Leben zwischen zwei Deckeln

Glücklich wie ein kleines Kind komme ich von einem privaten "vide grenier" (einer Art Flohmarkt von dem, was man beim Großputz vom Speicher räumt). Ich habe eine Kiste alter Bücher ergattert - geschenkt. Papiermüll. Gewiss, die Umschläge waren teilweise in einem jämmerlichen Zustand, hatten Feuchte ertragen müssen, schlechte Lagerung in einem Schuppen. Aber die Bücher sind vom Beginn des 19. Jahrhunderts, Preziosen mit vielen Abbildungen. Und die von der Zeit ab 1900 erzählen Geschichte, an die sich kaum mehr einer erinnert - es sind Bücher, mit denen die Elsässer immer wieder mühsam die jeweils neue Kultur und Sprache erlernen mussten. Von Sütterlin bis Französisch.

Viel uraltes Extrem-Evangelisches war dabei, kuriose Sachen, wie etwa der missionarische Trost, im Hitlerreich komme endlich das Reich des Heilands, wenn man es nur irgendwie schaffe, unter Engelsgesängen friedlich zu verscheiden. Genauso verrückt wie die Empfehlung auf einem Buchrücken, mit dem Märchen von "Sindbad der Seefahrer" zum wahren Christenmenschen wachsen zu können. Interessante Einblicke in die Psychen längst Verstorbener oder Uralter, aber eher keine Bücher zum Sammeln.

Eins mit Psalmen und Liedern habe ich dann doch dringend mitnehmen müssen. Nicht nur wegen des Goldschnitts und der preziosen Jugendstilaufmachung. Es war voll von Leben. Jemand hatte vor über hundert Jahren darin Efeublätter gepresst, die noch erhalten waren. Das Buch stak voll von Geburtstagsgrüßen, Heiligenbildchen und bunten Spruchkärtchen. Die Besitzerin des mit einer handgeschriebenen langen Widmung versehenen Buches hat mit Schönschrift Verse abgeschrieben, die ihr besonders gefielen. Was hatten die Menschen damals noch Zeit. Und wie einfach fanden sie Trost und Schönheit!

Ohne dieses Buch zu lesen, erzählt es etwas von einer Frau, die es längst nicht mehr gibt. All die Kärtchen, Verse und Bildchen lassen Eindrücke von ihren Ängsten und Träumen entstehen, zeigen Menschen, die sie liebten. In diesem Buch lebt seine Besitzerin fort. Würde man ein Buch über ihr Leben schreiben können, gelänge es ihr, von einem Buch ins nächste zu springen.

Und ich bin dreifach reich: Ich halte Bücher in Händen, die eine Geschichte erzählen, die ihr Autor schrieb. Sie erzählen außerdem Geschichten über ihre Besitzer. Und obendrein erzählen sie Geschichten über die Zeit, aus der sie stammen - und über die Zeiten, die sie überlebten. Viele Menschen müssen sie sehr geliebt haben, wenn sie Unruhen, Krisen und drei Kriege überstanden. 1819. Hundertneunzig Jahre. Bleisatz auf Bütten, Kupferstiche, Ledereinband.

Und wir heute? Wir schreiben immer mehr Ex-und-hopp-Romane, deren Lebenszeit schon rein technisch auf höchstens zweimaliges Lesen ausgerichtet ist... Was wird eines Tages Geschichten über unsere Zeiten, unsere Träume und Wünsche und Ängste erzählen? Was bleibt?

Lesetipp:

Der Schriftsteller Reinhard Kaiser hat auch einmal in Kisten gekramt - eigentlich war er auf der Suche nach alten Briefmarken. Bei einer Auktion befiel ihn dann über einem Päckchen Briefe unerklärlicherweise das Bietefieber. Zum Glück für seine Leser, denn er konnte aufgrund dieser Briefe die Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Juden Rudolf Kaufmann und der Schwedin Ingeborg Magnusson rekonstruieren. Eine Liebesgeschichte, die von Anfang an zum Untergang veurteilt war und fünf Jahre nur über Briefe gelebt wurde - so lebendig, so voller Emotionen - aber auch ein Spiegel der Zeit.
Für das Buch - übrigens bestens für Erwachsene lesbar - wurde Reinhold Kaiser mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Das von Kai Wiesinger gesprochene Hörbuch wurde nach Erscheinen von der Süddeutschen Zeitung Audio zum Hörbuch der Woche gekürt.


Reinhold Kaiser: Königskinder. Schöffling & Co.
Kai Wiesinger spricht Reinhold Kaiser: Königskinder. Der Diwan

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