Vorwärmwirrsinn

Leserinnen und Leser, die in der kommenden Woche Tiefschürfendes in diesem Blog erwarten, muss ich auf später vertrösten. Die Rakete befindet sich in der aufregenden Phase, in der schon der Count Down geübt wird und jeder in Cap Canaveral plötzlich merkt, was alles noch zu reparieren und einzustellen ist. Mit dem Unterschied, dass es sich bei mir um eine Spar-Raumstation à la Weltwirtschaftskrise handelt: Ein einziges Männchen, pardon Frauchen, ist für alles allein zuständig.

Es ist unwahrscheinlich, was für Fragen eine szenische Lesung mit eigenem Programm aufwerfen kann. Insgeheim lange ich mir an den Kopf: Warum kann ich nicht einfach hingehen und völlig unvorbereitet aus einem meiner Bücher vorlesen? Ich müsste nicht einmal die Texte aussuchen, die sind längst angestrichen. Aber nein, da sollen die Texte auch noch eine Art Geschichte erzählen. Immerhin, mein Veranstalter hat einen eigenen Techniker...

Und plötzlich fällt dem blutigen Greenhorn mit den nassen Eierschalen hinter den Ohren ein: Wo an diesem Kostüm mache ich dieses dämliche Funkdingens fürs Mikrophon fest? Das Kleid ist sowas von abschüssig... Und diese Tuchspielerei für ein paar Szenen, was habe ich mir da alles einfallen lassen! Nur um dann zu erkennen, dass ich im Notfall in einen Zweikampf mit meinem Headset treten werde. Profis werden sich jetzt kranklachen über meine Unsicherheiten - aber ich bin diejenige, die grundsätzlich über das einzige Kabel fällt, das auf der Bühne verlegt ist. Und zwar besonders dann, wenn man es mir vorher zeigt und mich warnt. (Merke: Profis fragen statt dorfdumm durchs Leben zu staksen.)

Mein wichtigstes Requisit ist auch endlich da. Ein Koffer, der alt und komisch aussieht, mir nicht das Handgelenk auskugelt und trotzdem sämtliche Texte nebst wohlgefüllter Wodkaflasche fasst (Theaterwhiskey ist zu umständlich, den muss man vorher kochen). In einer Abendstunde bemalt und dann gemerkt, dass das Ding nicht stabil steht. Unstabil ist gar kein Ausdruck! Ein Windhauch - und das Ding fällt um. Werden zwei nicht vollständig eingedrehte Schrauben als Zusatzfüße helfen? Soll ich Klötzchen ankleben? Was, wenn der Kleber sich bei der Vorstellung auflöst? Schnell noch einen anderen komischen alten Koffer finden? Dann doch lieber schrauben. (Merke: Sich künftig eher um Requisiten kümmern.)

Tja, die Texte. Sollte für eine Autorin das Einfachste sein. Aber die sind ja nicht von mir, sondern von Klassikern. Welchen kann man einem modernen Publikum zumuten? Welche muss ich bearbeiten, wo kürzen? Was ist als Ausschnitt verständlich? Wo muss ich womöglich wegen des Deklamierens passen? (Shakespeare und Homer haben verloren). Wie viel Überleitung brauche ich, was schwätze ich da - kann ich das frei improvisieren oder entwerfe ich das besser vorab wortwörtlich? Wie lange dauert so ein Text? Seit Tagen lese ich mit Stoppuhr laut vor. Sollten es meine Nachbarn irgendwann nicht mehr aushalten und fragen, warum ich ständig mit mir selbst rede, werde ich es auf meinen Hund schieben. Der schläft immer so schön, wenn ich vorlese. (Merke: Künftig mehr Zeit zum Auswählen anberaumen oder sich das Schlafen abgewöhnen).

Rocco ist überhaupt eine phantastische Hilfe beim Schwierigsten: der Dramaturgie. Eine "normale" Lesung ist ja einfach, man folgt den Seiten. Beim freien Programm muss nicht nur ein roter Faden erkennbar sein (in drei Akte gegliedert), eine Art Spielhandlung. Die Texte müssen auch in ihrer Wirkung ideal miteinander kombiniert werden. Sie sollen ja Emotionen hervorrufen. Dabei stumpft Dauerschmunzeln ebenso ab wie intellektuelles Vergnügen, nach der Melancholie will man wieder hochgezogen werden.

Liegt Hund Rocco also beim Lesen im seligen Dauerschlaf, dann ist das ein ideales Zeichen für eine "normale" Lesung aus einem einzigen Buch. Beim freien Programm bedeutet es: Das Publikum wird ebenfalls schnell ein Nickerchen machen. Wenn er bei einem Text plötzlich aufspringt und in Vorfreude auf einen vermeintlichen Ausflug an mir hochhüpft, dann sind das die idealen Wachmacher. Anschließend braucht es dringend etwas mit gleichmäßigem Rhythmus, um den Hund wieder zu beruhigen - vielleicht ein Gedicht? Danach ein Text, der ihn die Knickohren aufstellen lässt, wunderbar - und jetzt einer, bei dem er mit einem Plumps auf die Seite fällt! Gar nicht so einfach. Ich habe mir zwischendurch mit einem Trick geholfen - selbst Texte geschrieben. So mal schnell nebenbei. (Merke: Wenn das Publikum einschläft, ist immer der Hund schuld.)

Die verschärfte Reservierungsphase hat begonnen - Reservierung ist wegen des Menus unbedingt erforderlich! - Übrigens werde ich nach dem Dessert natürlich meine Bücher signieren.

Petra van Cronenburg: Genuss im Gepäck, am Fr., den 12. Juni 2009, 19 Uhr im Galand in Kehl-Odelshofen (Infos und Reservierung / Adresse)
Eintritt (Menu und Getränke inklusive): 35 E.

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