Ungespitzt...

... in den Boden gerammt habe ich jetzt meine ach so wunderbare "Künstlerberaterin", die mir das Kasperletheater mit jenem Amt eingebrockt hat, aus dem es fast nur noch einen Ausweg gibt: Arbeit hinschmeißen, arbeitslos werden. Das Problem ist suffisant-primitiv: In Frankreich kann ein Schriftsteller Freiberufler mit Firma sein oder auf eine eigene Firma verzichten. Und ich bräuchte eigentlich nur einen Wisch, der zweiteres Recht beweist, das ich mir offiziell genommen habe. Weil diese Dame gesagt hat, ich müsse das tun! Ein Blatt Papier, eine Kopie...

Zwei Wochen warte ich vergeblich auf ihren Rückruf (trotz dringenden Anmahnens), meine Mails kommen angeblich nie an, mein Fax verottet mindestens eben so lang. Ihre Antwort: "Ja, ich hab nicht genau gewusst, was Sie wollten, deshalb habe ich mich nicht gemeldet." Kann man nicht zurückrufen und fragen? Der menschenverachtende Zynismus auf Ämtern schreit mittlerweile zum Himmel. Egal, ob man mit einem falschen Rat Existenzen vernichtet, man hat ja das fette Staatspöstchen. Und nein, angeblich hat sie mir den Rat nie gegeben, obwohl ich ihn schriftlich habe, angeblich ist sie gar nicht zuständig...

Jedenfalls war ich erstaunt, zu welch eiskalten Zynismen ich auf Französisch mittlerweile fähig bin. Französische Diplomatie für Fortgeschrittene. Ich habe der Dame jetzt gesagt, dass ich das nicht mehr länger mit ansehen kann, wie sie unter mir leidet und solche schauderhafte Extraarbeit hat. Ich werde ihr das Leben erleichtern und sie von dieser Zuständigkeitspflicht entbinden lassen. Die Mails an ihren Arbeitgeber, das Parlament, kommen zum Glück durch, direkt. Von denen lasse ich mich wieder an mein Städtel ums Eck "überweisen", da geht alles etwas langsamer als in Strasbourg zu, aber persönlich, menschlich.

"Das können Sie nicht! Nur ich kann ans Parlament schreiben, Sie nicht! Sie können da nicht einfach hinschreiben!"
Ha. Selten so gelacht. Ich kann noch ganz anders. Beinahe hätte ich sie gefragt, ob sie eine Einladung zu "Die sieben Todsünden" will, einer französischen Fernsehshow über Fälle von Amtswillkür. Der absolute Publikumsknaller.
Da ist ein Siedepunkt erreicht. Dem Amt, dem ich zum zigsten Mal beweisen soll, dass ein Schriftsteller ohne Firma schriftstellern darf, gebe ich noch eine Woche. (Wer bin ich eigentlich, dass ich französischen Behörden ihre eigenen Paragraphen erklären muss?)

Ich habe ungeheures Glück. Ich habe genügend Bildung genossen, um meine Rechte im Internet zu recherchieren, um Paragraphen in einer Fremdsprache zu lesen und um nach eigenen Lösungen zu suchen. Als Journalistin weiß ich, wie man sich wehrt. Ich kann das Land wechseln, wenn ich Lust habe. Ich kann frei über mich und meine Arbeit verfügen. Mich brechen solche Leute nicht.

Aber auf diesen Ämtern werden immer mehr Menschen fertiggemacht, die sich nicht wehren können. Die ihre Rechte nicht kennen. Die aus Verzweiflung manchmal nicht einmal mehr nachdenken können. Wenn ich die Schicksale in den Warteräumen höre, frage ich mich, warum es so wenig Amokläufer gibt. Die meisten dieser Menschen sind aber nur noch resigniert, werden depressiv, haben einfach keine Kraft mehr. Seit Sarkozy ist Frankreich besonders effektiv geworden in der zynisch kalten Verwaltung von Menschenmaterial.

Falls dieses Blog also plötzlich hektographiert und handabgezogen erscheinen sollte, bin ich in den Untergrund gegangen. Ich sitze dann bei einer Petroleumfunzel nachts im verdunkelten Keller und schreibe heimlich. Bis man mich abholt, weil ein Schriftsteller in Frankreich nicht einfach schreiben darf, wann und wie er Lust hat. Es muss alles schließlich seine Ordnung haben. Ich hoffe nur, dass ich dann noch buchliebende Zeitgenossen finde, die meine Manuskripte heimlich in den Westen schmuggeln. Ach nee, Osten...

(Abgeheftet in der Rubrik staatliche Kreativitätsverschwendung. Zusatznotiz der Autorin für Frankreichschwärmer und Möchtegernaussteiger: Was war das im hochkomplizierten Polen doch alles einfach gegen diesen angeblich so hochzivilisierten Westen!)

Kommentare:

  1. Ich erkläre mich zum Schmuggeln bereit, Petra ...:-)

    Christa

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  2. Klasse Christa,
    wir unterfliegen den Radar mit Manuskriptbombern ;-)

    Es gibt übrigens einen Lichtblick. Ich habe im "Städtel" angerufen und mein Leid geklagt. Nach zwei Minuten hatte ich die Frau am Telefon, sie hat zugehört, hat mich ernst genommen - und obwohl sie gar nicht müsste, mir einen Schnelltermin noch am Freitag gegeben. Warum die Strasbourger das nicht könnten... ;-) Ich solle mal den ganzen Kram mitbringen, dann werde sie erst mal für mich herumtelefonieren und dann schauen wir mal, wie wir reagieren.
    Ich bin nicht mehr allein als Don Quichotte. Nach einem Jahr Kampf. Puh.

    Solchen leider immer seltener werdenden fonctionnaires / Beamten sollte man ein Denkmal bauen und es diesen debilen Materialverwaltern vor die Nase setzen!

    Mir ist allein schon dadurch, dass endlich mal jemand ernsthaft zugehört hat, ein Fels von der Brust gefallen und ich lache wieder. So einfach ist es, Menschen glücklich zu machen... Und ich stelle mir vor, wenn ich lächelnd und zufrieden auf ein Amt gehen kann, hat auch der Beamte mehr Spaß an seiner Arbeit?

    Jetzt aber nichts wie ans Buch, Dingens wartet sehnsüchtig.

    Herzlichst,
    Petra

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