Computerogene Dystonie

Es ist schon wieder passiert. Es geschieht nur in äußerst wichtigen, dringenden, eiligen, unverzichtbaren Situationen (bevorzugt bei drohendem Abgabetermin, vor Bewerbungen u.ä.). Man hat mehr als zehn Seiten auszudrucken (in meinem Fall 38), nur einen Packen (500 Blatt) Papier im Haus und weiß nicht genau, wie lange die Druckerpatrone noch hält - wobei man sich eine neue im Moment kaum leisten kann. Ich kann jedes Mal darauf wetten, dass mindestens eine der folgenden Katastrophen passiert:
  • Der Drucker spinnt komplett
  • Der Computer spinnt komplett
  • Die saftige, relativ neue Druckerpatrone hält noch drei Seiten und es ist Sonntag
  • Der Bildschirm explodiert
  • Der Drucker druckt wie ein Bekloppter Unsinn und hört nicht wieder auf
  • Wegen des letzten Punktes ist das Papier zu schnell aufgebraucht
  • Die Kaffeemaschine geht plötzlich an
  • Der Strom fällt aus
  • Der Drucker druckt noch wilder Blödsinn, nachdem man ihn vom Netz genommen hat
  • Ein Blitzschlag tötet den USB-Stick mit der Datei
Eigentlich hätte der Sonntag so schön sein können. Mein Programm ausdrucken - allenfalls eine halbe Stunde, Texte proben. Stattdessen schafft es mein Drucker nicht, eine Seite auf eine Seite zu bringen, er setzt ab und den Rest auf eine zweite Seite. Und dann dreht er langsam aber richtig durch. Druckt nette Nadelmusterchen in meinen Text (eine geheime Auflehnung gegen das Dasein als Laserdrucker?), lässt bei Buchstaben willkürlich Rundungen weg, mal links, mal rechts, mal oben oder unten (kommt sein geheimes künstlerisches Talent zum Vorschein?) und denkt auch noch selbstständig - nur nicht das, was man ihm befiehlt (Auflehnung gegen die Elterngeneration?) und hört und hört nicht auf - von wegen "Druckaufträge abbrechen", sondern verfällt vollends in Glossolalie.

Frau Computerdoktor setzt in solchen Situationen auf Coolness und Verstand. Solche Patienten nur nicht aufregen! Erst einmal vollkommen logisch alle möglichen Fehlerquellen ausschließen und alles dreimal gegenchecken. Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Computer heute schon heruntergefahren und abgeschaltet habe, vom Netz genommen, den Drucker abgenabelt, angenabelt, entstromt, bestromt, Kabel bewegt und Hardware / Software überprüft. Druckerchen schmatzt zwei Seiten, dann fängt der Hokus-Pokus von Neuem an.

Panikartig überfallen mich Horrorszenarien. Von Dauerabstürzen, Festplattencrashs, leerer Papiertüte, leerer Druckerpatrone und der Möglichkeit, dass mein Honorar für diesen Auftritt nur für Maschinen draufgehen könnte - von der drohenden Zeitknappheit gar nicht zu reden. Dann ist es vorbei mit Madames künstlicher Beherrschtheit und bravem Technikwissen. Ich mutiere von der niedlichen Tastaturbestie zur potentiellen Druckermörderin.

Es gibt da gewisse Foltermethoden. Zuerst verklickere ich dem Ding, dass es morgen auf dem Friedhof für Computerschrott in Bangladesh landet, wenn es nicht gleich pariert. Als nächstes biete ich an, gleich selbst mit der Axt für eindeutigen Computerschrott zu sorgen. Wenn das alles nichts hilft, folgt eine Reihe lauter polnischer Flüche, weil die härter sind als die politisch korrekten deutschen und böser und reichhaltiger als alles, was man auf Französisch säuseln kann.

Was soll ich sagen? Dieses Mal haben wieder die polnischen Flüche geholfen. Plötzlich beruhigte sich das Mistviech und druckte brav und ordentlich in Nullkommanichts korrekte Seiten aus.

Ich würde mich freuen, wenn mal irgendein schlauer Wissenschaftler untersuchen könnte, wie sich Nervenanspannung von Menschen oder dräuende Wichtigsttermine auf Schaltkreise übertragen können und wo Windoof derart gut Polnisch gelernt hat. In seiner Rechtschreibprüfung hat es nämlich die Ausdrücke nicht drin!

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