Vor dem Nichts

Dreimal werden wir noch wach, heissa, dann ist Buchhandelstach.
Pünktlich vor dem großen Ereignis, bei dem sich die Branche Hirn und Hacken abläuft, sitzt die Autorin vor dem Nichts, das eigentlich ein Alles ist. Ich hätte solche Lust, endlich wieder einmal zu schreiben! Richtig zu schreiben, also dieses Zeug, das man nachher zwischen Pappdeckel pappt.

Aber womit soll ich anfangen? Sachbücher muss man heutzutage zuerst verkaufen und dann schreiben - die Texte wollen schließlich auch in Programme passen, zu Aufmachungen. Soll ich mit meinem Herzensprojekt, der Nr. 1, anfangen? Aber falls das einer kaufen sollte, will er auch Fotos? Großformat mit Wissenskästchen oder Fließtext für Lustleser? Was, wenn ich an Nr. 1 mal auf Verdacht schreibe und plötzlich schlägt jemand bei Nr. 3 zu? Wie packe ich es, wenn 2 und 3 gleichzeitig über den Ladentisch gingen?

Lange fragt man sich so etwas aber nicht, denn dann schlägt sofort die typische Vorbuchmesseeventualitätenselbstherabminderungsdepression zu, schließlich haben wir Herbst. Für medizinische Laien ausgedrückt: Ich bin mir plötzlich sicher, dass sämtliche Projekte wie Kaugummi unter den Sohlen plattfüßiger Messebesucher kleben werden. Wer will das alles wollen? Und wenn ich schon die Idee mit diesen abgedroschenen Themen hatte, werden garantiert mindestens zwanzig berühmtere KollegInnen das Gleiche vorlegen. Halbgelähmt kann die Schreibhand gerade noch die Kaffeetasse heben...

... aber in der ist mit diesem neumodischen Schnickschnack von Espressomaschinen längst kein Kaffeesatz mehr drin. Sonst könnte man aus dem wenigstens herauslesen, welches Image man sich fürs nächste Jahr geben muss.

Ein lieber Verwandter von mir hat gesagt, ich würde das völlig falsch anpacken, so käme ich nie auf einen grünen Zweig. Mit solchen Büchern, wie ich sie schreibe, sei ich wie diese komischen Intellektuellen, die keiner will. Nein, er hat keine indirekte Rede benutzt, als er das sagte. "Was guckstu ARTE, wenn du RTL hast!", hat er gesagt. Und: "So musst du Bücher schreiben, für die breite Masse!"

Und seine Frau hat heftig genickt und mir von einer Bekannten erzählt, die ihren Mann wegen des Mannes einer anderen, der eigentlich schwul war und den Gemüseladen aufmachen wollte und dann operiert wurde, unter Lebensgefahr, und dann ist diese Tussi gekommen, die mit dem tiefen Ausschnitt und dem Typ von der Arbeit, der... Da habe ich verstanden, dass sie von ihrer Lieblingssoap sprach und meine Bücher lesen würde, wenn ich so schreiben könnte.

In solchen Momenten packt einen dann die Ich-schreib-völlig-am-Markt-vorbei-hubuh-mich-versteht-kein-Schwein -ich-hab-nix-ich-bin-nix-ich-kann-nix-Depression. Meine neue Romanidee kommt völlig ohne Liebesschwulst und Heiratsgezerre aus, es gibt keine mysteriöse Düsternis à la Dan Brown, keine Marketenderinnen in Sammet, keine Zwergenschüler und keinen Literaturpreis im Voraus und kein Stipendium im Nachhinein. Ich würde das Projekt gern zurückpfeifen, denn es geht zu lustig mit einem ernsten Thema um. Aber ich spare mir die Energie - es wird sowieso niemand bemerken. Und wenn: Ironie versteht auch keiner mehr. Was soll ich also weiterschreiben. Nur auf Verdacht? 120 Seiten reichen für einen Reinfall, der am Trendgebrüll vorbei geht wie ein Bankräuber auf der Flucht an der Polizei.

In diesem Stadium ist es Zeit für die Therapie. "Haben wir uns heute schon in Stimmung gebracht?", fragt die kleine Oberschwester im Innenohr. Positive thinking, Affirmationen, die den Tag erträglicher machen: "Ich will gar keine Romanautorin werden. Ich habe zwei Romane lang nur gespielt, ich sei eine. Und jetzt tu ich wieder so als ob. Das ist nicht normal. Ich will jetzt normal sein und endlich akzeptieren: Ich bin keine Romanautorin."

Die Depressionen mit den langen Namen wollen kaum weichen. Zweite Affirmation: "Es reicht völlig, die Welt mit meinem Rosenbuch belastet zu haben. Die Welt steckt in so vielen Krisen - ich werde jetzt Mitleid mit ihr haben. Klimakrise, Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Krisengebietskrisen, Humorkrise: Ich finde, das reicht. Noch so ein Klopper von Sachbuch aus meiner Hand, nein, das kann ich unmöglich dieser armen Welt jetzt auch noch antun wollen! Ich kann keine Sachbuchautorin mehr sein. Ich will die Menschen lieben. Ich will nett sein und lieb, wie sich das für eine Frau meines Alters gehört."

Woschhhhhhhhhhhhh...
Schon sind die Depressionen wie weggeblasen. Die Sonne scheint, der Herbst ist ein Sommer und die Blätter fallen. Auf Esoterisch würde man sagen: "Ein Zeichen! Lass deine Papierblätter fallen und begib dich in dein Karma. Gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Euro ein."
Ich fühle mich gelöst, fast levitierend. Ja, liebes Karma, ich komme!!! Ich schnappe meinen Hund und gehe dem Karma entgegen. Werde als Spaziergängerin reinkarniert, die Äpfel im Paradiesgarten klaut.

Welch ein Glück, dass man in diesen Tagen einen Agenten mit kühlem Kopf hat und mal so richtig hemmungslos blau machen kann! Schönen Sommersonntag allerseits.

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