Leseratten sterben nicht aus

Die Studie "Das Buch im Medienportfolio" (via autorenexpress) bringt es an den Tag: Leserinnen und Leser sterben nicht aus. Inzwischen hat nämlich sogar das noch hauptsächlich schriftbasierte Internet das Fernsehen als beliebtes Medium überholt - es steht auf Platz eins, gefolgt vom Fernsehen und dann vom Buch.

Genauso wie ich sucht sich derzeit jedes Medium die passenden Aussagen heraus, nachzulesen im Spiegel, im Börsenblatt, beim Börsenverein. Wer sich jenseits der Interpretationen und Auswahlfilter ein eigenes Bild machen will, findet die Originalstudie als frei zugängliche Zusammenfassung in einem pdf hier - Mitglieder des Börsenvereins können die komplette Studie hier downloaden.

Denn die Deutungen sind so vielfältig wie ein Glas halb voll oder halb leer ist. Muss man sich Sorgen machen, dass das Lesen von Büchern auf Platz drei steht? Oder gibt es Hoffnung zu hören, dass die Menschen eben immer stärkere Mediennutzer werden, zwischen den Medien springen und noch mehr Texte lesen als früher? Interessant, damit eine andere Studie zu vergleichen (via textguerilla), die sich mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihrer Sprache beschäftigt. Darin heißt es, Lesen im Internet hemme das Interesse an Büchern nicht - im Gegenteil:

"Menschen, die häufig im Internet lesen, zeigen insgesamt ein intensiveres Leseverhalten. Sie nutzen häufiger deutsche Wörterbücher und lesen häufiger Bücher, Zeitungen und Zeitschriften. Hinweise darauf, dass der Internetkonsum dazu führt, dass weniger Bücher gelesen werden, finden sich in der Studie nicht."

Interessant fand ich, dass sich das Interesse an Büchern sehr viel stärker fragmentarisiert als gedacht - es gibt die typische Leserin aus Lektoratsvorstellungen also nicht. Leser sind sehr vielschichtige Wesen und werden ganz offensichtlich vom Buchmarkt nicht immer passend bedient. Schaut man sich die unterschiedlichen Lesetypen an, so bleibt jede Menge Nachholbedarf bei den jüngeren (bis 50) männlichen Internet-Freaks - für die es zu wenig ansprechende Bücher zu geben scheint. Sie lesen weniger Bücher, nicht weil sie diese nicht mögen. Sie lesen weniger Bücher, weil ihr bevorzugter Lesestoff öfter online zu finden ist. Vielversprechend für Marketingexperten wäre außerdem der Hinweis, dass man das Buch wieder zum Statussymbol aufwerten könnte - wie es das z.B. bei den Österreichern ist, die darum auch am liebsten Hardcover kaufen.

Mich persönlich freut es natürlich ganz besonders, dass Sachbücher bei den beliebtesten Genres auf Rang 2 stehen, gleich hinter den Krimis und noch vor historischen Romanen, die hinter Kochbüchern, Fachbüchern und Ratgebern auf dem 6. Platz zu finden sind. Sachbücher sind außerdem ein Genre, das von beiden Geschlechtern gelesen wird und selbst männliche Lesemuffel anspricht.

Warum ich das so ungewöhnlich finde? Im Schreiballtag wird einem oft ein anderes Bild vermittelt. Sachbuchautoren gelten gern als "Beta-Autoren" gegenüber den Belletristikern. Selbst in Verlagskreisen wird oft die Saga erzählt, Romane würden "besser drehen". Denkste. Wenn ich jetzt den Renner "Sachbuch" mit dem Topstar "Internet" zusammendenke - welch spannende Möglichkeiten...

Seltsam finde ich, dass "echte" Literatur nicht vorzukommen scheint. Also all die Bücher, die in kein Genre einzuordnen sind. Aber noch habe ich die Originalstudie nicht angeschaut. Dass sich die Medien jedenfalls nur auf die Unterhaltungsindustrie stürzen, gibt zu denken. Lesen wir wirklich nur noch Kochbücher und Liebesromane?

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