Sprechende Gesichter

Manche Menschen betrachten Fotos und wissen sofort: "Ach, das ist doch der Kurt, da war er zwölf, sieht heute noch genauso aus, nur 40 Jahre älter." Aleksandar Hemon erzählt in seinem Roman "Lazarus" vom Möchtegernschriftsteller Brik, wie er Leute anschaut und mehrere Gesichter aus unterschiedlichen Zeiten sieht: "Ein menschliches Gesicht besteht aus verschiedenen Gesichtern - den Gesichtern, die man geerbt oder sich im Lauf der Zeit angeeignet hat, oder denen, die man sich einfach ausgedacht hat -, unordentlich übereinandergelegt." Brik redet dann vom "tieferen Gesicht" hinter der Miene und bekommt ein Problem mit Gesichtern, als er wieder in Sarajevo weilt. Er schaut hinter dem Sichtbaren auf die Vergangenheit, immer in der Angst, er würde vergessen, wie diese Menschen früher waren, wenn er das Gesicht allein im Jetzt betrachten könne.

Diese Stellen waren für mich ein Aha-Erlebnis. Ich kenne das auch. Wenn ich die Augen schließe, kann ich mir manche Freunde nicht vorstellen, denn dort, wo ihr Gesicht sein sollte, wabert etwas in ständiger Bewegung. Von meiner Freundin kenne ich mindestens zehn Gesichter und manchmal, ganz selten, bricht eines hervor, das vielleicht ihrer Großmutter ähnelt und ein kleines Mädchen ist. Ich sehe, wann sie etwas sein möchte oder wann ihr so ein Gesicht einfach "herausrutscht".

Als Journalistin kann ich mit virtuell erstellten Interviews, auch wenn sie bequem sein mögen, nicht viel anfangen. Abgesehen von der Beobachtung und Beurteilung der Körpersprache war ich immer auf der Suche nach den Gesichtern. Ich begrüßte eine eindeutige, fest umrissene Fassade, eine Maske, und schaute meinem Gegenüber in die Augen. Die Augen sind die Eingänge. Und irgendwann zeigen sich die vielen Gesichter. An den Augen, wenn ich diesen Moment erlebt habe, kann ich Menschen noch nach Dutzenden von Jahren wiedererkennen - selbst wenn ich ihnen nur einmal begegnet bin. Denn dann kommen wieder all diese zeitlosen Gesichter hoch - auch das von damals. Fehlt mir jedoch dieser Augen-Blick, erkenne ich nicht einmal gute Bekannte auf der Straße. Da läuft dann jemand mit einem aussagefreien Gesicht vorbei, einer, dessen Gesicht nichts erzählt.

Mir fällt auf, dass ich mich erfolgreich darum drücke, Gesichter von Romanfiguren zu beschreiben, obwohl ich selbst meine Figuren plastisch vor mir sehe. Aber auch ihre Gesichter wabern, sind in ständiger Bewegung, erzählen mir von deren Vergangenheit, von ihrer Herkunft, von ihren Stimmungen. Bei meinem derzeitigen Projekt geht es sogar um einen realen Menschen, von dem es ein paar Fotos gibt. Er sieht immer wieder anders aus, es scheint nie der gleiche Mensch zu sein. Ich habe Aussagen von Zeitzeugen, die über seine Chamäleonhaftigkeit staunten. Ein Mensch mit einem Stillegesicht und einem Bewegungsgesicht.

Seit Monaten schaue ich mir immer wieder diese Fotos an, weil ich dahinter schauen möchte. Mich interessiert längst nicht mehr das eingefrorene Gesicht auf Papier. Wie mag er kurz vor oder nach dem Moment ausgesehen haben? Was würde ein Film zeigen, wenn man all die Gesichter aneinanderreihen könnte? Welches war sein inneres Gesicht? Welches sein empfundenes Lächeln und welches nur zur Abwehr der Betrachter? Was sahen die anderen in seinem Gesicht? Sahen sie wirklich ihn oder eine Vorstellung ihrer selbst? Was sehe ich? Und hält ein Foto wirklich nur einen einzigen Moment fest?

Ich bin jetzt richtig froh, dass ich wie jener Brik keine eindeutigen Gesichter erkennen kann. Wäre das der Fall, hätte ich mein wichtigstes Handwerkszeug verloren: den unermesslichen Datenspeicher von Geschichten, den die Menschen im Gesicht tragen...

Kommentare:

  1. Das halte ich für einen wichtigen Punkt.

    Ich selbst drücke mich sogar möglichst vollständig um Beschreibungen.
    In meinem Falle ist das aber eine Erfahrung aus meinem Leben als Leser. Denn in den meisten Fällen habe ich beim lesen ganz andere Figuren im Kopf, als auf den Seiten steht.

    Da wird eine Frau dauernd als dunkelhaarig beschrieben, aber vor meinem inneren Auge ist und bleibt sie blond.

    Da wird jemand als grimmig beschrieben, ich sehe ihn aber andauernd lächeln.

    Für mich tragen Name(!) und Handeln viel, viel mehr zur Optik bei als jede Beschreibung.

    Aber auch bei mir wabert es ja immer alles. Denn, das ist etwas, was ich schon seit Jahren predige, aber nie jemand versteht: Bücher sind KEIN Film!!! Es gibt in einem Buch keine unveränderliche, klare Optik.
    JEDE, wirklich ausnahmslos JEDE Optik, die der Leser beim Lesen hat, kommt aus ihm selbst. Angeregt durch die Worte des Autors.

    Natürlich kann es sein, dass man sich die Leute dann so vorstellt, wie der Autor sie beschreibt. Aber selbst DANN sehen sie für jede Person anders aus.
    Das gilt auch für die "Locations" und die Gegenstände.
    Deshalb ist es sehr viel sinnvoller, Figuren und alles andere als Autor eben NICHT en Detail zu beschreiben (Im Zweifelsfalle, wie bei mir, ignoriert der Leser das ohnehin), sondern an die Erinnerungen des Lesers zu Appelieren.

    "Sie sah aus wie eine Strenge Matehmatiklehrerin", "Er wirkte wie ein Sportler, der lange nicht mehr zum Training gegangen war" und ähnliches zaubern meist viel klarere Bilder hervor als detailreiche Beschreibungen.

    Das ist übrigens auch der Grund weshalb man, wenn man mal erst einen Film sieht und dann das Buch dazu liest, IMMER, ausnahmslos IMMER die Gesichter der Schauspieler vor Augen hat. Weil das die natürliche, bildliche Verknüpfung zu der Romanfigur darstellt, die ja sonst nur aus Einzelfragmenten innerhalb der Erinnerung des Lesers zusammengesetzt worden wären.

    Liebe Grüße,
    Marco

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  2. Hallo Marco,
    du sprichst einige sehr interessante Punkte an. Zur kleinteiligen Beschreibung von Figuren fällt mir die Trivialliteratur ein, wo solche Beschreibungen ja regelrecht genormt werden und die Kunst darin besteht, die Erwartungen der Leserinnen möglichst in allen Einzelheiten zu treffen. Ich sortierte mal im Studentenjob Heftchen namens "Gaslicht" ins Altpapier, bei denen das bis aufs Cover stimmte: Heldin blond, Wallehaar, fraulich; Widersacherin brünett bis schwarz, maskulin oder groß. (Hitchcock hat übrigens mit solchen Erwartungsklischees und seiner eigenen Einstellung zu blonden Frauen hervorragend gespielt!)

    Was das andere Medium Film betrifft (ich stimme dir voll zu in der Unterschiedlichkeit beider Medien), erlebe ich gerade den umgekehrten Effekt. Ich sehe mir Filme an, die über meinen Dingens gedreht wurden, den ich 1. von alten Fotos kenne und 2. in meiner Vorstellung zusammensetze. In beiden Fällen bin ich hingerissen, wie gut die Schauspieler ausgesucht wurden. Aber nur im Hinblick auf ihre äußerlichen Ähnlichkeiten! Weil aber in einem der Filme der Charakter überhaupt nicht mit dem übereinstimmt, den ich recherchiert zu haben glaube, verliert die äußerliche Ähnlichkeit vollkommen.

    Wenn du schreibst: "Es gibt in einem Buch keine unveränderliche, klare Optik", möchte ich einer Umkehrung dieser Aussage übrigens widersprechen. Es gibt auch weder auf Fotos noch im Film eine unveränderliche, klare Optik. Du hast dich sicher auch mit Pressefotografie beschäftigt und weißt, dass die angeblichen Abbilder von Wirklichkeit ebenfalls "gelesen" werden - vom interpretierenden Betrachter. Wir GLAUBEN dem Bild nur mehr als dem Text (was fatal werden kann).

    Das ist übrigens noch eine Stärke von Hemons Buch, das Schwarzweiß-Fotografien enthält, die aus der Kamera der zweiten Figur stammen, teilweise aber auch die 1908 spielende Geschichte abbilden könnten. Der Kritiker Elmar Krekeler nannte es einen "Exkurs über fotografisches Erzählen mal philosophischer Ausfahrt ins Wesen des Erzählens."

    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Hey Petra.

    Ja, über Trivialliteratur hatte ich mal ein faszinierendes Seminar. Dort wird ja über das Äußere ganz stark der Charakter definiert (In Fürstenromane sind die Rothaarigen Frauen immer die Bösen, in Westernromanen die Dunkelhaarigen Kerle mit dem stechen Blick immer die Bösen etc.). Da sind diese Archetypen natürlich Pflicht.

    Auch über die größere Überzeugungskraft von Bildern weiß ich Bescheid. Ein Punkt, der mich immer wieder fasziniert, besonders, wenn er ins Gegenteil verkehrt wird. Das Bilder manipulierbar sind (Sowohl optisch als auch in ihrer Aussage) sollte einem Journalisten ja bekannt sein.
    Wenn aber die Verschwörungstheoretiker des 11. Septembers sich hinstellen und sagen, es seien gar keine Flugzeuge ins World Trade Center geflogen und die Live-Bilder (!) seinen manipuliert und die Flugzeuge nur eingefügt, dann wird die Manipulierbarkeit von Bildern wieder ins Absurde verzerrt.

    Wenn ich von "unveränderlicher Optik" spreche, dann meinte ich damit übrigens mehr: Wenn man ein Foto von einem Foto macht, und davon wieder ein Foto, und auch davon ein Foto, dann wird auf allen davon das gleiche zu sehen sein. Und auf allen wird das zu sehen sein, was am Schauplatz zu der Zeit an jenem Ort, aus jener Perspektive zu sehen war. Und jeder der drauf schaut, wird die selben Sachen sehen. (Wenn auch vielleicht nicht dieselben Sachen wahrnehmen)
    Das Bild, das durch das Bild kodiert wird ist, zwangsläufig, immer das gleiche. (Auch wenns in jedem Betrachter anders wahrgenommen wird.)

    Wenn aber drei Menschen dieselbe Beschreibung im selben Buch lesen, wird jeder von ihnen ein anderes Bild (!) im Kopf haben. Das Bild, das durch den Text kodiert wird, ist also schonmal immer ein unterschiedliches, je nach Betrachter.

    Ich unterscheide hier zwischen "Informationsträger" (Foto oder Text), dem Bild das darin kodiert ist, und der Wahrnehmung des Betrachters. Bei Fotos ist das "Bild" immer das gleiche, wenn auch die Wahrnehmung anders ist. Beim Text ist aber schon das darin kodierte Bild bei jedem Betrachter ein anderes.

    Abstraktes Thema. :)

    Übrigens fallen mir zu der ganzen Geschichte auch wieder die Romane von W.G. Sebald ein (Besonders "Austerlitz"), die/das sich genau mit dieser Form von Erinnerung, Text und Bild auseinandersetzt.
    Falls du es noch nicht kennst: Absolute Leseempfehlung!! :)

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