Lektoratsersatzmaschine

Soeben läuft die Meldung ein, dass Gugl an einer Maschine arbeitet, die künftig Lektorinnen in Großverlagen ersetzen wird und Romane noch passgenauer auf Trends bürstet als dies mit Womanpower bisher möglich war. Für Autoren bedeutet dies extreme Arbeitserleichterung: Künftig sind weder Exposés noch Pitching-Kenntnisse gefragt, ausgewählt wird aufgrund von Reizwörtern. Das Publikum entscheidet in einem basisdemokratischen Prozess, welches Buch gedruckt werden wird. Und selbstverständlich prüft die Lektoratsersatzmaschine objektiv, unbeeindruckbar und völlig unabhängig vom Biorhythmus.

Ich habe mir den elektronischen Lektor kurz ins Haus geholt und vier verschiedene Manuskripte angeboten. Welch Überraschung!

MS 1: Eine Hure als starke Frau und Mönche und Nonnen

Lektoratsbeurteilung:
Huren und Nonnen waren Ende 2007 leicht gefragt, tendieren aber sowohl in den Medien wie im Leserinteresse gegen Null. Mönche nehmen wir gar nicht. Frauen sind eher gefragt als starke Frauen, interessant ist vor allem ein gegenläufiger Trend: Wer über Frauen lesen will, möchte sie schwach, wer über Stärke lesen will, sucht keine Frauen. Seit 2009 brechen beide Trends ein, lassen sich aber umso besser an die Medien verkaufen. (Das Gutachten komplett)

MS 2: Krimi mit Serienkiller und Blut

Lektoratsbeurteilung:
Serienkiller sind sowas von out, outer geht's gar nicht. Allenfalls noch in Teilen Österreichs ein Thema. Krimis laufen schlechter, als es uns die Medien weismachen wollen. Blut ist dafür medial voll im Trend, kommt aber lange nicht mehr so gut wie Anfang 2007. Ein Serienkiller-Regiokrimi würde in Wesel funktionieren. (Das Gutachten komplett)

MS 2: Essen und Genuss und Kunst

Lektoratsbeurteilung:
Genuss komplett streichen, läuft überhaupt nicht in Deutschland, Null-Linie! Essen haut doppelt so gut rein wie Kunst, also Kunstthemen immer mit Essbarem hochzureißen. Medial der absolute Bringer, als Buch eher ein Opfer des Krisenjahres. Größte Käuferschicht in Essen, Lizenzmöglichkeiten nach Israel. (Das Gutachten komplett) Wir würden uns für Ihr MS interessieren, wenn Sie den Genuss durch Sex ersetzen könnten. Essen und Sex läuft vor allem in Deutschland (Zentren Berlin und München) irre gut mit Kunst. Evtl. Export nach Wien denkbar, Lizenzen nach Frankreich oder Italien wider Erwarten unmöglich. (der Beweis)

MS 3: Ballett, Nijinsky, Ballets Russes (man will es ja wissen)

Lektoratsbeurteilung:
Endlich mal ein Thema von internationalem Interesse. Absolut trendy zu jeder Wintersaison mit Schwerpunkt Weihnachten, verkauft sich in Spitzenzeiten so gut wie Sex. Nijinsky kündigte sich 2008 vorsichtig an und schlägt jetzt Wellen. Vor allem medial seit Anfang 2009 der Bringer, Nijinsky überhüpft jetzt noch das Ballett. Die Stuttgarter und die Norweger wären das dankbarste Publikum, die Hamburger liegen auf einem müden Platz 5. Sie sollten eine schwedische Ausgabe prüfen. (Das Gutachten komplett)

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