Ballettwerkstatt

Jaja, ich bin schon wieder hungrig auf Arbeit. Arbeit am eigenen Buch!
Und weil ich außerdem manchmal, aber nur manchmal, die Arbeit für Telefonate und Echtleben-Schwätzlein liegenlasse, habe ich mich natürlich gründlich über den Doppeltod der Ballets Russes ausgeheult. Mein Bekanntenkreis ist teilweise derart einseitig "vom Fach", dass man nicht nur die nötigen Steicheleinheiten bekommt, sondern höchst informative Einblicke in die Wahrheiten des Haifischbeckens, die Insider sonst nie aussprechen würden. Bei solchen Schwätzlein lässt sich vortrefflich der Zynismus wetzen, sie befruchten aber auch kolossal. Jedenfalls komme ich dabei auf immer verwegenere Ideen.

Auch für mich neu war u.a. die Einsicht, dass sich zumindest im Sachbuchbereich über PoD-Verfahren veritabel verkaufen lässt. Mir sind jetzt schon ein paar Beispiele untergekommen, wo mehr Bücher verkauft werden, als das ein Nischenverlag erreichen könnte (bei Belletristik sieht das ganz anders aus). Allerdings gibt es dafür knallharte Kriterien: Man muss sich vom Möchtegernquark absetzen und unbedingt in Social Media rege sein. Und man muss eine ganze Reihe von Arbeiten entweder selbst professionell beherrschen oder außer Haus geben: Das reicht vom Layouten über das Lekorat bis zur Werbung. Der Erfolg ist direkt von der Qualität abhängig - vom Thema natürlich auch.

Einen Pluspunkt haben bereits veröffentlichte Autoren - da muss man offensichtlich nicht mehr so deftig beweisen, was man kann. Falsch machen kann man dann nur noch die Werbung und die PR (feiner Unterschied!) in den Social Media. Mindeststandard sind eine gut gemachte Website zum Buch, eine gut besuchte (!) eigene Website oder noch besser ein Blog plus Facebook plus Twitter. Das gleicht - jedenfalls beim Sachbuch mit gutem oder wichtigen Thema das fehlende Feuilleton und die fehlende Präsenz im Buchhandel aus. Letzteres gibt's ja ohnehin nicht einmal in allen etablierten Verlagen.

Überraschend finde ich, dass einem sogar eingefleischte Verlagsleute unter bestimmten Umständen zum Selbstverlegen raten. Da fallen dann Bemerkungen wie "der Buchmarkt ist viel zu träge und risikoscheu für Neues geworden - es siegt doch immer wieder das Glattgebügelte." Darüber weinen selbst engagierte Verlagsmitarbeiter. Da sind selbst Verleger manchmal Knechte des eigenen Vertriebs. Und der schaut sich nicht an, was Leser abseits des Mainstreams interessieren könnte, der interessiert sich, was sich leicht innerhalb von dreißig Sekunden beim Buchhändler "reindrücken" lässt. Mehr haben die pro Buch nämlich selten, wenn überhaupt...
Und drum schadet eine Veröffentlichung bei BoD bereits etablierten Autoren überhaupt nicht, es sei denn, sie lassen es an Sorgfalt und Qualität mangeln. Wer es kann, der bringt Bücher zustande, die sich von herkömmlicher Ware kaum unterscheiden.

Es scheint so, als würde der Hunger der LeserInnen nach neuen Themen und Formen mit ein paar aufsässigen AutorInnen eine Allianz eingehen, die Verlagen einerseits wie gerufen kommt, weil es "Nischenthemen" vorab wegsortiert - obwohl es auf lange Sicht gerade den Glattbüglern schaden könnte. Beweis: der tiefe Fall des Genres Historischer Roman, der sehenden Auges kaputtgeschunden wurde in fröhlicher Anpasserei. Längst ist ein Nebenmarkt entstanden und wenn Autoren noch mehr hinter die Fassaden blickten, wird er wachsen. Schön, wenn einem dann jemand, der intensiv mit Verlagen zu tun hat, zurät: "Ich würde mit solchen Themen überhaupt nicht mehr auf Verlage warten, verschwendete Lebenszeit."

Nun bin ich außerdem das, was man einst Diaghilew als "typisch russisch" vorgeworfen hat: Ich bin, was künstlerisches Denken betrifft, abergläubisch. Ich habe nicht umsonst den soeben empfohlenen Film aus Versehen angeschaut. Gestern, zur Feier einer Entscheidung und meines Übersetzungsendes entdeckte ich dann, dass ARTE den späten Abend einem ganz besonderen Ereignis gewidmet hatte. Ausgerechnet gestern! Drei Ballette von Strawinsky für die Ballets Russes. Nicht von irgendeinem Ensemble, sondern aus dem Marijnsky-Theater in Petersburg unter Leitung von Valery Gergiev. Nicht irgendwelche Fassungen, sondern die rekonstruierten, mit rekonstruiertem Bühnenaufbau und Kostümen. In der Fassung der Choreografie von Nijinsky und später seiner Schwester! "Sacre" in dieser Fassung kenne ich zwar inzwischen fast auswendig, aber ich habe wieder kaum gewagt, zu atmen. Ich war hin und weg...

Wer hier länger mitliest, weiß, dass ich mir das Marijnsky mit Gergiev im Festspielhaus zum ersten Tod meines Projekts geschenkt hatte. Irgendwie muss man sich ja trösten, ursprünglich war die Karte als Belohnung für die erfolgreiche Arbeit gedacht gewesen. Beinahe vergessen hätte ich, dass ich vor dem Bus, in den die Musiker einstiegen, eine Art Gelübde vor mir selbst geleistet habe, eine absolut verrückte Idee. Die schien mit dem zweiten Tod des Projekts hinfällig. Wie gut, dass ich gestern noch einmal daran erinnert wurde. Gestern, noch während der Aufführung von "Le Sacre du printemps", sind Notizen aus mir herausgequollen.

Kurzum: Es ist jetzt amtlich. Ich werde den Nijinsky selbst herausbringen - und ab nächster Woche intensiv daran arbeiten. John Neumeier, der große Nijinskyfan, ist mir dann im Programmheft des Festspielhauses auch noch mal untergekommen mit seiner berühmten Ballettwerkstatt. Ballettwerkstatt - Buchwerkstatt - Werkstattbuch...

Ach, was heißt "nächste Woche"! Ich überlege längst am Layout und der Darstellungsform herum!
Jedenfalls bin ich trotz der Verzögerung (das Hörbuch sollte ursprünglich im September 2009 erscheinen) schneller als jede Lizenz übersetzt auf den Markt kommen könnte. Ich versuche, das noch dieses Jahr vor dem Weihnachtsgeschäft zu schaffen (hoffentlich bekomme ich das technisch auf die Reihe). In einem herkömmlichen Verlag hätte das Buch frühestens im Herbst 2011 erscheinen können.

Ach, da liegt ja noch der fette Gutschein vom Festspielhaus... Der reicht für Neumeier und Gergiev, damit ich meine schlimme Schnapsidee vor jenem Bus nicht wieder vergesse...

Kommentare:

  1. Frauke Ehlers17/8/10 22:08

    Liebe PvC,

    mit der Verbindung Neumeier Nijinski, ich weiß gar nicht, ob ich es Ihnen schon mal geschrieben habe, oder nur gedacht, brechen Sie wirklich Jugenderinnerungen bei mir auf. Ich war zwischen 1977 und 1981 sehr großer Stuttgarter Ballett Fan, hätte und habe damals viel getan um an Karten, Künstler, Literatur zu kommen! So wie man/frau eben mit 14 Fan für was sein kann. Höhepunkt meiner Ballettbegeisterung war die Premiere von Neumeiers Kameliendame in Stuttgart (4.11.1978 glaube ich). Insofern war auch Neumeier (hat als junger Choreograph in Stuttgart. angefangen) eine wichtige Kristallisationsfigur, dessen Kommentare ich zu allen möglichen und unmöglichen Themen verschlungen habe. Gerade war ich schon im Keller, um nach einer MC Kassette zu schauen, die ich aufgenommen hatte, wo ein Porträt von Neumeier drauf war /womöglich von TV auf Audio Kassette) aufgenommen, wo ich ihn in meiner Erinnerung über Nijinski erzählen höre.Leider scheint sie nicht mehr da zu sein. Sehr, sehr gerne hätte ich sie Ihnen zur Verfügung gestellt. Wie gesagt, Anfang der 80 er Jahre war das Ballett-"fieber" ;-) vorbei - aber es hat mich schon sehr geprägt. Als ich 2004 bei BB Promotion anfing, hatte diese Firma bei mir sofort ein Stein im Brett, weil sie Nurejew, Baryshnikov auf deutsche Bühnen gebracht hat. Heute machen wir auch noch manchmal wichtige Tanzproduktionen, Martha Graham Company ist ein Beispiel.
    Kurz und Gut, wenn ich zu Ihrem Thema noch was finde, melde ich mich. Ein Titel geistert hier im Bücherschrank noch rum, den haben und kennen Sie sicher: Romola Nijinski, Nijinski der Gott des Tanzes! Insel,1976. Also ich bin definitiv eine Kundin für Ihr BoD.

    Nur auch an die Pausen denken, gell! Regeneration ;-),
    Herzlichst
    Frauke Ehlers

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  2. Liebe Frau Ehlers,
    zu einer anderen Tageszeit könnte ich jetzt meine Arbeit vergessen (der Vorschautext droht) und mit Ihnen wahrscheinlich mehr als ein Glas Wein trinken ... wie man badisch zu langem Plausch sagt.
    Ein lieber Ballettomane hatte mich mit dem Material von Neumeier versorgt und den Ausstellungskatalog zu seiner Nijinsky-Ausstellung hatte ich gekauft, als er noch druckwarm war. Verlag A wollte damals eigentlich gern ein Live-Interview mit ihm dazu produzieren... tja, Pech.

    Aber wahrscheinlich kennen Sie dann auch den Mann in Stuttgart, der mein MS vorab gelesen hat, obwohl er nur noch sehr selektiv liest, was er wirklich will: Horst Koegler. Sein Urteil ist mit der Grund, warum ich nie aufgegeben habe und warum ich mir sicher bin, genau das Richtige zu tun, obwohl ich in Sachen Vermarktung und Aufmachung jetzt sehr viel schlechtere Karten habe.

    Nurejew - an dem ist die Idee einer anderen Form indirekt gescheitert. Ich las den Roman "Der Tänzer" von Colum McCann - zum Niederknien gut - und dachte: Nach diesem Roman wird man nie wieder einen Roman über einen Tänzer schreiben können.

    Ja, die Bio habe ich. Ich habe während der Schreibzeit alles, was über die Ballets Russes weltweit zu haben war und erschwinglich, von den abenteuerlichsten Adressen gekauft.

    Vielen Dank, dass Sie Ihre Erinnerungen mit uns geteilt haben!
    Und jetzt: Hundelauf, Vorschautext - Feierabend (ich rödele ja nur so, damit ich mir mein Sabbatsemester leisten kann).
    Herzlichst,
    PvC

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  3. Frauke Ehlers18/8/10 12:59

    Liebe PvC,
    Den Wein trinken wir noch – da bin ich nicht bang!
    Ja klar kenne ich Horst Koegler, ein Ordner voll mit Ballettkritiken von ihm. Die könnten noch da sein. McCann nehme ich als Lektüretipp! Und verfall jetzt lieber auch nicht dem digitalen Plausch, obwohl er mich reizen würde ;-), FE

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