Stehender Applaus!

Bravo, Marcel Reich-Ranicki! Bravo und danke!
Endlich hat jemand laut ausgesprochen, was so viele nur heimlich unter der Bettdecke zu denken wagen. Ein Mensch mit eigener Meinung und dem, was den meisten Medienleuten fehlt: Rückgrat.

Ich habe gestern ganz zufällig vor der betreffenden Passage in den Zusammenschnitt zur Verleihung des deutschen Fernsehpreises geschaltet und wusste erst einmal nicht, um was es geht. Nicht nur, weil solche Sachen an Emigranten oft vorbei gehen - ich meide grundsätzlich Shows aller Nationalitäten. In Shows zeigt der Mensch, zu welch evolutionären Rückschritten er fähig ist. Sie wollen wissen, wie the day after im Ernstfall verlaufen würde: Schauen Sie sich eine Show an.

Da war der übliche deutsche Hollywood-Möchtegern-Glamour zu sehen, der immer ein wenig billig und prollig wirkt. Und irgendein angeblich hochberühmter Comedian, den ich zum ersten Mal in meinem Leben sah, zog irgendetwas ab, das mir selbst die Socken zum Einschlafen brachte. Über Sprache wollen wir gar nicht erst reden. Solche Witzlein haben wir in der neunten Klasse zum Besten gegeben. Dazwischen gab's allerlei fettiges Schminkegrinsen aus frisch gelifteten Gesichtern und die Herren schauten, wie Herren bei solchen Anlässen in Deutschland eben so schauen: wichtig, etwas bräsig, und volle Pulle aufmerksam. Es könnte einen ja selbst erwischen.

Zuerst hielt ich das Ganze für eine Casting Show mit Vorher-Nachher-Effekt. Mir fiel die Menge der unvorteilhaft gekleideten Damen auf. Ich bin ja auch nicht gerade die Dürrste, aber meine Damen, Glimmer und Glanz tragen auf! Und mitteleuropäische Sauerkrautstampfer kommen weder in hochhackigen Pumps noch unterm Ballonrock, auch wenn Kürbiszeit ist. Warum ich darauf achtete? Nun, ein Programm, das es wert gewesen wäre, darauf zu achten, fand nicht statt. Zum Glück habe ich dann doch nicht gleich weggzappt. Ich fiel nämlich aus allen Wolken: Was will der große MRR in dieser Show? Führen sie den jetzt zwischen Deppert und Dappert vor, um das Niveau zu retten?

Er sprach mir aus dem Herzen. Er hat ja so recht. Wenn man bedenkt, wie Sender sich durch GEZ-Gelder vom Publikum finanzieren lassen, um im Programm einen Debilitätsfaktor zu installieren, der sämtliche Verblödungsdrogen, staatliche Propaganda und Schlaftabletten für Millionen überflüssig macht, fragt man sich schon... Deutschland schreit nach rauchfreien Räumen, weil Passivrauchen schädlich sei. Wer geht gegen ansteckende Verdummung und Schund auf die Straße?

Und nun hat es endlich einer ausgesprochen, laut ausgesprochen. Ja, Literatur spielt eine erschreckend geringe Rolle im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Deutschland hat es mit Kultur sowieso nicht mehr. Die einzige Buchverkaufsshow, die das ZDF hat, muss Bücher im Minutentakt abnudeln, hastig werden sie in die Kamera gehoben: Lesen! Die restlichen Sendungen, die noch etwas zu geben haben, landen auf Sendeplätzen gegen Mitternacht, weil Otto Normalverbraucher dann endlich garantiert nicht mehr hinschaut. Drehbuchautoren, die mehr als einen Handlungsstrang anbieten, werden inzwischen abgelehnt: "Unser Publikum ist zu blöd, die kapieren das nicht."
Schade, dass das Fernsehen Marcel Reich-Ranicki dazu nutzen wird, wieder Quote zu machen. Denn leider werden auch die Kritiker inzwischen instrumentalisiert.

Und schade, eins hat Marcel Reich-Ranicki nicht angesprochen: Quote, Profit ... die regieren mittlerweile auch die Literaturwelt. Literaten werden inzwischen wie Stars herumgereicht, den Deutschen Buchpreis gibt's nur für medienfreundliche Menschen. Es spielt längst keine Rolle mehr, ob ein Buch wirklich gut ist oder schlecht, Hauptsache Frau Heidenreich hält es in die Kamera, Hauptsache, die Medien stürzen sich darauf. Wer keine Presse und keine Medien für sein Buch gewinnt, wird nichts oder allenfalls durch Zufall. Autoren suchen heute ihre Verlage aufgrund der Pressekontakte aus, halten sich einen Hoffotografen wie andere Leute einen Anlageberater, und sammeln manisch hochnotgeile Blurbs, damit überhaupt noch jemand ihr Buch aufschlägt. Intelligenz und Sprachgewalt verziehen sich in Spartensender ... pardon, Nischenverlage. Ist unsere Branche wirklich besser als das Fernsehen?

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