Völlig neuer Wind?

Noch vor zwei Wochen war es nur ein Gerücht, das bei Twitter und Facebook umging, dann fragten mich zwei Kolleginnen, ob ich das Papier auch bekommen hätte - und nun hat sich ein Freund von mir bereit erklärt, an dem Programm mitzuwirken. Es geht um den Brief eines großen Verlagskonzerns, der derzeit in deutschsprachigen Literaturagenturen die Runde macht. Die Namen darf ich leider nicht veröffentlichen (darum xxx, meine Kommentare kursiv), aber inzwischen dürfte wohl jeder, der im Social Web unterwegs ist, zumindest ahnen, um welchen Verlag es sich handelt (oder den Brief selbst erhalten haben):

"... Der Verlag xxx möchte deshalb zusammen mit Ihnen einen Schritt weiter in die Zukunft gehen. Nach Pflege und Aufbau der Leserschaft steht die größte Herausforderung der Zukunft vor uns: Wie schaffen wir völlig neue Lesergruppen? Wie verknüpfen wir unsere bestehenden Publikumsgruppen enger mit dem Produkt? Wir haben vor zwei Jahren für eine längerfristige Zielpublikumsstudie das Institut xxx für Genderforschung in xxx beauftragt und können jetzt die bahnbrechenden Ergebnisse vorlegen.

- es folgt jede Menge Zahlensalat mit Marketingsprech, ich picke die spannenden Zitate heraus:

§3 Geschlecht der Romanfiguren
Leserinnen 40-55 Jahre: 78,6% vermissen die Figurenvielfalt ihrer Jugend und glauben, die Welt sei in Romanen nicht mehr ausgewogen abgebildet.
Leserinnen 55-75 Jahre: 89,2% geben an, in ihrer Jugend durch starke männliche Personen sozialisiert und dadurch emanzipiert worden zu sein. In der "starken Frau" könnten sie sich nur unvollkommen wieder finden.

Aus der Studie geht hervor, dass die Identifikationsfähigkeit mit der "starken Frau" vor allem bei älteren Leserinnen außerdem bildungsabhängig ist und dass viele sehr junge Leserinnen völlig unentschieden an solche Bücher herangehen. Zwischen 33-37 legen Frauen dann plötzlich Romane mit "starker Frau" weg. Und kaum überraschend: Männer lesen immer weniger, weil immer weniger für Männer geschrieben wird. Folgt dann noch eine Ausführung zum klaffenden Gegensatz zwischen Genderproblematik in der Realität und überalterten Vorstellungen in Romanen (gähn). Aber jetzt kommt's:

... haben wir uns deshalb entschieden, mit der Zeit zu gehen und zu fördern, was wir den "neuen Roman" nennen: Spannende, mitreißende Geschichten, bei denen das Geschlecht von Figuren oder Lesern keine Rolle mehr spielt. Wir suchen Plots mit prallem Leben, in denen sich Menschen bewähren und ihren Weg gehen, in denen sich Menschen wie du und ich entwickeln und an den Umständen ihrer Zeit erstarken.

Wie die Studie zeigt, ist der Markt längst vorbereitet. Was uns jedoch fehlt, sind mutige Autorinnen und Autoren, die sich auf das neue Konzept einlassen können und wollen. Leider erhalten wir vorwiegend und verstärkt Exposés nach allzu herkömmlichem Schema. Schriftstellerinnen haben zunehmend Probleme, glaubhafte Männerfiguren zu schaffen.

Wir wenden uns deshalb in einer konzertierten Aktion an die Agenturen.
Sie haben Autorinnen und Autoren, die starke männliche Hauptfiguren schaffen können? Sie haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die bereit sind, an der neuen Ära des Romans aktiv mitzuarbeiten und die genannte Genderstudie in ihre Arbeit einzubringen? Schlagen Sie uns Projekte vor, die völlig neue Wege gehen.

Wir werden, quasi als Feldversuch, zunächst ein eigenes Imprint schaffen - und bei entsprechendem Erfolg unser Verlagsprogramm überarbeiten.

Verlag xxx (großer, sehr bekannter Publikumsverlag)

Mein Kommentar - so sehr ich die Aktion begrüße: Jetzt sollen wir mal wieder schuld sein, dass wir angeblich nur 0815-Manuskripte mit starker Frau abgeben. Aber waren es nicht die Verlage, die danach geschrieen haben? Die anderes gar nicht veröffentlicht haben?
Würde mich zu sehr interessieren, wie die KollegInnen damit umgehen!

Nachträglich für zu spät Einsteigende: April-April!

Kommentare:

  1. Hallo, Petra,

    "Spannende, mitreißende Geschichten, bei denen das Geschlecht von Figuren oder Lesern keine Rolle mehr spielt. Wir suchen Plots mit prallem Leben, in denen sich Menschen bewähren und ihren Weg gehen, in denen sich Menschen wie du und ich entwickeln und an den Umständen ihrer Zeit erstarken."

    Ja, so etwas liebe ich als Leserin auch. Es gab schon mal eine Initiative von einem großen Verlag, und einen historischer-Mann-Roman dazu, weiß aber nicht, wie es sich bewährt hat.

    Herzlichst
    Christa

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  2. Das klingt nach einem Projekt zur Entlüftung tausender Schubladen in den Schreibtischen von Autoren.

    Also das, wohin all die starken Männerfiguren hin verbannt werden mussten aufgrund des Boykotts von Verlagsseite.

    Ich finds gut, sitze ich doch immer noch an meiner starken Männerfigur derzeit. :)

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  3. Christine1/4/09 14:07

    Die Beobachtung ist richtig (jedenfalls empfinde ich ganz genau so), das Fazit ist jedoch tatsächlich alles andere als fair.

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  4. Hallo Petra,

    fände ich eine schöne Idee. Aber leider muss ich auf das Datum schauen und an die reduzierten Kreativleistungen der Verlage in den letzten Jahren denken...
    Da denke ich eher, dass die Verlage eine Liste herausgeben würden, wo Beispiele für starke Frauenfiguren erläutert werden würden und was der Verlag gerne hätte, um die Austauschbarkeit und Gängigkeit der Romane zu erhöhen.

    Gruss

    Thomas

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  5. Tja, leider, April-April! Tut mir leid für euch und die Schubladen, für mich natürlich auch, wobei ich persönlich eher so denke wie Thomas (Literaturverlage & Co. ausgenommen).
    Herzlichst,
    Petra

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