Macht Schreiben einsam?

Immer wieder liest man davon, dass Schreiben ein einsames Geschäft sei. Berühmte Schriftsteller behaupten es, Nachwuchsautoren haben Angst davor, Leserinnen verstehen es nicht. Macht Schreiben wirklich einsam? Ich frage mich das doppelt, denn mein Brotberuf ist ebenfalls ein Schreibberuf. Ich müsste ein doppelt vereinsamtes armes Häufchen sein.

Provokativ möchte ich behaupten, nicht der Schriftsteller ist einsam. Es reibt sich an ihm nur eine Welt, die dem Welpenstadium noch nicht entwachsen ist. Immer schön kuscheln, sich umtuddeln lassen und Nestwärme fühlen. Dauerparty am Fressnapf mit Standleitung zum Tierarzt für mögliche Wehwehchen. Und ständig Angst vorm großen "lonely wolf", der selbstbewusst irgendwelchen Fährten nachschleicht, eins mit sich, dem Wald und den Gerüchen. Wie sonst könnte es passieren, dass man ständig fürs Einsamsein bedauert wird?

Man kann sich ja auch ein Büro teilen. Früher, im Redaktionsbüro mit fünf Mann Belegschaft, habe ich mich nach Einsam... nein, nach Alleinsein gesehnt. Zählte man Interviewpartner, bettelnde Veranstalter und tratschende Kollegen aus anderen Redaktionen dazu, war die Bude ständig überfüllt. Es klingelten fremde Telefone, es dauerklappten Türen, ein anderer brüllte sein Gespräch und der Nebenmann zog sich erst mal das halbe Wasserglas Whiskey rein, um seinen Aufmacher gegen die schnöde Welt anschreiben zu können. Damals klapperten sogar noch die Schreibmaschinen. Und war der Artikel fertig, musste man ihn schützen, damit nicht irgendein dussliger Besucher seinen Kaffee darauf auskippte. Man arbeitete noch auf Papier.

Einsamkeitsvernichter Nr.1: Wenn du dir selbst zu still bist, lern singen oder nimm dir mit anderen Menschen ein Gemeinschaftsbüro.

Es ist schon eklig. Als Schriftsteller hat man so verdammt erwachsen zu sein. Kein Papa, keine Mama mehr, die einem sagen, wann Geschichten Lügen sind. Kein Lehrer, der einem Hausaufgaben aufgibt, weil der Plot missraten ist. Kein Chef, der brüllt, wann endlich die zehn Seiten auf seinem Tisch liegen. Und selbst Ehefrau oder Ehemann bleiben oft draußen vor der Tür. Nicht einmal mehr die Verlage wollen Ersatzeltern spielen, der Kleine hat gefälligst schon zu wissen, wie man allein aufs Töpfchen geht. Und der Agent lässt seine Autoren sich entwickeln - welch horror vacui, die freie Selbstentfaltung!

Ich muss da irgendetwas falsch machen. Außer Agenten, Verlegern, Lektorinnen lerne ich ständig interessante Leute kennen. Kolleginnen und Kollegen sind dabei besonders anstrengend, weil die Gespräche immer dann spannend werden, wenn man längst wieder im Kämmerlein sitzen oder schlafen müsste. Manchmal absorbiert einen dieses Gruppenleben sogar so, dass für nicht schreibende Freunde zu wenig Zeit bleibt. Oder für die einsame Aufgabe des Fensterputzens. Aber es stimmt schon: Ich bin dazu verurteilt, trotz all dieser Leute meine Entscheidungen allein zu treffen, mir kein X für ein U vormachen zu lassen, genau zu wissen, was ich will und wo ich hin will. Ich darf alleine scheitern, ich muss alleine mit meinen Abgründen ringen, ich mache Dinge, die außer meiner Hauptfigur keiner versteht. Kein Patschhändchen weit und breit, dass mich für diese Arbeit betuddelt.

Einsamkeitsvernichter Nr. 2: Die Umschulung auf Kindergärtner oder Politiker lässt Patschhändchen nie ausgehen.

Es soll Kolleginnen und Kollegen geben, die recherchieren ihre Romane allein mit Wikipedia und Google, warten auf die elektronische Bibliothek von Alexandria und fragen abends: "Liebling, wie war dein Tag da draußen?" Und dann erfinden sie wieder, drinnen. Kopfwelten. Ich habe diese Technik noch nie beherrscht. Mein Kopf ist für meine Texte zu klein. Zum Glück habe ich bereits als kleines Kind gelernt, ein anderes Organ zum Ausgleich dieser Behinderung zu vergrößern: meinen Schwamm. Ich bin nämlich süchtig nach Leben, nach Leuten. Manchmal nervt es mich, dass ich nicht mehr wie ein normaler Mensch im Eiscafé sitzen oder in der Fußgängerzone laufen kann. Ständig fahre ich meinen Schwamm aus und sauge. Sauge Menschen, sauge Gesprächsfetzen, Gesten, Blicke.

Mit der Zeit hat sich mein Schwammorgan zu einem Fettschwamm entwickelt. Es reicht ihm nicht mehr, nur zu beobachten. Er verwickelt wildfremde Menschen in Gespräche. Er quatscht, hört zu. Ich weiß nicht, wie mein Schwamm das macht, aber er muss sich manchmal regelrecht wehren, wenn er schon voll ist. Weil noch mehr Lebensgeschichten kommen, noch mehr Einzelheiten aus einem Berufsleben. Seltsame Gelüste hat der Schwamm außerdem. Begleitet einen Förster im Wald beim Weihnachtsbaumschneiden. Fachsimpelt mit einer Töpferin über Terrakotta aus Mesopotamien. Lauscht den Träumen einer Malerin. Interessiert sich für das Geschimpfe von Kanalarbeitern. Nichts ist diesem Schwamm heilig, überall muss er mitmischen.

Einsamkeitsvernichter Nr. 3: Das Spracherkennungsprogramm auf Dialog stellen. Langsam üben und dann die Schocktherapie in einem öffentlichen Verkehrsmittel.

Ich wäre so gern mal wieder richtig einsam. Ich würde zu gern endlich wieder einen ganzen Tag mutterseelenallein mit meinen Figuren verbringen und in aller Stille Text verbrechen. Ich möchte diesen intensiven Moment auskosten, in dem ich selbstherrlich über das nächste Kapitel entscheide, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber nicht einmal das autoerotische Vergnügen des Schöpfens lässt man uns. Man zerrt uns in die Öffentlichkeit, fragt uns Löcher in den Schwamm, und dann lesen wir auch noch vor gefüllten Sälen und trampeln uns die Füße auf überfüllten Buchmessen platt! Nein, Schriftsteller ist eindeutig der falsche Beruf für Leute, die Einsamkeit lieben. Was werde ich froh sein wenn ich heute abend endlich die Tür hinter mir zumachen kann...

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