Wie bunt ist die Welt?

Vor hundert Jahren traf es die Pariser noch wie ein Schlag. Damen in pudrigen und pastelligen Belle-Epoque-Kleidern, in Rosa, Zartgelb und Schilfgrün - und die Herren in den gleichen Farben, im Sommer in Weiß, trauten ihren Augen kaum. Die Ballets Russes brachten Buntstiftfarben auf die Bühne und wagten das bisher Unmögliche: Sie kombinierten ein leuchtendes Blau mit Grün. Für westliche Augen war das bisher unerhört, aber vielleicht genau deshalb wurde es zum Modetrend. Nicht nur Cartier wurde mit seinen blau-grünen Juwelen berühmt. "Orientalismus" hieß die neue Mode aus Glitzer- und Brokatstoffen in üppiger Farbgebung und russisch anmutenden Stickereien und Besätzen. Die Modeschöpfer brachten vor dem Ersten Weltkrieg Theaterkostüme tragbar unter die Schickeria.

Wie diese opulente Farbenwelt tatsächlich ausgesehen haben mag, kann man heute nur noch von Zeichnungen, Entwürfen und Gemälden abschauen, ein paar Kleider der damaligen Modeschöpfer haben in Museen überdauert. Doch die Fotos der Ballets Russes waren schwarz-weiß.

Heute, hundert Jahre danach, können wir die Welt einfacher umreisen und einen Blick auf einen Schatz von damals werfen. Der Boston Globe veröffentlicht hundert Jahre alte Farbfotos aus Russland aus der Prokudin Gorskii Collection der Library of Congress.
Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii (1863-1944) hat sie auf einer Reise gemacht und einen verblüffenden Trick gefunden, um Schwarz-Weiß-Aufnahmen in Farbfotos zu verwandeln. Mit einer Eigenbaukamera, versehen mit Farbfiltern, knipste er in schneller Abfolge je drei Aufnahmen vom gleichen Sujet. Nachher konnten die entwickelten Glasplatten, mit Farblicht bestrahlt, fast in Echtfarben betrachtet werden. Es ist nicht nur beeindruckend, wie nahe uns plötzlich diese Menschen von vor hundert Jahren sind. Wer die Bilder im Zusammenhang mit der damaligen Farbenmode in Paris betrachtet, wird erkennen, wie die europäische Avantgarde von den russischen Farben profitiert hat. Das legendäre Blau, das auch Kandinsky in Abwandlungen so gern benutzt hat, kann man übrigens auf Foto Nr. Sieben sehen.


Hundert Jahre später experimentiert wieder einer mit Fotos. Diesmal ganz im Zeichen der Zeit mit GPS, Google Maps und GPS-Tracking. Während Gorskii vor hundert Jahren das gesamte russische Reich bereist hat, musste Nick Newcomen einige Schleifen auf der Fläche der USA drehen. Dafür hat er es aber auch geschafft, die für jeden Surfer, aber auch für jeden Alien sichtbare größte Buchwerbung der Welt auf den Kontinent zu zeichnen. Vorausgesetzt natürlich, dass auch Aliens Google benutzen.

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