Journalistische Tugenden

Spielen mit dem Internet

Journalistische Tugenden: in alter Zopf für einen neuen Gig?
Ich liebe es, als absolutes Greenhorn und völlig unbedarft-naiv neue Dinge auszuprobieren, anfangs regelrecht damit zu spielen. In einer solch gelockerten, experimentellen Atmosphäre fallen mir Dinge auf, die mir später als altem Hasen entgehen dürften oder an die ich mich zu sehr gewöhnt haben könnte. Wie ich mir einst Nächte mit Computerspielen um die Ohren geschlagen habe, war gestern Schlecht-Wetter-Twittern als Newbie dran. Ein neues Spielzeug, für neugierige kommunikative Leute wie gemacht, mit allen Vor- und Nachteilen. Nur ein Spielzeug?

Erstaunlicherweise hat mich ausgerechnet dieses Spielen an meine Wurzeln erinnert, als ich im Volontärsunterricht zum ersten Mal den Ausdruck "journalistische Tugenden" hörte.
Beim Verfolgen von #iranelections wurde mir etwas bewusst, was heute scheinbar ein uralter Hut ist.

Der alte Hut

Seit die Menschheit Naturkenntnisse und mündliche Überlieferung oder schließlich Keilschrift und dann andere Schriften besaß, gilt:
Wissen / Information ist Macht. Wer die Mittel kontrolliert, Information zu konservieren, womöglich auszuwählen oder zu verteilen, hat die größte Macht. Der Zugang zur Partizipation wiederum hängt von drei Faktoren ab: 1. Bildung, 2. wirtschaftliche Situation, 3. Techniken.


Da hat sich nicht viel geändert in Tausenden von Jahren. Statt Tontafeln aus Mesopotamien Handys im Iran. Statt Keilschrift Bits & Bytes. Immer noch Übertragungen, aus dem Englischen in Farsi und umgekehrt, aus Bild in Text und Text ins Fernsehen. Augenzeugen, Wissende, Machthaber, Kontrolleure, Propaganda, Volktratsch, Unwissenheit, Dummheit, Klugheit. Vorschnelles Nachplappern, zähe Übernachdenklichkeit. Kadavergehorsam und Kritik und Kritik an der Kritik. Nichts hat sich verändert. Wir tun so, als seien wir eine Bildkultur, aber wir funktionieren nicht anders als die Schriftkulturen vor uns. Aber ist wirklich alles beim Alten?

Zugetickert

Als gestern in Windeseile die Falschmeldung von Mussawis angeblicher Verhaftung bei Twitter als Propaganda entlarvt wurde und die Quelle festgemacht, erinnerte es mich an die Zeiten, als unsereins als Journalist bei Krisen manchmal hilflos vor dem Ticker stand. Was heißt ein Ticker - es war ein riesiges Büro, in dem zwei Dutzend Maschinen Nachrichten wie Bandwürmer ausspien. Welche Nachrichten für den Redakteur auswählen? Welche davon würde der ins Blatt heben? Wie darüber nachdenken, dass unsere Auswahl ein Bild der Welt zeichnen würde, mit oft gravierenden Folgen, während das Ticken zum Dauergeräusch wird und Textmengen unfassbar werden?

Es gab natürlich Regeln, damit man als kleiner fehlbarer Mensch gegen die Informationsmaschinen ankam. Alle Papierbandwürmer abreißen, nichts unterschlagen oder wegwerfen. Dann das Gesetz der Nähe: Menschen müssen einen Punkt des Interesses finden, Identifikation / Nähe geht vor Größe. Das bedeutet: Im Ernstfall verdrängt der Autobahnunfall mit zwanzig Busreisenden bei Hintertupfingen tausende Tote in Bangladesh. Kommen gleichzeitig 20 Menschen in Südafrika beim Besuch eines deutschen Politikers um, verdrängt der wiederum die Hintertupfinger. Abwägen von Leben im Sekundentakt. Viele Kollegen brüht es ab, bestenfalls schärft man an der Arbeit seinen Zynismus.

Die alten Tugenden

Aber da waren ja noch die journalistischen Tugenden. Als ich vor einem Vierteljahrhundert lernte, waren wir noch stolz darauf und orientierten uns am guten alten BBC-Journalismus (den es so auch nicht mehr gibt). Objektiv, distanziert, erhaben über persönliche Interessen oder die der Anzeigenkunden.

Wähle nicht unbedacht, sei dir bei jeder Auswahl einer Nachricht, bei jeder Präsentation bewusst über mögliche Folgen. Verantworte deine Folgen. Fälsche durch Auswahl nicht die Realität. Gib ein möglichst breites Bild, zeige alle Seiten ohne persönliche Wertung, zeig auch das, was dir persönlich nicht passt. Lass den Leser / Zuhörer / Zuschauer sich ein eigenes Bild machen, indem du ihn so objektiv und umfassend wie möglich informierst.

Noch eine alte Tugend: Bleib unabhängig. Lass dich nicht vor fremde Karren spannen. Plappere nicht unbedacht Informationen nach. Prüfe deine Quellen! Frage dich immer: Cui bono - wem nützt es, dass dir ausgerechnet dies so mitgeteilt wird.

Ja, heute kaum zu glauben, aber wir prüften damals jede ins Blatt gehobene Agenturmeldung noch nach. Recherchierten zumindest an, ob sie verlässlich war oder bereits "Färbung" enthielt. Wenn wir über ihren objektiven Wahrheitsgehalt nicht sicher waren, schrieben wir das dazu oder kombinierten die Meldung mit einer Gegenmeldung. Jeder, der über Krisengebiete, Kriege und Katastrophen schrieb, wusste, dass es Interessensgruppen gab, Propaganda, Fehlinformationen. Und die, die sie in die Welt setzten, bedienten sich hemmungslos der Verteiler - der Journalisten. Wer Propaganda unwissentlich verbreitet, ist nicht besser als der Propagandist. Im Ernstfall kosten solche Meldungen Menschenleben.

Irgendwann waren viele Redaktionen überfordert, das alles so akribisch wie früher zu machen. Die Informationsflut wuchs, die Ticker wurden von leistungsstarken Computern überholt, die weltweite Vernetzung schuf neue Datenmengen. Gleichzeitig entließ man immer mehr Journalisten, ersetzte erfahrene Könner durch die billige Generation Praktikum und wollte vielleicht auch nur noch den Platz zwischen den Anzeigen schnell füllen. Noch heute leisten sich viele Zeitungen zwar weiterhin Sorgfaltspflicht und journalistische Verantwortung, aber unter erschwerten Bedingungen, mit weniger Personal, mit weniger erfahrenen Fachleuten.

Demokratisierung von Verantwortung

Gestern war ich dann erstaunt, die gleichen Worte wie von meinem Ausbilder bei Twitter zu hören: Prüft eure Quellen. Recherchiert, woher Aussagen kommen. Setzt nicht alles unüberlegt in RT (retweet = man zitiert andere). Seid euch über die Folgen eures Tweets ( = Mitteilung) bewusst. Seid euch bewusst, dass Nachrichten töten können. Überlegt, ob eine vermeintliche Nachricht Propaganda ist. Wisst, dass man Nachrichten (und Filme / Fotos) vorsätzlich fälschen kann. Informiert euch nach allen Seiten.

Etwas ist anders. Das sind keine Journalisten, die im Web Sorgfalt und Verantwortung anmahnen. Diesmal sind es Laien aus allen möglichen Berufen, denen wir in unserer Ausbildungszeit damals solche Gedanken nicht zugetraut hätten. Und ausgerechnet aus einem Land, das keinen uneingeschränkten Zugang zu den neuen Techniken und dem Internet hat, in dem ein riesiges Gefälle in Sachen Armut und Bildung herrscht, kommen die guten alten Tugenden der Informationsverarbeitung wieder in den ach so zivilisierten Westen der Welt.

Dort schläft man längst den Schlaf der Berieselten. Wir funktionieren nach Trends und spielen sorglos mit unseren Daten herum, offenbaren uns bis in die winzigsten Banalitäten jedem; ohne darüber nachzudenken, dass all diese Regeln auch für uns gelten könnten. Wissen und Information sind Macht. Noch missbaucht keiner beides. Stopp. Wie war das bei der Telecom, bei Lidl? Und wie viele Menschen sind entlassen worden, weil sie im Internet an falscher Stelle Spaß haben wollten? Wie sehr nimmt Internetstalking zu, wird im Netz Rufmord betrieben? Was könnten Riesen wie Google, wenn sie könnten? Wenn man mit Twitter eine Revolution organisieren kann, was könnte man damit an Unsäglichem anrichten? Alles wirklich nur ein lustiges Spiel?

Medienkompetenz nennt man diesen Umgang, schlaue Leute haben schon viel Schlaues und Dummes darüber geschrieben. Wer an der Informationsverbreitung teilnimmt, zahlt einen Preis: er steht jetzt selbst am Ticker. Kein freundlich hilfsbereiter Ausbilder nebenan. Kein Chefredakteur, der den Kopf hinhält. Grenzenlose Freiheit mit grenzenlosen Folgen.

Zukunftsmusik

Die Kritischen, die Erfahrenen, die Distanzierten sind da. Doch Hilfe kommt von allen Seiten, auch von den falschen. Trau, schau, wem. Irgendwie scheint sich das System selbst zu organisieren. Und so geschieht noch etwas, was es früher nicht gab: Als ich gestern die Nachrichten in der ARD sah, brach für mich die Welt in zwei Informationshälften. Denn die Realität aus dem Internet war längst eine andere als die im Fernsehen. Gibt es so wenige Berufskollegen, die die gute alte Technik des Vergleichens von Augenzeugenberichten (Internet) auf sich nehmen wollen / können / dürfen? Die vom Ticker abreißen, was geht und nachrecherchieren? Man muss ihnen zugute halten: Zu viele wurden längst entlassen oder "outgesourct". Die Bedingungen haben sich verschärft.

Es wird Zeit, dass auch das Volksgewusel aus dem Internet als eine Quelle von mehreren analysiert, hinterfragt und betrachtet wird. Es geht nicht mehr an, dass meine Freundin ohne Internetzugang in einer anderen Wirklichkeit lebt als ich. Die Demokratisierung der Informationswelt braucht nicht nur Eigenverantwortung eines jeden Teilnehmenden - sie braucht für eine beständige Zukunft auch Handreichung und Bildung durch diejenigen, die Chancen und Gefahren von Informationen kennen. Gegenseitige Hilfe und Aufklärung statt künstlicher Blockaden - die Menschen im Iran lehren es uns.

In solchen Momenten träume ich von einer kulturellen Revolution. An deren Ende der schreibende, fotografierende, filmende, sprechende Mensch sich wieder der Macht des Wortes bewusst ist und lieber einmal zu viel überlegt, was er verbreitet. Lustig, sich selbstorganisierende Informationssysteme auszudenken, die in Relevanz münden könnten...

Lesetipp:
Die Gefahren der neuen Technik: Was wäre, wenn man die Revolution umkehrt? (englisch, via @kulturmanager)

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