Sein Ding machen

Ab und zu bekomme ich Mails, bei denen sich eine öffentliche Beantwortung anbietet - nicht nur, weil sich die Fragen ähneln, sondern weil die Antworten vielleicht mehr als zwei Leute interessieren könnten (und vielleicht sogar auf mehr als nur das Schreiben zu beziehen sind). Solch eine Frage schneite mir in letzter Zeit öfter herein:
"Du plädierst so oft dafür, "das eigene Ding" zu machen. Aber ist das in der heutigen Buchbranche überhaupt noch möglich und wie? Müssen wir nicht auf unsere Leser hin schreiben und immer Kompromisse eingehen? Ist es nicht viel leichter, auf den Bedarf einzugehen?"

Ich will eine ganz persönliche, subjektive Antwort versuchen. Und vorweg frech fragen: Was bitte ist Bedarf? Wer legt den fest? In kaum einer Branche wird so wenig ernsthafte Marktforschung getrieben wie in unserer! Würden Verlage den Bedarf kennen, würden sie nicht so viele Flops produzieren und Bücher verramschen.

Ich denke, es gibt zwei Arten des Schreibens und jeder sollte sich in einer ruhigen Minute einmal klarmachen, welche Richtung er auf Dauer verfolgen möchte. Beide Richtungen erfordern nämlich ein völlig anderes Arbeiten.

1. Will ich mit dem Schreiben in erster Linie Geld verdienen, große Auflagen erreichen, mir einen Namen machen? Kann ich diesen Zielen mein Schreiben selbst und Inhalte unterordnen?

2. Ist das obere Primat das Schreiben selbst, die Kunst dahinter, die Entwicklung derselben? Bin ich bereit, dem alles andere unterzuordnen? (Wohlgemerkt: auch hier darf man von Geld und Auflagen träumen, aber es darf nicht der erste Antrieb sein).

Es ist ganz einfach: Schreiben nach (1) erfordert wie jedes Business in der Tat Kompromisse und funktioniert, weil profitorientiert, wie jeder andere selbstständige Job auch. Dazu zählen ganz eindeutig Auftragsarbeiten oder Schreiben nach Verlagsbriefings, etwa in bestehenden Reihen. Es kann aber auch die eigene Haltung beim "freien" Schreiben beeinflussen (z.B. "Wie bediene ich ein Trendgenre erfolgreich?" oder "Wie bleibe ich meiner bereits etablierten Masche treu?"). Ich muss da nicht mein Ding machen müssen. Solches Schreiben macht Spaß, wenn ich offen für das Ding anderer bleiben kann.

Kunst dagegen (2) funktioniert anders, gedeiht nur in Freiheit, ohne äußere und innere Zensoren, aus einer Distanzierungsfähigkeit heraus - sich selbst gegenüber und anderen.

Beide Arten des Schreibens funktionieren nicht gleichzeitig, aber sehr wohl "innerhalb" einer Person. Selbst wenn ich "mein Ding" mache, finanziere ich mir das Leben u.a. mit Textarbeiten, die bestellt werden und darum dem Bedarf anderer entsprechen müssen. Die Kunst bei solchen Auftragsarbeiten ist die, trotz der Rahmenbedingungen Neugier, Interesse und Freude zu empfinden, so dass auch eine fremd wirkende Bestellung noch zu "meinem Ding" geraten kann - aber nicht muss. Vorteile sind dabei eine gewisse Sicherheit - und es arbeitet sich leichter.

Bei der Beantwortung der Mailanfrage geht es also vorwiegend um Punkt (2). Ich kann nur dann ein eigenständiges, einzigartiges (= nicht von anderen reproduzierbares), neues Buch schreiben, das ganz "mein Ding" ist, wenn ich bereit bin
  • Risiken einzugehen
  • es mit mir selbst aushalte
  • Eigendistanz und Selbstkritik wage
  • Träume zu entwickeln

Still werden - in sich hineinhören

Was ist eigentlich "mein Ding"? Um das zu erfahren, muss ich mich relativ egozentrisch mit mir selbst beschäftigen, in mich hineinhören. Ähnlich wie Kinder die verrücktesten Berufe zusammenträumen, muss ich mich auf spielerische und gern auch experimentelle Weise fragen, was mich überhaupt interessiert, wo meine Leidenschaften liegen. Jetzt nur nicht auf andere Meinungen und irgendwelche Marktideen schauen! Wenn ich die drei Wünsche der Fee frei hätte und alles könnte - welches Buch würde ich schreiben? Welches Thema würde ich mir wünschen? Wobei hätte ich am längsten und meisten Spaß? Egal, ob es "etwas bringt" oder irgendwelche Leute mich dafür mehr mögen werden.

Einfach einmal völlig größenwahnsinnig Visionen entwickeln, das Blaue vom Himmel herunterträumen! Wie sagte ein Kollege über Bewerbungen: "Ich fange immer völlig vermessen ganz oben an, bevor ich in der Gosse lande; absteigen kann man immer, aber nur schwer aufsteigen."

Es ist gar nicht so einfach, diese eigene Vision vom eigenen Weg zu entwickeln. Wir stehen uns da häufig selbst im Weg. Und leicht ist es auch nicht, denn dann kommt der Schritt:

Visionen ins Leben holen

Wir haben also endlich diesen dicken fetten Elefanten von Wunschtraum entworfen. Jetzt weiterzuträumen ist nett fürs Ego, führt aber zu nichts. Wie aber bringt man als kleines, schwaches Schreiberlein einen Elefanten auf die Welt? Man hat Schwächen, das Kreuz lahmt einem etwas... Man könnte verzweifeln: Das schaffe ich nie!

Eine Maus jedoch schafft es, einen Elefanten zu erschrecken. Sie muss ihm nur gehörig ins Bein zwicken. Was, wenn man den Elefanten einfach in Mäuseportionen zerlegt und in Häppchen klein macht?

Die große Vision formuliert ein Endziel - das sich übrigens gern entwickeln und verändern darf - Visionen sind nicht starr. Jetzt bin ich gefragt, welche kleinen Schritte mich diesem Ziel näher bringen. Wo Lernbedarf herrscht, wo ich mich entwickeln muss. Angenommen, mir schwebt der ganz große Roman mit nie dagewesener rosa Elefantenphilosophie vor. Die Mausportionen können je nach Persönlichkeit vielfältig sein. Vielleicht mache ich erst einmal ein Praktikum als Tierpfleger (bei dem ich durchaus feststellen darf, dass mir Erdferkel eher liegen). Vielleicht muss ich an großen Vorbildern Philosophie studieren (wobei ich scheitern darf und dann meine Vision neu formuliere). Oder ich bewerbe mich mit Elefantengeschichten bei Wettbewerben und stelle vielleicht fest, dass mein kleiner blauer Elefant ein richtiger Knüller werden könnte?

Visionen hole ich ins Leben, indem ich mich selbstkritisch untersuche: Was kann ich gut, was muss ich noch lernen, welcher Schritt lässt sich sofort umsetzen, wie muss ich darauf aufbauen? Das ist ein fließender Prozess, weil sich nach jedem Mausbiß die Farbe des Elefanten verändern kann. Nur keine unerreichbaren Ziele setzen, das frustriert! Lieber kleinere gangbare Schritte wählen.

Und immer noch ist dies ein recht autistischer Prozess, bei dem nicht zu viele fremde Stimmen hereinquaken sollten. Das haben die Eltern und Lehrer früher genügend gemacht. Jetzt muss ich erst einmal Selbstsicherheit erlangen, ein eigenes Urteil ablegen zu können, ohne dass es gleich einer umpustet. Viele Köche verderben den Brei - eine Sterneküche ist ein höchst hierarchisches Unternehmen. Einen Schritt zurücktreten und mich selbst anschauen, mich selbst aushalten - dazu brauche ich Ruhe.

Stark bleiben

Nun weiß ich also ungefähr, wie ich mein Ding machen möchte. Wenn das Pflänzlein stark genug ist, trifft es auf die Außenwelt. Bücher schreiben sich nicht alleine, frühzeitig sind Agenten, Lektoren etc. mit im Boot. Und wenn ich mir schon selbst gern im Weg gestanden bin, jetzt ist die Gefahr da, dass mich andere vom Weg abbringen. In dieser Phase bewährt sich, was ich zuvor an Stärke entwickelt habe. Ich muss nämlich genau auswählen, wo Kritik berechtigt ist und wo ich Kritik als Meinung eines anderen Menschen anhören kann, aber weglegen muss. Meine innere Stimme muss so stark werden, dass ich die Wichtigkeit und Relevanz der äußeren Stimmen unterscheiden kann. Was nützt mir und meinem Ding? Nicht: Was erwarten andere. Was liebe ich? Nicht: Was muss ich tun, damit ich das Gefühl habe, andere würden mich lieben.

Und jetzt kommen die ganz großen Hürden. Die Punkte, an denen viele Kollegen aufgeben oder endlose Diskussionen führen, was ein braver, ordentlicher Schriftsteller so zu tun hat. Zum Gang auf dem eigenen Weg gehören nämlich drei Eigenschaften:
  • Nein sagen können
  • Verzichten können
  • Versagen können

Nein sagen können

Ich kenne Kollegen, die sich quälen und unglaubliche Arbeitsbedingungen oder Verträge akzeptieren, nur um veröffentlicht zu werden - oder aus Angst, fallengelassen zu werden, wenn sie das nicht tun. Dabei kommen sie immer weiter von ihrem Weg ab, geraten in eine Zwangsspirale. Es hilft das Wörtchen "Nein". Wie in anderen Lebensbereichen werde ich aufgefressen, wenn ich meine Grenzen nicht deutlich kenne und kommuniziere: "Bis hierher und nicht weiter!" Oder: "Das hilft mir auf dem Weg zu meiner Vision nicht, ich warte lieber auf eine andere Möglichkeit."

Geht nicht, kann man sich heutzutage nicht leisten? Kann man. Das ist nämlich wie im Auftragsgeschäft: Wählt man kritisch aus und sagt auch mal Nein, bleiben vordergründig vielleicht erst einmal ein paar Kunden weg. Aber man arbeitet langfristig gesehen sehr viel nachhaltiger mit Kunden, die zu einem passen - und das wirkt sich wiederum auf die Qualität der Arbeit aus. Hängt man dagegen sein Mäntelchen ständig nach dem Wind und nimmt jeden Hallodri von Kunden zu jedem Preis an, dann ist man schnell ruiniert, eine austauschbare Billigfigur unter vielen.

Habe ich Schwierigkeiten, diesen Mut zu finden? Wie wäre es mit der Vorstellung: "Ich muss ja gar nicht verkaufen. Es wäre schön, aber es bringt mich nicht um, wenn es nicht gelingt. Ich habe es nicht nötig, ich habe aber Freude daran." - So verhandelt sich auch leichter.

Verzichten können

Wer wählt, geht auch einmal leer aus. Natürlich kann es passieren, dass ein Vertragspartner abspringt, weil ich einen Vertrag verhandeln will. Bin ich gut genug, werde ich einen anderen finden. Aber ich muss diese Fehlstelle natürlich erst einmal aushalten. Ich muss es aushalten lernen, nicht umgehend zu "Deutschland sucht den Superstar" zu kommen. Ich muss es aushalten, mich vielleicht mühevoller als mein Nachbar hochzuarbeiten. Und manchmal bringen mich vordergründig kleinere Brötchen vielleicht schneller ans Ziel als der angeblich große Bringer. Ich muss nicht anderen beweisen, was ich alles schon erreicht habe. Ich muss mich selbst wohlfühlen mit dem, was ich tue.

Versagen können

Ich kenne keinen einzigen Kollegen, der sich hinsetzte, kurzum beschloss, was sein Ding sein soll, losschrieb und erreichte, was er wollte. Die Wirklichkeit führt uns nicht nur unsere Schwächen vor Augen, wir landen auch mal einen Flop oder schämen uns irgendwann für eine Arbeit. Das ist normal. Man geht in dem Metier nicht unter, nur weil man nach zwei Titeln keinen Bestseller landet. Man darf (in den eigenen überkritischen Augen) peinlich schlechte Texte schreiben, wenn sie einen anspornen, sich zu verbessern. Man ist an einem Flop nicht einmal grundsätzlich selbst schuld - denn so viele sind am Wohlergehen eines Buchs beteiligt. Wer versagt, hat die Chance, viel dazulernen zu können. Wer versagt und weitermacht, entwickelt sich. Versagen bringt Erfahrung.

So, jetzt klinge ich endgültig wie diese schauderhaften salbadernden Psychoratgeber der Sorte: "Denk dir deinen Elefanten rosa und spring ins kalte Wasser, dann wird die Maus schon schwimmen lernen und ommmmmm singen."

Das wäre Hochstapelei. Und gelogen. Ich kann das auch nicht. Auch ich habe die dicksten und unmöglichsten Fehler gemacht - aber ich habe sie gemacht und nicht vermieden. Sie haben mich weitergebracht. Auch ich habe eine Zeitlang zu viel auf andere gehört und das Geschwätz vom Markt viel zu ernst genommen - bis ich mich auf einem Weg wiederfand, der mir gar keinen Spaß mehr machte. Und natürlich sehne ich mich nach Zeiten zurück, in denen ich wusste, was mich im nächsten Monat erwartete - Risiko kann verdammt anstrengend sein. Ich weiß nicht einmal, ob mein rosa Elefant nicht eines Tages in grüne Erbsen zerplatzt. Egal. Ich will mir nie vorwerfen müssen, mich von Anfang an mit getrockneten Erbsen zufrieden gegeben zu haben. Und natürlich geht auf diesem Weg immer wieder etwas schief, sind Einflüsse zu verdauen, über die man nicht bestimmen kann. Aber dafür gibt's dann auch ein Wort, das ich erst mühevoll lernen musste:

Trotzdem.


Nur Mut!

Kommentare:

  1. Buchstabenmacherin8/3/09 20:01

    "1. Will ich mit dem Schreiben in erster Linie Geld verdienen, große Auflagen erreichen, mir einen Namen machen?"

    Zu Ihrem Punkt 1 möchte ich fast behaupten - so planbar ist das gar nicht.

    Oder - man endet bestenfalls als Genreschreiber, der spätestens dann am Ende ist, wenn die Mode wechselt ... oder das Burn-Out kommt. Und das kommt bei dieser Art Schreiberei schneller als man sich vorstellen kann.

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  2. Da stimme ich mit meiner privaten Meinung uneingeschränkt zu!

    Allerdings kenne ich Kollegen, die als Hausautoren und Auftragsschreiber zufrieden sind, weil es ihnen liegt, regelmäßige Vorschüsse, feste Themen und verlässliche Programmplätze zu haben, ohne sich bei jedem Projekt mit der ganzen Maschinerie neu bewerben zu müssen. Ein großer Teil des populären Sachbuchmarkts funktioniert so, Ratgeber, Geschenkbücher u.v.m.

    Dieses Schreiben unterscheidet sich nicht sehr von dem, was Journalisten oder PR-Texter machen, und wenn man sich dessen bewusst ist, kann man wohl besser damit umgehen? Allerdings ist dieses Geschäft in der letzten Zeit auch unsicher und vor allem schlechter bezahlt...

    Die Genreschreiber, die ich kenne, die in Serie produzieren, versuchen alle, neben dem Trend rechtzeitig ein neues Standbein nebenher aufzubauen. Was nicht immer funktioniert. Ich glaube, da ist der Burn-out ziemlich vorprogrammiert!

    Diesen Punkt habe ich eigentlich deshalb so zugespitzt genannt, weil mich eine Entwicklung erschreckt, die ich unter jüngeren Autoren der Unterhaltungsbranche im Internet beobachte (was natürlich nur eine winzige Facette der Realität ist). Da drehen sich die meisten Diskussionen um "Markt" und "Zielgruppen", Auflagen, Verlagsgrößen, Programmplätze. Ich finde selten jemanden, der wirklich weiß, was er machen will, weil ihn Themen drängen oder weil er ein eigenes künstlerisches Konzept hat.

    Verleiche ich damit die Zulassung des Diplomstudiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus der Uni Hildesheim, dann heißt es da als Zulassungsvoraussetzung:
    "In der Eignungsprüfung sollen die Prüflinge ihre ästhetische Wahrnehmungsfähigkeit und ihre Fähigkeiten zum kreativen, selbstständigen und genauen Umgang mit Sprache und Literatur zeigen... sowohl in der künstlerischen Produktion als auch der Reflexion."
    Das wäre dann Punkt 2.

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  3. Gut gesagt! Das Aushalten können macht den großen Unterschied ... vor allem wenn man weiß, wie es ohne Geld ist. So ganz ohne Geld. Nicht nur ein bisschen weniger ...

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  4. Ich bin ja im Moment versucht, einer meiner Omas Recht zu geben, die meine Eltern entsetzt fragte: "Hätte das Mädel nicht was Anständiges lernen können?"

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