Kulturrat rechnet mit Krise

Zwei Krisen in der Kultur

Manchmal lohnt es sich, etwas verstecktere Artikel zum Thema Kunst & Kultur aufzustöbern. Der Deutsche Kulturrat macht sich z.B. Gedanken über die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise für die Kultur in Deutschland.

Grundtenor: Es wird Folgen geben - und zwar nicht nur durch primär fehlende Investitionen, sondern auch durch steigende Arbeitslosigkeit. Vor allem die noch nicht Etablierten und die Jüngeren werden es schwerer haben - sie bedeuteten ein "Investitionsrisiko".
"Geringe Absatzchancen bedeuten auch sinkende Einnahmen für Kreative, deren ohnehin prekäre Situation könnte sich noch verschärfen."

Was die Literatur betrifft, so verschränken sich wieder einmal Wirtschaftskrise und eine hausinterne, selbstgemachte Strukturkrise der Branche. Krise Nr. 1 betreffe hauptsächlich Bibliotheksware: Die Einkaufsetats werden sinken.
Krise Nr. 2 war lange absehbar: In schlechten Zeiten und bei rückgängigen Absatzzahlen schreite Marktkonzentration im Buchhandel noch schneller fort als sonst: "Bereits heute wird vom Börsenverein des deutschen Buchhandels prognostiziert, dass im Jahr 2010 die fünf größten Filialisten einen Marktanteil von 29% haben werden." Dem Kulturrat zufolge werde sich das auf die Verlage auswirken: "... da die großen Filialisten sich zumeist auf „gängige“ Titel der diversen Bestsellerlisten konzentrieren und es schwierig ist, weniger bekannte Autoren oder spezifische Themen zu platzieren."

Für zeitgenössische und noch nicht fest etablierte Künstler, für Kreative, die Experimente wagen und Neues denken, könnte es in Zukunft auch auf Käufer bezogen schlechter aussehen. Zwar wagt der Kulturrat noch keine Prognosen, sagt aber deutlich, dass sich Käufer in Krisenzeiten eher auf Etabliertes, Bewährtes und somit vermeintlich Sicheres zurückzögen. Interpretiert man das auf den Literaturmarkt um, dürften Trend-Genres, Einmal-Lesefutter und Eskapismus-Literatur im Abverkauf Gewinner werden.

Vernichtend ist die Prognose für digitale Buchtexte: "Eine Verstärkung der digitalen Zugänglichmachung von Büchern, speziell Fachbüchern, in Bibliotheken, wird die Absatzchancen der Verlage verringern." (zum gesamten Artikel mit Kommentaren)

Was ich glaube

Ich bin weder Fachfrau noch verfüge ich über Zahlenmaterial. Als Betroffene und trotzige Trotzdem-Autorin wage ich jedoch einen etwas anderen Ausblick. Ich muss dazu sagen, dass für mich Krisen zwar schwierige Zeiten bedeuten, aber auch ungeheure Chancen. Wer eine Krise richtig nutzt, hinterfragt das Herkömmliche, bricht Krusten auf, wagt Experimente. Und die sollen angeblich nicht funktionieren?

Auch ich glaube an weitere Marktkonzentrationen im Buchhandel und Verlagswesen auf herkömmlichen Schienen. Da wir aber bereits über bahnbrechend neue Techniken und Vernetzungsmöglichkeiten verfügen, werden auch die Kleineren zunehmend mehr Chancen haben. Es kommt die Zeit des "außerfeuilletonistischen" Raums (selbst das etablierte Feuilleton experiment hier schon fleißig!), die Direktvernetzung von Autoren, Verlagen und Buchhändlern mit Endkunden. Das "Social Web" ermöglicht völlig neue Mechanismen der Kulturberichterstattung, der Werbung, der Teambildung. Schriftsteller haben jetzt schon neue Werkzeuge an der Hand, die, wenn sie sie künftig professionell nutzen sollten, einige Zwischenverdiener aussschalten könnten. Vor allem aber können wir heute eins: Publikum direkt und persönlich ansprechen und generieren.

Ich persönlich glaube nicht an den Superboom der Lesefutterware durch Krise und Arbeitslosigkeit. Wenn mehr Arbeitnehmer entlassen werden, so trifft es mit der Automobilbranche hauptsächlich Facharbeiter und Arbeiter. Menschen, die eher Genreliteratur konsumieren - die schon jetzt ihr Lesefutter immer billiger erstehen wollen. Ich sehe, zu welch üblen Konditionen die KollegInnen in den großen Trendgenres im Gegensatz zu anderen AutorInnen jetzt schon arbeiten. Ich denke, der Preisdruck, den das E-Book noch verschärfen dürfte (und die wenigsten sichern sich hier vertraglich ab), wird deren Einkommen weiter senken. Und natürlich wird es da keine Experimente mehr geben. Denn in diesem Bereich investieren Verlage mal wieder Millionen - für Werbung, für angeblich avantgardistische Portale und Communities. Millionen, die woanders eingspart werden müssen.

Dagegen wächst jedoch der Hunger auf Neues und auf Relevanz genau immer dann, wenn zu viel Austauschware und Self-Copying-Books am Markt sind. Wer es schafft, sein Angebot in diesem Bereich sichtbar zu machen und an den Kunden zu bringen, könnte auf der Gewinnerseite stehen. Für solch wagemutige Verlage wird das Internet die erste Wahl der Technik sein, denn es bietet bezahlbare bis billige Strukturen. Es wird Zeit, sich Gedanken zu machen, wie man solche doch noch eher von jungen Menschen genutzten Techniken für ein älteres und auch für ein eher konservatives Bildungspublikum schmackhaft machen könnte. Auch hier sind einige Trendsetter bereits aufgewacht und proben tüchtig.

Überhaupt wird es Zeit, Utopien auszuprobieren. Wenn man sowieso nichts mehr zu verlieren hat, kann es sich lohnen, etablierte Geschäftsmodelle zu hinterfragen und auch einmal Kurioses zu testen. Ich habe es damals Anfang der Neunziger beim gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch im ehemaligen Ostblock erlebt: Gewinner dieser extrem schwierigen Krise waren diejenigen, die jung und mobil in Kopf und Unternehmergeist spontan auf Probleme reagieren konnten und ungewöhnliche Ideen umsetzten.

Müssen sich vielleicht auch BuchautorInnen langsam daran gewöhnen, dass "Schreiben" als Qualifikation heutzutage allein nicht mehr ausreicht? Natürlich kann man eine Misere immer mit einem Brotjob auffangen (und was, wenn dort die Arbeitslosigkeit droht?) Aber denken wir doch einmal mutig: Was könnten wir Autorinnen und Autoren erreichen, wenn wir etwas mehr Unternehmergeist entwickelten und uns vielleicht sogar in anderen Feldern unseres Berufs fortbildeten? Wir sind nur dann ausgeliefert, wenn wir uns als "Zuarbeiter" verstehen, die ohne den Partner gar nicht arbeiten können. Werden wir wieder Schöpfer, Kreative!

Noch etwas darf man über all der Krisenjammerei nicht vergessen: Noch nie war so viel Geld in Umlauf. Jede Krise schafft Krisengewinnler. Der Gewinn bei der jetzigen Krise ist enorm in manchen Berufsgruppen. Manche Totgesagte (s. Bank of America) lohnen plötzlich wieder. So wie sich die Armut verschärft, wächst der Reichtum. Das Geld ist da. Es sitzt nur vielleicht plötzlich woanders. Und da braucht es bei Kunst- und Kulturschaffenden vielleicht nur neue Ideen, um neue Töpfe und Kunden zu finden?

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