la galère

Sabine und einige andere haben hier in den Kommentaren bereits eine wunderbare Lautuntermalung für einen gewissen Zustand geliefert, bei dem ich mir immer Asterix und Obelix auf einer römischen Galeere vorstelle - der Sklaventreiber schlägt dabei den Takt auf einer riesigen Trommel.

"C'est la galère" ist ein Ausdruck, den ich zur Zeit überdurchschnittlich oft auf den Lippen habe und er kann alles mögliche heißen von einem deftigen "Sch ... Sklavenarbeit" bis zu einem eleganteren "Was für eine Malocherei!". Engländer würden sagen "It's a nightmare!" oder "It's such a pain!" In diesem Ausdruck schwingt alles mit: Es ist schwierig, kompliziert, aufreibend, grausam und nicht selten sogar langweilig. Und natürlich könnte man einen gewissen gallischen Krafttrunk gut gebrauchen.

Den ersten Krafttrunk bekam ich aus Kollegenkreisen gereicht, wo mir ein Übersetzer ein kräftiges Höhöhö einschenkte, weil der Feinschliff einer Übersetzung in meinen Augen ein Spaziergang sei. Ich kann ob meiner Anfängernaivität natürlich auch nur kräftig mitlachen, denn nach 668 Seiten war mir gar nicht mehr bewusst, wie mies und ungelenk ich die ersten 100 Seiten übersetzt habe! Das liest sich, als sei ich weder des Französischen noch des Deutschen mächtig, die reine Holperei und dann plötzlich gibt es einen Schnitt, wo man erkennt: Aha, da ist sie endlich im Ton des Autors drin. Keine schlechte Übung übrigens, denn wenn man einmal gelernt hat, den Erzählton eines Fremden in einer fremden Sprache zu erspüren und in der eigenen Sprache nachzubilden, fällt es einem plötzlich wie Schuppen von den Augen. Man bekommt auch einen scharfen Blick für den eigenen Ton! Aber bis man mal so weit ist ...

Und dann wurde ich mit einem Anruf bei der Arbeit unterbrochen, der sich wie Champagner süffelte, weil ich schon kaum noch daran glaubte, diesen Tag je zu erleben. Aus einem gewissen französischen Amt wurde mir hochoffiziell bestätigt, dass ich die Existenzgründungsphase als "artiste-auteur" bestanden und damit verlassen habe. Ich hatte an diesem Programm, das ähnlich wie bei einer Firmengründung funktioniert, über doch recht lange Zeit teilgenommen. Eingebracht hat es mir jede Menge Hilfe und Existenzgründungsberatung, aber auch jede Menge grauer Haare, Berge von Formularen und Erklärungen und die genaue Überwachung meiner Tätigkeiten. Doch ohne all die juristische, steuerliche und sonstige Beratung hätte ich den Dschungel an Vorgängen und Ämtern nie durchschaut.

Als ich mit dem Programm anfing, musste ich mir von der Beraterin noch die Texte schreiben lassen, inzwischen hacke ich mein Französisch ohne Rücksicht auf Verluste in die Tasten. Ich habe zeitweise mit völlig unfähigen, knalldummen und unwilligen Amtsangestellten zu tun gehabt, gegen die ich mich auch einmal bei einer Schiedstelle wehren musste, weil sie mich durch einen Computerfehler fast existenziell ruiniert hätten. Es war nicht schön, das über Monate auskämpfen zu müssen, während die eigene Arbeit unter den Nägeln brannte und auch da genug zu kämpfen war. Ich habe aber mindestens genauso oft mit sympathischen, hilfsbereiten und offenen Amtsangestellten zu tun gehabt, mit denen man jenseits von Formularen reden konnte und die alles dazu taten, die Fehler ihrer Kollegen wieder auszubügeln.

Ich würde es wieder machen, weil ich unschätzbar Wertvolles für meinen Beruf gelernt habe, das in Deutschland nicht in dieser Art ins Blickfeld gerät. Ich habe von Anfang an meine Tätigkeit als "artiste-auteur" definieren und planen müssen wie eine Firma, wie ein Wirtschaftsunternehmen. Da bohrt man als Künstler nicht in der Nase und wartet auf Inspirationen, sondern muss genauso einen Businessplan erstellen, damit sich die "Unternehmung Künstler" trägt. Die Franzosen sind viel flexibler und professioneller, was den "Gemischtwarenladen" betrifft, der einem durch unterschiedliche Tätigkeiten Geld einbringt, die nicht gegen die Kunst stehen, sondern für die Kunst. Viel habe ich in den Seminaren lernen dürfen, in denen Bildhauer und Musiker, Grafiker und Schriftsteller, literarische Übersetzer und Maler sich austauschten. Und da hat es mir manchmal fast schon ein wenig weh getan, dass ich sprachlich noch hauptsächlich in einem Land arbeite, in dem es sehr viel weniger Offenheit und Möglichkeiten für diese Arbeit gibt.

So hart es war - ich profitierte vor allem von ganz besonderen menschlichen Begegnungen. In diesem Fall war es ein Netzwerk von sehr engagierten, sehr vielseitigen und hochinteressanten Frauen, die mein Berufsleben gründlich durcheinandergerüttelt haben und mich auf einen Weg schubsten, den ich mir alleine vielleicht nicht zugetraut hätte, obwohl es für mich keinen passenderen gibt. Und ich freue mich, dass solche Netzwerke in Frankreich nicht gleich wieder zerfallen, sondern weiter weben. Es ist ein schönes Gefühl, nun auf beiden Seiten des Rheins zu arbeiten, in beiden Sprachen - und jede Tätigkeit befruchtet die andere.

Als dritten Schluck vom gallischen Krafttrunk gönne ich mir nun das Internationale Musikfestival von Wissembourg - und fange natürlich gleich mit den Musikern aus Sankt Petersburg an. Denn auch das habe ich in den vergangenen zwei Jahren gelernt: Man sollte nicht auf sein Glück warten, sondern Gelegenheiten beim Schopf packen - und seien sie vordergründig auch noch so abseitig.

Feierabend. 162 Seiten der Galeere sind auf hoher See in Richtung Lektorat.

PS: Eben erreicht mich die Nachricht, dass unsere zweisprachigen Broschüren für den grenzüberschreitenden Wanderweg noch ganz warm aus der Druckerei gekommen sind. Da kann ich dann demnächst verraten, wo man die holen kann.

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