Das Buch der Bücher

Kennt jeder von uns: Die drei Bücher für die Insel, das Buch der Bücher, Toplisten, Bestsellerlisten ... Die Schiller Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen (siehe auch hier im Blog) macht derzeit eine schöne Internet-Aktion zum Buch der Bücher! Aber hat jemand schon einmal versucht, die eigene Bibliothek so einzuordnen? "CZmen" bei Twitter ist Schüler und will ein Praktikum in einer Buchhandlung machen. Zur Vorbereitung fragt er: "Welche Bücher sind für dich ein Muss?" Mir ist spontan dazu nur eingefallen, dass mir dafür 140 Zeichen nicht reichen. Helfen wir ihm alle zusammen? Ich finde das nämlich toll, wenn sich Leute für Bücher interessieren. Und fang mal an:

Ein einziges Buch der Bücher habe ich nicht. Auch die Bibel, die diesen Titel trägt, wäre für mich nur eines, wenn darin alle heiligen Texte aller Religionen versammelt wären, die früher zensierten und die noch viel früher entstandenen dazu. Deshalb ist Umberto Ecos "Der Name der Rose" für mich ein Buch voller Bücher über den Umgang mit Wissen und Macht und ein spannender Kriminalroman obendrein. Aber fangen wir mal von vorn an ... Kinderzeiten.

Meine ersten "Kultbücher" mit kleinen Textpassagen und vielen Bildern waren "Das Tierhäuschen" von Samuil Marschak und "Lustige Geschichten" von Wladimir Sutejew. Vor allem letzteres, in dem der Zeichner zeigt, wie er sich eine Welt aus lustigen Tiergestalten zeichnet und sie zum Leben bringt, hat mich nachhaltigst geprägt. Ich explodierte selbst in Bildern und Geschichten und noch heute heißt bei mir jeder Hund mit Kosenamen Bobik. Die beiden Bücher prägten mein Farberleben und gewisse Archetypen im Kopf.
Ähnlich bunt sind Bücher, die ich bis weit ins Erwachsenenalter abonniert hatte und mit denen ich Fremdsprachen lernte: "Die lustigen Taschenbücher" aus Entenhausen. Ich bin heute noch eingefleischter Fan von Donald und kann verraten, dass man aus Walt Disney's Stories mehr lernen kann als aus jedem Schreibratgeber, vor allem in der wunderbaren Sprache der leider verstorbenen Dr. Erika Fuchs. Nicht zu vergessen Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren. Das ist ein echtes Must, wirkliche Literatur und macht das, was andere Bücher vergeblich versuchen: starke Mädchen.

Dann gab es im leider recht bücherlosen Haushalt meiner Eltern eine Art Giftregal mit Flohmarktexemplaren, nur für Erwachsene, dass mich natürlich genau deshalb besonders reizte. Mit vielleicht zehn griff ich mir heimlich "Die Nonne" von Diderot, was ich äußerst kurios fand, weil ich eigentlich nichts kapierte - es hat mir auch nicht geschadet. Vollkommen umwerfend fand ich Jakob Wassermanns "Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens" und der historische Roman schlechthin war für mich "Sinuhe, der Ägypter" von Mika Waltari.

Merkt man, dass ich mich vor "Must"-Titeln drücke? Die verändern sich oft im Laufe des Lebens. Meines ist ja nun schon so lang, dass die meisten Bücher nur noch antiquarisch zu haben sind. Wie begeistert habe ich den "Shannara"-Fantasy-Zyklus von Terry Brooks gelesen oder Ursula K. Le Guin - heute lese ich gar keine Fantasy mehr. Ich bin absolute Krimileserin und habe lange Reihen von Dorothy L. Sayers, Raymond Chandler, Ross McDonald oder Fred Vargas, aber schon deren letzte Bücher fand ich zu sehr dem Massengeschmack angepasst, so wie auch Polina Daschkowa mit wachsendem Erfolg verloren hat. Mit der allseits schwappenden Blutsoße von in Serienmörder verliebten Lektoraten mag ich nichts mehr anfangen und skandinavische Depression kann man schneller und lustiger mit einem Besäufnis im Winter erreichen als mit einem Buch. Was bleibt im zurechtgebügelten, bald auch verhackstückten Mode-Genre?

Welche Bücher haben bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen - und das über Jahre und mehrmaliges Lesen hinweg? (Fett die Bücher für die Insel)

Johann Wolfgang von Goethe: Das Märchen
Thomas Mann: Tod in Venedig (nebst der kongenialen Verfilmung von Visconti)
Saint-Exupéry: Der kleine Prinz
Wassilij Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst
Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte
Nikolaj Gogol: Petersburger Erzählungen
Nijinsky: Die Tagebücher
Olga Tokarczuk: Unrast
Ray Bradbury: Fahrenheit 451
 Joe Jackson: Ein Mittel gegen die Schwerkraft
Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet
Colum McCann: Der Himmel unter der Stadt / Der Tänzer
Gennadij Gor: Das Ohr (Erzählungen)
Leo Perutz: Das Mangobaumwunder u.a.
Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
China Miéville: Perdido Street Station
und wahrscheinlich ein Kandidat, den ich aber gerade erst lese:
Andrej Belyj: Petersburg

So viele habe ich ungerechterweise vergessen...
Aber mir fiel auf, dass ich doch "Schreibratgeber" in meiner Bibliothek habe, obwohl ich gegen die üblichen Schreibratgeber wettere. Da wären (nicht alle durchweg gelesen):

Truffaut: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? (Ein Must nicht nur für Fans!)
Milan Kundera: Die Kunst des Romans
Wolf Schneider: Deutsch für Profis (Lehrbuch aus dem Volontariat)
Martinez / Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie (trocken, aber wichtig)

Jonathan Franzen: Anleitung zum Einsamsein (einst bahnbrechend, von der Realität überholt)

Ortheil / Siblewski: Wie Romane entstehen (Ortheil brachte mir mehr)


Natürlich habe ich auch den komischen Frey gelesen, um mitreden zu können, aber nachdem ich dem Autor im Geist ungefähr fünf Mal das Vogelzeichen gezeigt hatte, flog das Buch in die Spendenkiste.
Unübertroffen meine ganz persönlichen "Schreibratgeber" sind zwei Bücher (weiter oben schon genannt), die aus anderen Künsten kommen, der Musik und der Malerei:
Wassilij Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst
Joe Jackson: Ein Mittel gegen die Schwerkraft
Ersteres ist ideal zum Nachdenken über sich selbst, die Welt und die eigenen Beweggründe, letzteres ist ein ideales Überlebensbuch fürs Haifischbecken zwischen Kunst und Kommerz.

Irgendjemand da, der sich kürzer fassen kann als ich? Welche Bücher sollte man unbedingt gelesen haben? Wer schreibt umwerfend, was darf in keinem Regal fehlen? Vielleicht entdecke ja auch ich noch Neues?

update!

Inzwischen hat sich das Stöbern in den eigenen Bücherregalen wie ein Virus verbreitet und Czmen schreibt über das große Echo, dass er auf seine Frage bekommen hat - und empfiehlt seine eigenen Lieblingsbücher (mein "Kleiner Hobbit" ist auch dabei!) Wenn man liest, wie viele Bücher ihm durch die Aktion empfohlen wurden, muss man am Nutzen von Social Media kaum noch zweifeln.

Kommentare:

  1. Liebe PvC,

    danke für das Aufnehmen des Fadens zur Aktion "Mein Buch der Bücher" der Schiller Buchhandlung in Stuttgart. Wer mehr über den Hintergrund der Aktion und der Buchhandlung, die dieses Jahr ihr 15. Jubiläum feiert, erfahren möchte lese bitte gerne auf dem Lovely Books Blog weiter http://blog.lovelybooks.de/2010/07/28/15-jahre-schiller-buchhandlung-in-stuttgart-vaihingen-mit-der-online-aktion-mein-buch-der-bucher/

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  2. Ich bastle das mal als klickbaren Link im Namensfeld.
    PvC

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  3. Und weil bei 31,5 Grad im Schatten das Hirn etwas langsamer linkt, habe ich den Link auch noch direkt im Text eingeflickt...
    Schöne Grüße,
    PvC

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  4. Frauke Ehlers22/8/10 13:11

    Perfekt! Danke!

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  5. Gute Idee, Petra! WErde darübe nachdenken und es verlinken!

    Christa

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  6. Einer meiner Lieblingsautoren ist Antal Szerb. Vor allem sein Roman "Reise im Mondlicht" ist mir ans Herz gewachsen.

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  7. Frauke Ehlers22/8/10 21:06

    Liebe PvC,
    Wir hatten uns ja drauf geeinigt, daß Virginia Woolf auch noch mit dazu gehört, und besonders Bezug genommen auf "A Room of One's Own" http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_eigenes_Zimmer

    Vor 15 Jahren(oh, oh time is running) habe ich meine Magisterarbeit über Virago Press geschrieben, und da hat dieser Text für mich und die Arbeit eine wichtige Rolle gespielt.

    Mein Schlusswort, letzter Absatz in "Redressing the Balance: Untersuchungen zum Verhältnis von Verlagsprogramm und Literaturkanon am Beispiel von Virago Press:

    "Gesetzt den Fall, daß - in Anlehnung an Virginia Woolf's "A Room of one's Own" um das Jahr 2029 (ein bisschen Zeit haben wir noch ;-) ) ein empirischer diachronic canon aus einem sehr großen Sample erstellt werden könnte und sich in diesem Kanon deutlich mehr Autorinnen als die bereits fest kanonisierten Jane Austen, die Bronte Schwestern, George Eliot, Virginia Woolf finden lassen würden, vielleicht sogar eine Schwester von Shakespeare aufgetaucht ist, dann hätte das Virago Verlagsprogramm an dieser Entwicklung sicherlich keinen geringfügigen Anteil."

    Wenn wir so weitermachen, kennen Sie bald die wichtigsten Parameter im Leben der FE :-)

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  8. Danke Roland, das ist jetzt für mich endlich einmal eine wirkliche Neuentdeckung, macht mich sehr sehr neugierig, was ich dazu beim Perlentaucher lese!

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  9. Ein "Buch der Bücher" benennen - nein, dass schaffe ich nicht. Selbst die zehn Titel, die ich gerade zusammengestellt habe, könnte ich sofort wieder ergänzen, verwerfen, neu sortieren ...
    http://www.schreibtaeter.eu/index.php?/archives/89-Lies-das!.html

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  10. Auch wenn ich von derartigen Listen wenig halte (ich lüge!), anbei auch mein bescheidener Beitrag, weil es einfach zu schön war in alten Erinnerungen und Geschichten zu stöbern...

    http://dedalusroot.k1024.net/?p=1038

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  11. Das geht ja rasant ab hier, "virales Marketing" nennt man sowas wohl. ;-)
    Mir geht's ja genauso wie Matthias: In dem Moment, in dem ich eine Liste zu Papier bringe, fällt mir schon die nächste, ganz andere ein. Trotzdem gestehe ich, eure Listen gern zu lesen. Einerseits erinnert es einen an vergessen geglaubte Bücher, andererseits bringt mich manche Liste auf Kaufideen.
    Ich schmökere mich mit mehr Zeit bei euch allen durch, im Moment suche ich leider verzweifelt die berühmten 48-Stunden-Tage...

    Auch die wunderbare Virginia muss ich leider noch ein Weilchen kaltstellen, vielleicht zum Wein? ;-)

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  12. Nein, eins muss ich noch loswerden @Frauke Ehlers:

    Die These zur Androgynität (Woolfs Essay) ist einer der faszinierendsten Punkte bei Nijinskys eigener Kunstauffassung und seiner Rezeptionsgeschichte! Und da fällt man dann auf Schritt und Tritt über faszinierende Frauen. Eine der wenigen echten Freundinnen Nijinskys war z.B. Ottoline Morrell.
    Zum Glück hält mich jetzt mein Magen von weiterem begeisterten Abschweifen ab!

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  13. Oh ja, das Buch von Truffaut ist toll - besonders, wie er den Trick mit dem Milchglas erklärt, das Cary Grant die Treppe raufträgt. Aber auch seine Erklärung, was für ihn suspense ist... - ja, wirklich ein gutes Buch.
    Und danke für die Vorstellung der Aktion - daß sie dazu führt, daß menschen wieder durch ihre Bücherregale schweifen, das finde ich ganz wunderbar!

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  14. Ich hätte auch nicht gedacht, wie ansteckend das ist. Und finde es fantastisch, in fremde Bücherregale schnüffeln zu dürfen!

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