Hat Mainstream einen Ausgang?

Mal wieder Lust auf richtig klugen Lesestoff? Dann empfehle ich zum Wochenende den Artikel "Versuch über das Unübertragbare" von Susanne Göße im Parapluie.

Ihre These besticht: Wir leben demnach in einem Zeitalter der zunehmenden Übertragung und Übertragbarkeit, die alles vom Wert zum Geldwert erniedrige, Gleichmacherei betreibe und damit den Raum für Individualismus und kreative Schöpfung nimmt. Aber: "der " Akzent des Lebens und der Entwicklung" liege nicht auf dem Gleichen, sondern auf dem "absolut Eigenen.""

Autoren kennen "Übertragungen", wie sie Göße an anderen Beispielen bringt, aus der eigenen Arbeit: Eine Idee findet ihre adäquate Form, ein Buch wird in eine andere Sprache übersetzt oder verfilmt. Die ideale Übertragung arbeitet, das kennen wir von Literaturverfilmungen, immer mit einem Verlust, weil sie umformt und Neues schöpft. Andernfalls - das klingt zunächst banal - hätten wir es mit Kopien zu tun. Aber genau damit "dealt" unser auf den reinen Geldwert ausgerichtetes Zeitalter plötzlich noch viel lieber: mit den Kopien. Mit der Macht über die Kopien. Die Diskussion um das Google Books Settlement interessiert uns mehr als die Frage, wann Schriftsteller endlich wieder sehr individuelle und eigene Stoffe an Verlage verkaufen können.

Kommt uns Susanne Gößes Aussage aus der täglichen Arbeit nicht bekannt vor: "Im Zeitalter der Datenübertragung, der virtuellen Welten schrumpft durch die immer ausgereiftere Technik das schöpferische Moment naturgemäß immer mehr, das Verändernde soll möglichst gering gehalten werden und mit ihm der Verlust. Planung, Vorhersehbarkeit, Berechnung werden vorherrschend. Angestrebt wird das perfekte Duplikat, am besten in Echtzeit."

Susanne Göße sucht natürlich nach den Inseln, die der großen Superübertragbarkeit und Durchkommerzialisierung trotzen könnten. Kunst ist so ein Protestgebiet. Wie aber schafft man künstlerisch Eigenes, wenn der Wert des Künstlers am Warenwert seiner "Produkte" gemessen wird? Wie finden Individualisten im Massenmarkt überhaupt noch Gehör?
Schön liest sich ihre Gegenwartsbeschreibung nicht, aber treffend - Selbstausbeutung, prekäre Existenzen, zunehmende Vereinzelung unter den KünstlerInnen, die dem Malstrom der austauschbaren Beliebigkeit nicht folgen wollen oder können.

Zum Glück denkt Susanne Gößer nicht nur über die Kunst nach, sondern "überträgt" ihre Fragen auf alle Bereiche des Lebens. Sie findet dadurch eine nachdenklich stimmende Bestandsaufnahme unseres Ist-Zustands und zeigt emotionslos klar die Gefahren und Schlupflöcher auf. Liegt die Freiheit künftig, wie sie schreibt, in der Negierung, dem Sich-Entziehen? Wie aber wird der Stille dann im Heer der Brüllhälse noch gehört? Wie erobern wir uns die Freiheit des Individualismus zurück, bevor wir glattgebügelt sind? Wie werden wir wieder zu echten Schöpfern einer Kunst, einer Kultur, der Zukunft? Wo und wie lässt sich heute wirklich noch etwas bewegen - wo wird uns unsere Pseudomacht nur vorgegaukelt?

Der Artikel gibt keine einfachen Antworten. Er wirft eine Menge unbequemer Fragen auf und reizt zur Reaktion. Aber er sei jedem ans Herz gelegt, der fühlt, dass im jetzigen System etwas nicht stimmt - und vor allen denjenigen, die sich Gedanken darüber machen, wie sie selbst und ihre Arbeit weder mehr Bedeutung erlangen könnten, als nur ein austauschbares Cent-Rädchen im Getriebe zu sein. Und er gefällt mir vor allem deshalb, weil es Zeit wird, sich wieder mehr Fragen zu stellen und nicht jeden Trend unhinterfragt mitzumachen, nur weil man uns weismacht, wir würden sonst an der Zukunft nicht mehr teilhaben. Wo bleiben wir in dem Spiel?

Lesetipp:
Susanne Göße: Versuch über das Unübertragbare. Die Allmacht der Übertragung und die Inseln der Rebellion. In: E-Zeitschrift für Kulturen, Künste, Literaturen "parapluie"

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