Vorfreude, buchstabenschwarz

Endlich, endlich, endlich habe ich mal wieder so richtig in die Vollen greifen können und mir ein Kistchen Bücher geschenkt. An Colum McCann, den ich gleich im Paket eingekauft habe, las ich mich heute Nacht bereits fest. Ich hatte kürzlich von einer Freundin "Der Tänzer"geliehen bekommen und war hin und weg. Von seiner ganz und gar besonderen Art der fiktiven Romanbiografie eines realen Menschen (Nurejev), seiner Erzählgewalt, seiner außergewöhnlichen Sprache. Dieses Buch musste ich unbedingt selbst besitzen (um es mehrfach zu lesen) - und andere gleich dazu.

Dann hat die Zuspätgekommene endlich aus der zweiten Auflage Sibylle Lewitscharoffs "Apostoloff" ergattert. Nein, ich lese es nicht wegen des Buchpreises. Es interessiert mich, weil ich selbst vier Jahre lang in Osteuropa gelebt habe und neugierig bin, wie das andere erleben. Ich lese es, weil ich im Moment ein Faible für "Roadmovies" in Buchform habe. Es heißt immer, Reisen kämen als Buch nicht gut. Ich habe allerdings den Eindruck, dass Reisen als Romanmotiv seit Jonathan Safran Foers Entdeckungsfahrt in die Ukraine in "Alles ist erleuchtet" (und seinem meisterhaft die Sprache verändernden Reiseführer) diese Art des Schreibens geradezu eine Renaissance erlebt. Auch in Aleksandar Hemons "Lazarus" reisen zwei durch Osteuropa. Eigentlich doch logisch, sich der Fremde und dem Fremdgewordenen mit dem Mittel der Reise anzunähern?

Die Polin Olga Tokarczuk geht in ihrem Buch "Unrast" noch einen Schritt weiter. Auf dieses freue ich mich ganz besonders - es hat übrigens im vergangenen Jahr den wichtigsten polnischen Literaturpreis (Nike) bekommen und liegt dank verschiedener Fördermittel bereits jetzt in deutscher Sprache vor. Für Olga Tokarczuk ist das Getriebensein, das Reisen und Flüchten ein Zustand der Moderne - und beim Blättern in ihrem Roman, der aus verschiedensten Textarten und Abbildungen besteht, kann man erahnen, dass die Moderne endlich auch neue experimentellere Formen des Schreibens hervorbringt. Lange hat man sich gefragt, wie sich Internet und verändertes Kommunikationsverhalten auf das Schreiben alter Formen wie der des Romans auswirken könnten. Ich habe den Eindruck, Olga Tokarczuk beantwortet die Frage bereits und könnte mit der Einbindung von Bildern in Text in ähnlicher Tradition stehen wie Foer und Hemon. Aber das kann ich erst nach dem Lesen beurteilen.

Von jemandem in einem Verlag heiß empfohlen wurde mir Margit Schreiners "Haus, Friedens, Bruch", das mal wieder die ideale Bettlektüre für Schriftsteller abgibt. Der messerscharfe und freche Monolog liest sich höchst vergnüglich an und scheint den Literaturbetrieb gründlich aufs Korn zu nehmen. Das Zitat im Werbetext macht Lust: "Ein Schriftsteller muss sein wie seine Leser. Dann hat er auch Probleme wie seine Leser und muss keine Probleme erfinden, die ja doch niemanden interessieren, weil niemand außer dem Schriftsteller sie hat. Ein Schriftsteller kann gar nicht genug Probleme haben." Beide Bücher erscheinen übrigens bei Schöffling & Co., der mir wieder einmal auffällt, weil er Bücher herstellt, die von Druck, Papier und Buchbindung her einfach ein haptisches und sinnliches Vergnügen sind. Wenn man ein Buch schon vor dem Lesen mit solcher Wonne streichelt und berührt, muss man sich um Bücher aus Papier auch in Zukunft nicht sorgen.

Und für etwas konzentriertere Zeiten habe ich mir ein Buch gekauft, das so klingt, als sei es eine Anleitung, und das doch allen einschlägigen Ratgebern der "amerikanischen" Sorte zeigt, dass ernsthaftes und wahrhaftiges Reden über das Schreiben nicht in klaren Mustern und Instantanleitungen möglich ist. Auch wenn es aus Vorlesungen entstanden ist, gibt es keinerlei Schnellrezepte. Die Paarung verspricht Spannung: Hanns-Josef Ortheil, bekannter Schriftsteller und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Uni Hildesheim, tritt mit seinem eigenen Lektor im Luchterhand Literaturverlag, Klaus Siblewski, in einen öffentlichen Dialog. Das Thema: "Wie Romane entstehen".

Und wenn ich das alles und noch viel mehr gelesen habe und bei einem Buch jubeln sollte, gibt's hier natürlich eine Rezension. Vorher sagt mir nur mein kleiner Finger, dass für mich kein Fehlgriff dabei ist - und dass mir dieses Paket zeigt, wie unterschiedlich, reich und faszinierend Literatur auch heute noch ist, wenn man ein wenig nach den Perlen sucht (oder wie ich einen Buchhändler hat, der Perlen führt und empfiehlt). Bücher sind immer noch Welten.

Literaturtipps:
  • Colum McCann: Der Tänzer, rororo
  • Sibyll Lewitscharoff: Apostoloff, Suhrkamp
  • Olga Tokarczuk: Unrast, Schöffling
  • Margit Schreiner: Haus, Friedens, Bruch, Schöffling
  • Ortheil / Siblewski: Wie Romane entstehen, Sammlung Luchterhand

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