Nicht schreiben, erzählen!

"Wie kann ich einen Roman schreiben", befragt jemand Gugl und landet in diesem Blog. Dabei habe ich darauf gar keine Antwort. Vielleicht würde ich eine andere Frage empfehlen: "Kann ich denn einen Roman schreiben?" Aber auch diese Frage wäre zu kurz gegriffen.
Wie wäre es damit:
  • Habe ich etwas zu erzählen?
  • Kann ich erzählen?
  • Habe ich Freude am Erzählen?
Via writingwoman habe ich ein interessantes Interview mit Wladimir Kaminer zu diesem Thema gefunden, das den Vorrang des Erzählens vor dem Schreiben eindrücklich beschreibt. Kaminer geht so weit zu sagen, dass wahres Erzählen und Schreiben mit dem eigenen Leben, dem Lebensthema zu tun haben müssen. Und so lange man eben dieses drängende Etwas, das erzählt werden will, nicht gefunden hat, wird das auch nichts mit dem Schreibenlernen - so jedenfalls deute ich seine köstliche Passage mit den Autoren, die Bücher wie Fernsehserien konzipieren, nämlich nach Baukastensystemen und Fremdmeinungen.

Das Schreiben scheint bei ihm ein erfrischend selbstherrlicher Akt zu sein, geboren aus der mündlichen Tradition des Erzählens und Vorlesens.
"Wie kann ich einen Roman schreiben?" - Man kann sich nicht hinsetzen und von Null auf Hundert zum Romancier beschleunigen. Jemand, der Romane schreiben will, muss schon zuvor Freude am Erzählen und an Geschichten gehabt haben. Und muss jemand, der erzählen kann, denn überhaupt wissen, wie "man" einen Roman schreibt?

Tiefe Einsichten in dieses künstlerische Denken im Gegensatz zum reinen Kunsthandwerk bietet ein Landsmann Kaminers, den ich gerade abgestaubt habe: Nikolaj Gogol. Nicht, weil er heuer 200 Jahre alt geworden wäre, habe ich ihn wiederentdeckt - ich habe mir seine Bücher freiwillig schon in der Schulzeit vom Taschengeld gekauft. Eines fehlte mir, ich bekam es kürzlich als "alten Krempel" geschenkt - und frohlockte. Eine Sammlung seiner "Petersburger Geschichten" in einer alten DDR-Ausgabe des Aufbau Verlags. Eine dieser Erzählungen mit phantastischem Einschlag hat es mir besonders angetan. Im Original heißt sie "Portret" und stammt aus der kleinen Geschichtensammlung "Arabeski" - "das Portrait" (1835). Leider kann ich im Moment keine moderne Erzählungssammlung von Nikolaj Gogol ausmachen, in der sie enthalten ist - angeblich habe man diese ausgelassen, weil sie nicht so gelungen sei. Man sollte auf das Inhaltsverzeichnis achten, zahlreiche Neuübersetzungen sind im Jubiläumsjahr erschienen.

In "Das Portrait" geht es um einen armen begabten Maler, der für sein letztes Geld ein seltsam lebendig wirkendes Portrait ersteht. Er ackert schwer an seinem Talent, lebt nur für die Kunst und kämpft schwer. Eines Tages jedoch fällt aus dem Rahmen des Portraits eine Rolle mit Goldstücken. Der Maler hat die Wahl. Er kann von dem Gold drei Jahre sorgenfrei arbeiten und sein Talent vervollkommnen, um darauf zu hoffen, bis dahin einen Durchbruch zu schaffen. Oder - und dafür entscheidet er sich - er gibt sich mit dem Geld den Anschein, dazu zu gehören, biedert sich an, malt viel Geld bringende Auftragsarbeiten und lernt, den modischen Publikumsgeschmack zu bedienen. Um es mit Kaminers Worten zu sagen: Er malt "Fernsehserie".

Eines Tages muss der inzwischen immens begüterte alternde Maler angesichts eines jungen Nachwuchskünstlers feststellen, dass er zwar mit Gold gewuchert hat, aber nicht mit seinen Talenten. Er versucht nachzuholen, worum er sich nie gekümmert hat; versucht, aufs Alter die freie Kunst doch noch zu lernen. Die Katastrophe kündigt sich auf phantastischer wie intellektueller Ebene an: Auf dem geheimnisvollen Bild ist ein Wucherer dargestellt, der zu absolut menschenfreundlichen Konditionen Gold verlieh - aber seine Kreditnehmer von sich selbst entfernte...

Ich verschlinge diese Geschichte nicht nur wegen der zauberhaften wunderlichen Atmosphäre - die ein wenig an Poe erinnert - und wegen der großen Erzählkunst Gogols. Ich lese sie vor allem zwischen den Zeilen. Gogol denkt intensiv darüber nach, wie das mit dem Talent ist. Welche Verantwortung man dafür haben könnte und ob man es auch im Keim ersticken kann. Was muss zuerst da sein, damit der Maler ein wirkliches, ein zutiefst berührendes Bild schaffen kann? (Was muss in mir alles geschehen, bis ich einen Roman schreiben kann?) Wenn es aber wie in Gogols Erzählung kein Zurück mehr gibt, kein Zurückdrehen der vergeudeten Zeit, des vertanen Lebens, der missachteten Talente - kann es dann je eine nach Rezeptbuch vorsätzliche Entscheidung hin zum Kunstwerk geben?

Nikolaj Gogol beantwortet die Fragen nicht explizit, diese Spannung seiner Hauptfigur muss jeder Kunstschaffende ein Leben lang aushalten und sich immer wieder neu entscheiden. Keiner hilft einem dabei - und viele verführen.

Lesetipp aus der Ecke "vergessene Literatur":
Nikolaj Gogol, Das Portrait
- in der Ausgabe "Petersburger Geschichten" der Reihe "Russland lesen" von fischer 2003 oder in der Ausgabe "Petersburger Geschichten" der Gogol-Gesamtausgabe von Aufbau z. Zt. der DDR enthalten - nur noch antiquarisch, vielleicht auch in neuen Sammlungen? Im englischen und französischen Sprachraum ist die Novelle sehr viel bekannter und beliebter!
Existiert auch als Hörspiel.
Falls jemand die Erzählung in einem aktuellen Band findet, würde ich mich über einen Hinweis freuen!

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