Von fliegenden Fischen und vom Landen

Im vergangenen Monat habe ich fast bis zum sprichwörtlichen Umfallen gearbeitet. Da war das normale Pensum mit unvorhergesehenen Terminsachen. Und dann kam meine Spinnerei dazu: mein "Heimlichschreiben". Ich wollte endlich einmal in meinem Leben einen Roman schreiben, weil ich unbedingt diesen Roman schreiben MUSS. Meinen ganz eigenen Roman, der weder Erwartungen von anderen noch Verlagswünsche zu erfüllen braucht. Blöd wie ich bin, hatte ich dann im vergangenen Jahr noch einen anderen Roman angefangen, einen "verkäuflichen". Also diese Dinger, die Publikumsverlage vielleicht lieber kaufen. Ich habe lange gebraucht, mich dem eigenen Mut zu stellen. Aber irgendwann zog ich diesen fast 200 Seiten umfassenden Roman zurück. Und entschied mich für den heimlichen, für das volle Risiko. Dank zweier intelligenter Kritiker steht jetzt nach zig Anläufen endlich ein vorzeigbares Exposé mit genügend Probetext, so dass ich morgen in bald letzter Minute die Bewerbung für ein Stipendium eintüten kann. Wenn ich schon kein Lotto spiele...

Nach einer solchen Phase muss man irgendwie abschalten und wieder herunterkommen (es wartet ja das Projekt, das bis August geschrieben sein will). Wie aber lande ich, wenn ich sogar zu platt zum Wandern bin? Am Mittwoch gönnte ich mir einen sommerlichen Ausflug zu lieben Leuten, genoss die Hitze und deren Garten - und staunte nicht schlecht. In jenem Heimlichroman, der hauptsächlich in Polen spielt, kommen als Motiv künstliche Fische vor, die jemand "fliegen" lässt. Die haben sich so hineingeschrieben. Zuerst dachte ich, ich hätte das unbewusst von Emir Kusturica und seinem herrlichen fliegenden Fisch in dem Film "Arizona Dream" geklaut. Der Film war 1994, als ich mich gerade in Warschau eingelebt hatte, absoluter Kult, Kusturica erhielt dort den internationalen Filmpreis. Komisch, mein Roman spielt 1994 in Warschau. Aber das war es nicht - mein Fisch ist anders, bedeutet etwas anderes.



Am Mittwoch, als ich gerade mein Exposé fertig hatte, ging ich also in diesem Garten herum. Und da flog er! Vor genau diesem Fisch hatte ich mich im vergangenen Jahr radebrechend mit einem georgischen Künstler unterhalten und ihm von meinem letzten Geld ein Bild abgekauft. Ich nenne es wegen der Farben (geografisch völlig daneben) "meine kleine orangene Revolution", weil mir dieser Maler Mut gemacht hat, auch gegen die übelsten Widerstände im Leben die Kunst nicht aufzugeben. Und auch wenn man scheinbar zappelt wie ein Fisch auf dem Trockenen, weiter und weiter an sich zu arbeiten. Ich schaute damals auf den fliegenden Fisch und sagte mir: Das wirst du nie vergessen. Später surfte ich durch Zufall auf die Website eines ganz anderen Georgiers und fand eine kleine Anekdote darüber, dass sich Fische nicht erinnern könnten. Prompt war mein fliegender Erinnerungsfisch geboren.

Der muss sich dann aber übel in meinen Hirnwindungen eingenistet haben, so dass ich mich nachts im badischen Ried bei einer Umleitung "granademäßig" verfranste. Peinlich, weil ich eigentlich gebürtige Riederin bin. Es kam mir auch alles irgendwie sehr bekannt und urtümlich vertraut vor, aber im Licht der Scheinwerfer doch auch unwirklich. Eine kleine unbeschilderte Piste, die sich in Sümpfe hineinwand, an idyllischen Altrheinarmen vorbei, hohen Pappeln und Schilfland, um sich immer wieder mit anderen verlassenen Pisten zu vereinigen. Manchmal zweigte etwas Schmales ab, kippte sichtlich nach unten, ins Dunkel. Zugänge ins Wasser, hier hatten früher die Einheimischen alte Autos bequem entsorgt. Ich wusste wieder, man darf diesen dunklen Schlünden nicht auf den Leim gehen. Aber wenn sie sich häufen, liegt dahinter der Rhein - und die Orientierung kommt zurück. Kaum hatte ich mich an die nachfolgende schlafende Zivilisation gewöhnt, fuhr ich an mehr als taghellen Leuchtfeuern vorbei. Da geht es mit dem Flieger direkt nach Sankt Petersburg. Und dort beginnt die Geschichte meines Hörprojekts. Im Ried spielt mein zurückgezogener Roman.

Manchmal, an solchen verzauberten Tagen, sind sich die Kopfwelten und die Realität sehr nah. Manchmal, in der Dämmerung und zwischen den Sümpfen, würde es einen nicht wundern, Fische fliegen zu sehen. Ich lande dann zwar auf einer realen Straße durch eine wirkliche Landschaft - aber ich habe auch das Gefühl, auf einem noch ganz anderen richtigen Weg zu sein. Zeiten und Orte neigen sich wie Pappeln am Wegesrand.

Was ist das kitschig. Eine Pappelallee eröffnet meinen ersten Roman. Dort bleibt die Protagonistin aus Versehen am Leben, weil sie im falschen Moment Gustav Mahler hört und ein Schemen aus einem Visconti-Film zu sehen glaubt. Weg damit! Den Lido in Venedig brauche ich nämlich auch noch für mein Hörprojekt.
Ich warne hiermit eindringlich vor Pappeln im badischen Ried! Biegsame Katastrophen zwischen Kitsch und Heuschnupfen. Schnitt, Schniiiitttt!!! Wir sind im falschen Film! Die Welt ist tief, he? Welcher Wahnsinnige hat nur dieses Drehbuch geschrieben??? Demnächst fliegen wohl noch die Fische bei voller Landebahnbefeuerung?? Schickt mal einer die Autorin heim!

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