Am Rand des Abgrunds

Kann man vor einem Abgrund stehen und genau erkennen, wo und wie man eine Brücke hinüberschlagen könnte? Und wie kommt es, dass manche Menschen nur angstvoll in die Tiefe starren, während andere mit schlafwandlerischer Sicherheit am Rand entlang tanzen und in die Ferne auf der anderen Seite schauen? Ich beschäftige mich gerade mit Zeitenwenden.

Zufällig sah ich vor ein paar Tagen einen Spielfilm über ein Ereignis, bei dem Menschen eine solche Zeitenwende sichtbar gemacht haben. Es ging darin um einen Skandal in einem Pariser Theater im Jahr 1913, bei dem sich das Publikum derart verdrosch, dass die Polizei einschreiten musste. Einer der zuständigen Künstler, ein wahrer Feuerteufel an Temperament, war sich von Anfang an sicher, dass er etwas ganz Großes, etwas Bleibendes schuf. Und sein Auftraggeber versprach, danach würde nichts mehr so sein wie vorher, damit würde endgültig die Moderne anbrechen.

Man konnte im Publikum die Frauen sehen, in deren Mode sich bereits Veränderungen abzeichneten. Die konventionellen Damen der Gesellschaft erschienen als typische Belle-Époque-Matronen, unter den Jüngeren ließ sich die ein oder andere modisch bereits von Experimenten verführen. Das Tragen eines Korsetts schien in jener Zeit viel über den inneren Zustand der Menschen auszusagen, schon befreiten sich die ersten davon. Wir heute - aus dem Abstand - wissen, dass sich damals tatsächlich die Belle Époque mit der Moderne einen Faustkampf lieferte.

Wie aber konnte sich dieser Künstler so sicher sein, dass er Umwälzendes schuf - und dadurch all die Schmähungen, das Verkennen seines Genies, die Attacken aushalten? Wie konnte sein Auftraggeber so gezielt an Umbrüchen arbeiten und daran, die Zeitenwende zu beschleunigen, sichtbar für alle, auf einer Bühne das ganze Leben hingestellt? Woher wussten beide, dass sie nicht größenwahnsinnig waren, sondern Recht behalten sollten? Im Jahr darauf brach der Erste Weltkrieg aus. Die alte Welt ging unter. Nichts blieb mehr in Europa wie es war. Spätestens jetzt wurden die letzten Blinden aus ihrer vermeintlichen Dauersicherheit gerissen und mussten sich schmerzlich neu orientieren.

Solche Rückblicke aus geschichtlicher Distanz sind aufschlussreich. Zeitenwenden kommen nie plötzlich. Sie kündigen sich über viele Jahrzehnte an. Manchmal gibt es sogar noch vorher Versuche, die kläglich scheitern. Schon im 19. Jhdt. versuchten Frauen, das Tragen von Hosen und die Abschaffung des Korsetts durchzusetzen. Sie wurden selbst von Frauen ausgelacht. Gegen Ende jenes Jahrhunderts revoltierten vor allem Schriftsteller, aber auch andere Künstler gegen die herrschende viktorianische Moral (vgl. Oscar Wilde). Die Industrialisierung schuf in den Städten Zustände, die mit alten Vorstellungen vom idyllischen abgesicherten Familienleben aufräumten. Die Frau als "angel in the house" konnten sich die Reichen und Bürgerlichen leisten, woanders malochten die Frauen gemeinsam mit ihren Kindern in den Fabriken.

"Fin de siècle" - was Thomas Mann so atmosphärisch dicht in seinen Romanen und Erzählungen einfing, wurde nicht nur eine Lebenshaltung und Gemütsverfassung, sondern ein wichtiger Motor für die damalige Kunst in allen Bereichen. Und dieses "Ende des Jahrhunderts" begann lang vor dem Jahrtausendwechsel und wirkte lange nach. Wer den alten Formen anhing, wer auf den alten Privilegien beharrte und seine Sicherheiten im Herkömmlichen suchte, nahm es gar nicht wahr. Ein paar Spinner, ein paar Störer. Vielleicht der ein oder andere Durchgeknallte. Das hatte es immer gegeben, damit würde man schon fertig. Und von Künstlern wusste man, sie würden nie Politik machen, nie die Welt umstürzen. Wenn man sie klein genug hielt, ging von ihnen keine Gefahr aus. Dekadentes Gesindel.

Irgendwann mehren sich die Zeichen für diejenigen, die genauer hinschauen. Aber nicht einmal die Politiker schauen genau hin, denn in Umbruchzeiten gibt es das ein oder andere scheinbar plötzlich auftauchende Problem zu lösen. Irgendwann scheint Sand ins Getriebe zu geraten. Worauf man sich immer verlassen konnte, funktioniert auf einmal nicht mehr. Verlässliche Partner schießen quer. Irgendein Land tut etwas, womit man nicht gerechnet hat. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt und damit, das nächste Problem dicht vor der Nase zu lösen.

Ein Vakuum entsteht, ein schöpferisches Vakuum. Alles scheint verfügbar, der Überfluss der alten Zeiten ist noch anzuzapfen, es läuft und es läuft rund, warum diesen Fluss unterbrechen? Die Menschen, die aufgrund der Probleme ein noch größeres Sicherheitsbedürfnis entwickeln und irgendetwas unterschwellig ahnen, ordern noch mehr fürs persönliche Wohlgefühl und Träumen. Die ersten Filme entstehen, die Unterhaltungsindustrie boomt. Postkarten werden immer süßlicher und niedlicher, auf alle Fälle beruhigend. Wer jetzt keine Experimente mehr macht und die Bedürfnisse jener alten Welt stillt, kommt plötzlich zu Ehren, Ruhm und viel Geld.

Und dann passiert etwas. Als würde ein Schalter umgelegt. Keiner sieht es, keiner spürt es. Eine winzige Minderheit sieht Zeichen. Nur wir, Generationen danach, können festmachen, dass eine kritische Masse unscheinbarer Schneeflocken erreicht ist, die zu einer Lawine wachsen wird. Politisch und wirtschaftlich kann man es an Unruhen und noch mehr Problemen festmachen. Aber wer drinsteckt, sieht es nicht, die Probleme hat es immer schon gegeben. Warum soll ein Balkankrieg auf einmal eine andere Bedeutung bekommen als jeder andere Kampf, der doch ständig irgendwo tobt? Und es muss sich ja auch nichts ändern. Moderner werden kann man schließlich auch ohne Soldaten.

Jenes Umklicken des Schalters erreicht zuerst die Unzufriedenen. Die Künstler, die längst an den überkommenen Traditionen der Belle Époque leiden, die das alte System als ein verlogenes, nicht mehr zeitgemäßes empfinden. Und doch nicht wissen, was danach kommen mag. Sie kennen nur ihre Sehnsucht, ihre Visionen. Brechen irgendwann aus, haben genug. Es ist bei ihnen ein Punkt erreicht, den kaum ein anderer versteht. Sie würden sich selbst verraten, wenn sie so weitermachten wie bisher. Sie ahnen, dass diese Welt in ihrem betulichen Stillstand nur untergehen kann, weil Stillstand und Sicherheit jede Schöpfung zunichte machen. Sie begehren auf.

Wassilij Kandinsky malt das erste abstrakte Bild der Welt, Picasso befasst sich mit archaischen und primitiven Kulturen und bricht Perspektiven, Apollinaire schreibt Gedichte, die Bilder sind, und die man von Funkmasten senden kann, das futuristische Manifest entsteht. Musiker wie Strawinsky und Schönberg brechen die Harmonien der alten Zeit bis an die Schmerzgrenze. Sie sind nur einige der vielen Künstler, die die Moderne ausmachen. Irgendwann sind es so viele, dass die Lawine nicht mehr aufzuhalten ist, und man nennt sie schon zu Lebzeiten Avantgarde.

Aber genau in diesen bahnbrechenden Umwälzungen, in einer Zeit, in der bereits die andere Seite hinter der Schlucht sichtbar wird für so viele, stehen die Menschen noch bedürftiger und ängstlicher vor dem Abgrund. Viele können keine Brücke erkennen. Noch mehr können sich nicht vorstellen, wollen sich nicht vorstellen, auf der anderen Seite glücklich leben zu können. Lasst uns zurück gehen. Ins Vertraute. Rückwärts gehen. In die alte Sicherheit hinein, in das, was man von Kindesbeinen an kennt.

Ausgerechnet in dieses Wimmern hinein trifft eine Vorstellung direkt auf den bloßliegenden Nerv. Nimmt den Menschen auch noch das letzte Quentchen Vertrautes, reißt ihnen den vermeintlichen Halt weg, zeigt die Welt nackt und bloß, wie sie ist, wie sie immer schon war: ein einziges großes, wunderbares Risiko, dieses Leben!

Das Publikum prügelt sich und spaltet sich. Jetzt ahnen einige mehr, dass etwas kommen wird, mit dem sie selbst in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet haben. Etwas Neues, etwas Anderes. Und die Letzten, die Ewig-Gestrigen, schlagen sich um den Erhalt ihrer Zeit. Sie tun es umsonst. Schon die nächste Aufführung wird ein Welterfolg. Als dann bald darauf der Krieg ausbricht, ist es auch für den letzten sichtbar: Es gibt kein Zurück mehr in die Belle Époque. Und gewiss, man hätte den Umbruch auch sanfter haben können.

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