Halloween: ein Re-Import

Heute kann man sie wieder überall hören, die Stimmen, die Halloween als amerikanische Mode beklagen. Sicher kommt das Konsumgedöns, das darum gemacht wird, in seiner ganzen Plastikschönheit aus den USA, doch Halloween ist ein ureuropäischer alter Brauch, weitaus älter als die Vereinigten Staaten. Ursprünglich wurde Halloween (engl.) oder Samhain (gälisch) in allen ehemals keltischen Landstrichen Europas begangen und hielt sich am längsten in Irland. Erst von dort brachten irische Emigranten den Brauch in ihre neue Heimat über dem großen Teich.

Überreste der Urtradition kann man noch hier und da in Frankreich finden. Ganz tief in der Provence haben manche Familien noch ihre "poupées", archaisch anmutende Holzfiguren, die ihre Ahnen und verstorbenen Familienangehörigen darstellen. Am 31. Oktober werden sie feierlich ausgepackt, man legt ein extra Gedeck für sie auf und feiert mit den Verstorbenen ein großes Gelage. Dabei geht es durchaus fröhlich zu, denn die "aus der Anderswelt" essen und trinken mit. Man erzählt sich von gemeinsamen Erlebnissen mit ihnen und lässt alte Zeiten wieder lebendig werden. Die Mahlzeit für die Toten stellt man dann für die Geister in der Nacht nach draußen - die herbstliche Tierwelt freut sich.

Übrigens hat auch das Essen an diesem Abend symbolische Bedeutung. Es ist eine Suppe (meist aus Lamm oder Hammel gekocht), in der drei Zutaten nicht fehlen dürfen: Esskastanien für das Nährende im Diesseits wie im Jenseits, Reis aus der Camargue für das scheinbar tote Korn, das im Frühjahr wieder erwachen wird, und Grünzeug für die Hoffnung auf einen Neuanfang nach der dunklen Zeit.

Im Elsass feiern die Kinder heuer auch Halloween à l'Americaine - sie kennen es nicht anders. Denn die Urgroßelterngeneration hat alles dafür getan, den ursprünglich elsässischen Brauch abzuschaffen. Von dem erzähle ich in meinem Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt", das wie der alte Bauernkalender mit Halloween anfängt. Eine kleine Leseprobe daraus (Copyright, alle Rechte vorbehalten beim Hanser Verlag):

"...Doch was wäre das frostige Halloween ohne die orange leuchtenden Grimassen auf Eingangstreppen und Gartenpfosten! Zum alten keltischen Neujahr mummeln sich die Knospen des nächsten Frühlings winterfest ein. Neubeginn und Geburt bereiten sich nach altem Glauben in der Nacht vor, mit dem Sterben.

Noch vor sechzig Jahren haben die Kinder im Elsass Futterrüben ausgeschnitzt. Mit den beleuchteten Fratzen auf Stecken zogen sie durch die Dörfer, setzten den Alten und Kranken die Geistermasken als Schutz und Geleit in eine andere Welt ins Fenster. Weil er "brutal" erschien und die Kirche etwas gegen Geisterglauben hatte, wurde der elsässische Brauch abgeschafft. Über Amerika findet die europäische Tradition seit ein paar Jahren zurück. Es gab sie nicht nur in Irland, sondern in jedem ehemals keltischen Landstrich. Die elsässischen Großeltern derer, die heute den "amerikanischen Firlefanz" bekämpfen, haben als Kinder noch am Tag nach der Ahnennacht Couplets für die Toten an den Türen aufgesagt. Der spielerische Umgang mit dem Vergehen als Chance zum Neuanfang ist nicht tot zu bekommen."

Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt. Geschenkbuch im farbigen Schuber mit einer sehr persönlichen Reise durch Land, Geschichte und Kultur - mit eigenen, einfach nachzukochenden Rezepten, die so nicht im Fremdenführer stehen. (z.B. Wildschwein in Hagebuttensauce, Chaud-froid von roten Früchten an Lebkucheneis, Nussewasser uvm., aber auch Standards wie Baeckeoffe und Choucroute - wie ich selbst sie koche)
Als Buch erschienen bei sanssouci im Hanser Verlag (ISBN 3-7254-1329-0) - als Hörbuch erschienen bei Gugis Hörbücher (ISBN & EAN: 978-3-939461-26-5)

Kommentare:

  1. Rüben ausschnitzen!
    Danke.
    Dies Stück Erinnerungsfetzen war jetzt so an die 40 Jahre verschütt - aber nun weiß ich es wieder: Das haben meine großen Brüder noch gemacht. Wir haben zwar keinerlei herkunftlichen Bezug zum Elsass, aber die haben das gemacht - da war ich noch klein.

    AntwortenLöschen
  2. Ich denke mal, das gab es in vielen Gegenden - ich kenne es vom Badischen. Und die Rübenschnitze hat man dann wie Sauerkraut eingelegt, "süri Rübe" sind im Elsass heute noch eine Delikatesse, allerdings nicht von Futterrüben geraspelt. ;-)

    Aber selbst die müssten sie heute importieren, weil Monsanto mit seinem Mais das ganze Land im Griff hat.

    AntwortenLöschen

Dieses Blog wird moderiert, Kommentare werden also zeitversetzt manuell freigeschaltet. Anonymous spam ist filtered out!

Automatisiert gelöscht werden: Spam, unerwünschte Werbung, Beschimpfungen, Rassistisches, Fremdenfeindliches, Extremistisches und gegen die übliche Netikette verstoßende Kommentare. Gesetzesverstöße werden unverzüglich zur Anzeige gebracht (ein Anonym-Alias schützt hier gar nicht).
In diesem Blog ist kein Platz für diesen Dreck. Ich lese das auch nicht, sondern lasse automatisch löschen.

Powered by Blogger.