Romane schreiben

Wer ähnlich wie ich gestern zu nachmitternächtlicher Intellektuellenstunde nicht mehr ganz aufnahmefähig war, kann das ZDF Nachtstudio online (Titel: Bestseller-Boom: Wie schreibe ich einen Roman) noch einmal anschauen.
Ich empfehle die Sendung deshalb, weil sie genau das nicht brachte, was die Literaturempfehlungen und Beschreibung des ZDF vermuten lassen - diese Instant-Bausteine und Ratgeberweisheiten, wie man angeblich den verdammt besten Roman schreibt. Dafür sorgte bereits die Auswahl der Diskutierenden:
John von Düffel, Julia Frank, Hanns-Josef Ortheil und Moritz Rinke.

Leider stahlen sich zwischen meine zuklappenden Augenlider nur kurze Passagen, die aber fand ich höchst aufschlussreich: Dass Literatur eben sehr viel mehr ist als die Suche nach dem ultimativen Rezept, als Marktgedöns und Zielpublikumsschere im Kopf. Und dass man als Schriftsteller in der Tat lernen kann - aber ganz andere Dinge lernen muss, als Otto Normalautor vermutet. Bestseller - da waren sich alle einig - kann man nicht planen. Und wenn man erst einmal anfängt, Romane nach einem möglichen Markt oder den Erwartungen anderer zu planen, schafft man auch keine Literatur.

Es wurde tüchtig aufgeräumt mit anderen hartnäckig sich haltenden Klischees. Etwa dem des genialischen Verrückten, der aus seinem Stift die Inspiration herauskaut. Moderne Schriftsteller sind offensichtlich eher Hochleistungsportler mit Disziplin und Selbstorganisation. Und auch wenn es zur kreativen Schöpfung selbst die Abgeschlossenheit und das Alleinsein mit der Buchwelt braucht - das Heraustreten aus dem Kämmerlein gehört zum Berufsbild dazu. Schriftsteller müssen frühzeitig noch ganz andere Qualitäten entwickeln - denn trotz eines Verlags sind sie mehr und mehr ihr eigenes Kulturmanagement-Büro. Spätestens bei unverhofft eintreffendem Ruhm, der einem ja nicht gleich den Privatsekretär finanziert, klagen viele Bestsellerautoren, dass sie das Drumherum fast auffrisst, wenig Zeit zum Schreiben bleibt.

Hanns-Josef Ortheil hätte ich mit seinen Aussagen am liebsten auf meinem mp3-Player, um ihn in schlechten Zeiten immer wieder als Subliminal abzunudeln. Selten hat einer so schön beschrieben, welch ungeheure Gesamtleistung es ist, einen Roman zu schreiben - und vor allem, ihn auch zu Ende zu bringen. Und selten hat einer so eindrücklich erklärt, warum man bei dieser Arbeit anders ticken muss als der Rest der Welt. Hier kann man in der Tat aktiv eine Menge lernen, aber da geht es eher um Persönlichkeitsentwicklung, zunehmende Klarsicht und kreative Fähigkeiten als um Fragen, ob ein Happy End besser sei als Tragik und eine Heldin beim Publikum auch ankommt, wenn sie eine Narbe am rechten Ohrläppchen hat.

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