Schwache Bücher

Amerikanische Wissenschaftler, die verdammt nah am Silicon Valley in Sachen geriatrischer Psychiatrie forschen, behaupten jetzt, Suchmaschinensuchen trainiere das Gedächtnis im Alter besser als ein Buch.

Erster Fehler bei der sensationellen Nachricht: Man gab den Probanden nur "einen buchähnlich formatierten Text auf dem Bildschirm" zu lesen. Dem Probanden fehlte also nicht nur das sinnliche Erleben Buch mit den dazu gehörenden motorischen Leistungen beim Leser - wir wissen auch nicht, welch Schlunz in diesem Textlein stand.

Die Begründung, warum unser aller allmächtiger Gugl nun gesünder sei als Literatur:
Die Suchmaschinenleser hätten auch Hirnareale fürs Abwägen und Entscheiden benutzt, hätten Neues gelernt. Zudem hätte das Hirn nicht unter einem Gewöhnungseffekt gelitten, sondern sei durch immer wieder überraschend Neues stimuliert geblieben. Der Leser wurde gefordert, statt unterfordert.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Buchmacherinnen und Buchmacher!
Wollt ihr nach der Einführung des Kindl gleich durch Gugl ersetzt werden, weil Gugl viel gesünder ist? Noch ist es Zeit zur Umkehr!

Schafft endlich wieder Literatur, die Leser fordert. Die mit jedem Band überraschend Neues bringt, alte Gewohnheitspfade verlässt. Schafft Literatur, die Leser überrascht, sie abwägen und nachdenken lässt. Die ihnen nicht alles vorkaut, sondern Platz für eigene Entscheidungen lässt. Bringt Bildung und Recherche in eure Bücher, damit der Leser dazulernt.

Damit Bücher endlich wieder besser werden als eine Suchmaschinenseite.

Kommentare:

  1. (unterschreibt leidenschaftlich diese Petition)
    Au ja! Und bitte Bücher, die ich nach der Lektüre des Klappentextes nicht weglege, weil ich dann schon haargenau weiß, was zwischen den Deckeln steht! Und die auch während des Lesens die eine oder andere Überraschung parat haben.

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  2. Dein Appell geht in die Falsche Richtung, liebe Petra!

    Es müsste eher heißen:

    Bitte, liebe Buchschaffenden, denkt wieder mehr an die Zukunft, statt an den nächsten Finanzbericht, denkt mehr an die Wirkung, als möglichst hohe Verkaufszahlen, setzt wieder mehr auf Qualität, statt auf Quantität!

    Den Verlagen ist, wie jedem betrieb, nur eines wichtig: Die Rendite, der Umsatz, die Gewinnmarge, das Geld.

    Warum ein "gehaltvolles" Buch herausbringen, das sich 1000 Mal verkauft, wenn das einfache, simple, nebenher-Lesebuch sich 1001 Mal verkauft?

    Komplexität und Tiefe und Neues und Innovation und Progressivität werden NIEMALS an der Spitze der Verlaufszahlen stehen.
    Die Macher scheuen nicht das Progressive, sie scheuen die niedrigeren Verkaufszahlen.

    Man muss sie dazu bringen, auf Gewinn zu verzichten, um wieder mehr Tiefe und Anspruch in die Bücher zu bringen. Und dieser Appell wird, wie schon zu allen zeiten, ungehört verklingen.

    Und dennoch wird das progressive irgendwo kleine Schlupfwinkel finden - und irgendwann zum Trend werden!

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  3. Hallo Marco,
    vielleicht sitzt du sogar einem Teilirrtum auf? "Anspruchsvolle" Autoren sind so viel schlechter verkauft und bezahlt gar nicht immer - und nicht jeder, der im Akkord Fließbandware schreibt, schreibt automatisch Knüller!
    Du würdest dich wundern, wie wenig Spitzentitel in Massenverlagen die dümpelnde Masse mitfinanzieren müssen.

    Vielleicht habe ich die falschen Bücher in der Bibliothek, aber diejenigen, die davon international und nachhaltig (!) zu Bestsellern wurden, sogar literarisch anerkannt und in riesigen Auflagen verkauft - das waren immer Bücher von Autoren, die eine sehr eigene Stimme, ganz besondere Geschichten und ein wunderbares Niveau an Inhalt und Form schafften, vor allem aber Neues!

    Dagegen kann ich den anfangs super abverkauften 1001sten Massenroman drei Monate später zum Schleuderpreis bei Penny kaufen.

    Übrigens GIBT es wunderbare Verlage mit wunderbaren Büchern und wunderbaren Autoren. Nur brüllt die das Internet nicht ganz so laut ins Land. Es sind Verlage, die ihre hellen Köpfe noch nicht durch Unternehmensberatungen ersetzt haben.
    Und weil sich alles andere äußerlich immer mehr ähnelt (s. Buchstäblichs Beitrag), wird es immer schwerer, sich die Lektüre auszusuchen. Die guglnden Wissenschaftler hatten damit offensichtlich auch ein Problem...

    Ich glaube nicht, dass Geld ein Problem ist. Moderne Kunst geht ja auch zu Höchstpreisen weg wie nix und gilt inzwischen sogar als Top-Wertanlage. Es geht um Wertigkeit - nicht um Geldwert.

    Schöne Grüße,
    Petra

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  4. Warum ich auch immer vor dem Schielen auf Absatzzahlen warne: Abverkauf hat heutzutage viel mit Marketing zu tun, nicht primär mit Inhalten.

    Kleines Rätsel: Was wäre aus Tellkamps Buch geworden, wenn er es nur auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hätte? Was, wenn sein Buch als unbeworbenes Taschenbuch im Massenverlag erschienen wäre? Und verkauft er sich jetzt schlechter, obwohl er Literatur geschrieben hat? Sind die Bücher der Mitbewerber, die es nicht geschafft haben und die jetzt aus der Werbemaschinerie fallen, schlechter?

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  5. Hey Petra!

    Nun, MIR sprichst du aus der Seele. Mir als Leser ist nur eines Wichtig: Ich will NEUES! Ich geiere nach neuem, noch nie dagewesenem, überraschendem. Weshalb ich auch 1000 Autoren, aber von den meisten nur ein Buch im Schrank stehen habe. Für mich ist das beste Argument, ein Buch zu kaufen, wenn irgendwo in der Kritik steht: "Anders", "Neu", "Experimentell".

    Und ja, das ist mir auch als Autor wichtig. Jede Geschichte, die aufzuschreiben ich mir die Mühe mache, hat stets irgendetwas, das ich nie zuvor irgendwo gelesen habe. Etwas, das mir bisher fehlt.

    Und, psst, ein kleines Geheimnis: Schon jetzt, wo ich noch nicht einmal etwas veröffentlicht habe, wurde mir aus der Branche zugewispert: "Interessant, aber schwierig. Könnte problematisch werden, das zu verkaufen."

    Wobei das ja kein Grund ist, es nicht zu versuchen. :)

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