Arme Wollmilchschweinwürstchen

Vaslav Nijinsky war ein begnadeter Tänzer und bahnbrechender Choreograf. Als er sich aber nach seiner Trennung von Sergej Diaghilew auch noch als Organisator, Impresario und Finanzverwalter seiner eigenen Truppe betätigen musste, arbeitete er sich in einen Zustand hinein, der ein Nervenzusammenbruch gewesen sein könnte. Wie harmlos das alles anfing, wie selbstverständlich die Übernahme dieser Arbeiten erschien und von anderen erwartet wurde, ist mir seither eine deutliche Warnung. So will ich niemals enden müssen.

Viele professionelle Autorinnen und Autoren kennen sie gut - die Angst vor dem Burnout. Kaum ein Außenstehender ahnt, wie sehr das Schreiben eines Buchs nicht nur geistig anstrengt, sondern auch körperlich und seelisch auslaugen kann. In diesem Beruf braucht man also nicht nur jede Menge kreativer Freiräume, sondern auch Phasen, in denen man seine inneren Batterien wieder auflädt, wieder zu sich selbst kommt. Wieder die Frage stellen kann: Was will eigentlich ich? Nicht: Was wollen andere womöglich von mir? Und ja, man muss sich sogar von seinen Buchfiguren regelrecht erholen können - manche sind penetranter als nervige Verwandte!

"Sie sind aber vielseitig", meinte letztens jemand bewundernd, überrascht, dass ich "neben" meinem Schreiben auch noch auftrete, sogar mit eigenem Programm, dann auch noch übersetze, texte ... Bleibt mir etwas anderes übrig? Jemand, der "nur" Schreiben gelernt hat, überlebt heutzutage leider nur noch, wenn er zum Gemischtwarenladen wird. Die Arbeit in allen Textberufen ist abgewertet worden - also ernähren einen statt des einen Textberufs nur noch zwei oder drei. Und wir erledigen das scheinbar mühelos, weil keiner die Nachtarbeit sieht und keiner die Erschöpfungen zwischendurch mitbekommt.

Kommt dazu, dass immer mehr Arbeiten von uns erwartet werden, die nicht die unseren sind. Zumal man im modernen Web ja auch noch superkommunikativ und perfekt vernetzt sein sollte. Vor Jahren fing es damit an, dass Autoren mal schnell einen Klappen- oder Werbetext für das eigene Buch an die jeweilige Verlagsabteilung gaben, weil sie ihr Buch genauer kannten und helfen wollten. Heute ist das selbst in großen Verlagen oft Usus, weil man sicher gehen will, dass auf dem Buchrücken auch der richtige Inhalt steht.

Einige Verlage erkennen die Möglichkeiten von Guerilla-Marketing und Web 2.0. Personal für solche Aufgaben leisten sich aber nur wenige. Das kann doch bitteschön der Autor selbst übernehmen. Der kann das doch viel besser. Und es bringt ihm doch so viel. Leserunden, Leserforen, Twitterdiskussionen, Facebook - der Autor zum Anfassen, zum Ausziehen. Früher haben Autoren in diesen Zeiten Bücher geschrieben - oder Kraft geschöpft. Heute vergessen sie manchmal, wer sie eigentlich sind, weil ihnen so viele Menschen sagen, was sie sich unter ihnen vorstellen.

Ich denke, es ist ungeheuer schwer, die eigenen Kräfte genau einschätzen zu lernen und deutlich Grenzen zu ziehen. Die meisten haben Angst, wenn sie Nein sagen, dass sie Aufträge verlieren oder ein freudigerer Kollege bevorzugt werden könnte. Nicht immer ist diese Angst unbegründet. Es gibt z.B. Verlage in der Unterhaltungsbranche, die immer kürzere Schreibzeiten für Romane verlangen. "Wir müssen nachlegen können", heißt das in der Fachsprache. Autoren sprechen von "Bücher raushauen". Da muss man sich gut überlegen, bis zu welcher Höchstleistung an Output man gehen kann - und wie lange man sich das kräftemäßig leisten kann. Denn auch leergeschriebene Autoren werden in solchen "Buchfabriken" ausgetauscht.
Das Nein im rechten Moment zeigt im Gegenteil: Da ist jemand an langfristiger Qualitätsarbeit interessiert. Da arbeitet jemand wirklich professionell - auch in der Selbsteinschätzung.

Nein, die eierlegende Wollmilchsau ist kein erstrebenswertes Ideal, führt zur Zersplitterung einer Existenz und Verhinderung von Potential. Es ist praktisch, vielseitig zu sein. Weil man dann mit einem Beruf Butter verdienen kann und mit dem anderen Heizöl, weil einen ein einziger Beruf hungern oder frieren machte. Aber es ist nicht schön. Früher hat man in dieser Zeit Talente entwickelt. Heute verzettelt man sich.

Und bringt uns die Vielseitigkeit wirklich mehr ein? Wie viel tun wir inzwischen unentgeltlich für andere, die womöglich auf unserem Rücken Personal sparen? Wie viel arbeiten wir in reiner Selbstausbeutung, nur weil wir glauben, wir dürften nicht hintenan stehen? Nur weil wir glauben, es würde von uns erwartet? Oder weil man uns einredet, es würde unserer Arbeit etwas bringen?

Deshalb hilft gerade in unserem Beruf die regelmäßige Stille und Selbstbesinnung.

Was will ich wirklich?
Was kann ich - wo liegen meine Grenzen? Wie lerne ich, sie zu überwinden?
Wohin will /kann ich mich entwickeln und wer oder was hilft mir dabei / hindert mich daran?
Welche Kompromisse führen mich über Umwege zum Ziel, welche bringen mich davon ab?
Welche Illusionen stehen mir im Weg?
Wie kann ich meine Kräfte erhalten?

Es heißt immer, Schriftstellern sei ein einsames Geschäft und darum eher traurig. Dabei ist diese Einsamkeit unsere Kraftquelle ... einfach mal wieder abtauchen!

1 Kommentar:

  1. Danke, Petra, spricht mir aus dem Herzen!

    Christa

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