Die gallischen Weiber

Irgendein berühmter Römer hat einmal die Frauen der Gallier als furchterregend beschrieben, rothaarig, wehrhaft, die Hände in die Hüften gestemmt, würden sie es wagen, jeden männlichen Krieger aus Rom in die Flucht zu schlagen. Oh ja! Wenn mir heute noch ein einziger Römer unterkommt, packe ich ihn am Schlaffittchen, wirbele ihn über meinem Kopf herum und trinke noch eine Portion Zaubertrank extra.

Eigentlich wollte ich heute arbeiten. So weit das in einer kalten Bude möglich ist, in der man auf den Heizungsmonteur wartet. Plötzlich fahren vor meinem Arbeitszimmer Riesenmaschinen auf - und ehe ich mich versehe, hocken zwei Männlein bei mir auf dem Dach. Natürlich will ich wissen, wer ungefragt auf diese Weise Einlass bei mir begehrt. Latschen doch die beiden Männlein aus ihrem Aufzug und trampeln auf die Ziegel.

Freundliche Anfrage beim Vorarbeiter, er möge seine Leute bitte zurückpfeifen, auf dem Dach trampelt keiner herum, das hat nämlich der Dachdecker verboten. Nur mit Hebekran oder Dachleiter. "Leiter hammwer nich"... und ein halbherziges "Du, Dingens, die Frau will nicht, dass du auf ihrem Dach herumläufst." (Tonfall: Guck mal die dumme Tussi da unten an). Dingens grinst sich eins, der Vorarbeiter grinst, Machos unter sich. "Warum hört der nicht auf Sie?", will ich wissen. Dummes Männergrinsen. "Vielleicht wiederholen Sie's noch mal?", schlage ich freundlich vor. "Sie sehen doch, der macht es nicht", befindet der Vorarbeiter und schweigt.

Also gebe ich das gallische Weib und schreie gen Himmel: "Sie nehmen jetzt sofort Ihre Füße vom Dach usw.usf." Langsam verschwindet das Grinsen oben und als ich freundlich anfrage, an welche Firma ich die Rechnung für gebrochene Ziegel schicken darf, geht's auf einmal. Plötzlich besinnen sich alle Mannen, dass sie ja mit Hebekran gekommen sind. Damit die aber nicht vergessen, was sie zu tun haben, darf ich die ganze Zeit aufpassen. Denn schon will der nächste einfach mal durch den Garten marschieren.

Das gallische Weib lässt einen Brüller, der alle herumfahren lässt: "Attention le chien!" Ich frag sie, ob sie lebensmüde sind, bei einem Wachhund einfach in fremde Gärten zu tappen, ohne zu fragen. Irre, wie schnell ein Mann rennen kann! Dass der Hund gemütlich in der Wohnung auf seinem Knochen kaute, braucht ja niemand zu wissen.
Nachmittags der gleiche Zinnober. Nur schau ich zufällig von oben auf das Auto der freundlichen Überfallfirma (Kabelfernsehen, nicht für mich, für andere...). Und falle bald um: Aufs Dach geschnallt liegen da drei Dachleitern! Die Dinger, die ich gefordert hatte, die jeder ordentliche Dachwerker benutzt. Die sie angeblich nicht hatten. Elsässische Handwerker (und alle Nationen, die für sie arbeiten) halten Frauen grundsätzlich erst mal für doof...

Das gallische Weib kann sich ein Witzlein nicht verkneifen. Als sich die Mannen von dannen machen wollen, lächle ich den Vorarbeiter mit meinem schmierigsten Grinsen an und sage: "Übrigens, ich glaube, auf Ihrem Autodach müssten Sie mal wieder Staub wischen. Man findet ja die Leitern kaum..." Unbeschreiblich, wie langsam ihm der Kinnladen nach unten fiel, ich habe nicht mal zuschlagen müssen.

Dafür hatte ich aber immerhin während der Schreibverhinderung das Vergnügen, mit einem Menschen aus der gleichen Straße über sämtliche verrückten Frauen zu tratschen, die seit Anfang des Jahrhunderts vor mir da gewohnt haben. Keine von denen war normal, meinte der. Und ich hab gekichert. Und 1945 sei dann diese amerikanische Granate in mein Wohnzimmer gefallen, ob ich davon noch nichts gehört hätte, mitten in meinem Wohnzimmer sei die gelandet.

Das nennt man dann die Gnade der späten Geburt.
Und inzwischen war auch der freundliche Heizungsmonteur da und hat mir gezeigt, gegen welches Teil ich treten muss, wenn der Brenner wieder ausfällt. "Spare se sich des Geld", riet er. Und so tausche ich das Teilchen erst aus, wenn es ganz den Geist aufgibt. Ein gallisches Weib weiß, wie man eine Heizung tritt.
Zum ersten Mal in diesem Herbst sitze ich im lauer werdenden Arbeitszimmer. Gallisches Weib im Wärmeparadies! Es fallen keine Granaten vom Himmel und alles ist ganz normal wie immer hier auf dem Land.

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