann mitbringen. Damit wäre das Buchprojekt auf europäischer Ebene förderfähig.

- Klasse, klasse, klasse. Aber kann dieser Wassilij Botul denn überhaupt vorlesen?

- Der wird den ganzen Abend schweigen. Wir schieben das auf die Castingshow. Die hätten erstmals einen Taubstummen zum Superstar gekürt, um dem kreischenden Klangteppich der Medien etwas entgegenzusetzen. Meditation statt Medienagitation.

- Solche Autoren wie Sie sollten wir öfter haben. Das ist gut, richtig gut, das hat was von dieser Onto-Genesis, also diesem ganzen Seinszeug und Dasein und Hierbleiben. Das ist gut, trifft den Nerv der Genervten. Und das Buch nennen wir "Les 136 extases de la volupté"!

- Aber darum geht es in dem Buch doch gar nicht. Außerdem ist der Titel von A. S. Lagail geklaut. Das geht doch nicht.

- Und wie das geht! Wir klauen den Titel eines Autors, den es nicht gab und der eigentlich ein Anarchist war und dann steht im Buch völlig eigener Text von Ihnen und kein bißchen Lagail. Das wird die Revolution, ein Plagiat eines Plagiats, das keins ist und vorgibt, Text zu sein! Eine Seinsverwirrung, die sich Descartes in seinen kühnsten Haschischträumen nicht hätte vorstellen mögen!

- Sie meinen, ich kann das Buch so schreiben, wie ich es vorhatte, einfach so, ohne jede Änderung?

- Ja, seien Sie doch nicht so begriffsstutzig! Natürlich können sie das, interessiert doch kein Aas, was da drinsteht. Aber Sie haben uns eben die beste Verkaufsmasche geliefert. Schaffen Sie uns diese Botulbrüder her und der Lévy soll vorab was Nettes zum Buch sagen, fürs Feuilleton. Das Manuskript ist gekauft.

- Darf ich bemerken, dass ich es noch gar nicht geschrieben habe? Was Sie in der Hand halten, ist ein Exposé...

- Ach egal. Sind Ihnen 288 Seiten recht? Wozu noch Bücher schreiben, wenn man Bücher VERKAUFEN kann?!

Anmerkung der Redaktion: Die Links verdeutlichen Anspielungen. Links auf die FAZ habe ich mir verkniffen. Die mag das nicht. Weil sie so sehr hinter dem Urheberrecht steht. Bis vor kurzem.

update:
Leider keine Satire: Helene Hegemann ist für den Leipziger Buchpreis nominiert (die meisten, die auf sie hereinfielen, sitzen auch in der Jury). Ich finde, das hat Applaus verdient - jetzt wissen wir nämlich endgültig, was von der deutschen Kritiker- und Preiskultur zu halten ist.
Dafür hier ein lesenswerter Artikel über "Intertextuelle Illusionen" oder wie das Feuilleton Urheberrechtsverletzungen schönredet. Man lasse sich dabei auf der Zunge zergehen, dass meist die gleichen Zeitungen ein Leistungsschutzrecht durchdrücken wollen.

Kommentare:

  1. Liebwertester Philosophen-Kollege, der du dich nicht traust, offen zu kommentieren, sei gewiss, dass du bei mir mit dem Neoteodingens-Projekt offene Kreativtüren einrennst. Ich hätte evtl. noch einen Kollegen für das Komp(l)ott wahnwitziger Fiktivautoren in Personalunion. Aber das wird dann ganz groß als Happening aufgehängt, mit allen Connections, die wir noch nicht haben!
    Geben wir uns den Kant!
    Euer Hochwohlst.

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  2. Wenn die Geschichte auch nur halbwegs wahr ist.....hast Du dann mal dran gedacht, Hape Kerkeling drauf anzusprechen, wie man das in einen netten kleinen Film umsetzen könnte?

    Ich meine, der Hulb war doch klasse, oder auch die Königin Beatrix...

    :-)))))

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