Heimliches Schreiben

Wohl jeder Autor hat Leichen im Keller, sprich, es gammeln auf Festplatten und in Schubladen Texte, die nie das Licht der Welt erblickten. Meist mit gutem Grund. Auch ich habe so ein Gruselkabinett: Da gibt es Grausamkeiten, die im jugendlichen Bestsellerwahn verfasst wurden (ein Fantasy-Fragment mit dem Titel "Spüro Fieselschweif, der Weltenwechslerhund" - nein, es spielt nicht in Entenhausen), Texte zum Abreagieren ("Meine Familie"), Texte nach dem Motto "ich kann das auch" ("Das Geheimnis des Drachens" / "Die Dingens-Affäre" / "Die Dingens-Baronin").

In der Regel sind diese Fingerübungen, so unverzichtbar sie sind zum Lernen und Entwickeln, aus Abstand betrachtet schlicht Trash. Ich könnte sie wegwerfen, aber ich liebe auch meinen Müll, weil ich daran sehe, wie ich wachse - oder welche Schwächen ich endlich einmal angehen sollte. Manchen Trash platziere ich sogar mal aus Jux. So schwirren von mir in einer online-Literaturzeitschrift immer noch Satirekrimis unter Pseudonym herum, in denen ich mich über das Klischee der supertoughen Kommissarin lustig mache.

Manchmal lässt einen der Trash aber auch nicht los. In einem dieser unvollendeten Werke hatte die Protagonistin einen wunderbaren Laden. Auch wenn der Text Müll war, den Laden wollte ich retten. Er fand in den Roman "Lavendelblues" - man beklaut sich also auch fleißig selbst, was Ideen betrifft. Manchmal gibt es allerdings auch hartnäckig vorlauten Trash. Nicht, dass er stinken würde, aber er meldet sich immer mal wieder.

Da ist so ein unvollendeter Text, uralt, noch aus meiner Zeit in Polen. Damals habe ich mich noch nicht rangetraut, zu Recht, denn mein allererstes Buch, das ich zu der Zeit wirklich geschrieben habe ("Geheimnis Odilienberg") empfinde ich heute selbst als unerträglich. Irgendwie ließ mich die Idee nicht los, ich schrieb weiter, verwarf den gesamten Plot, erfand neue Personen, experimentierte wild. Die Schlüsselszene, aus der das alles entstand, empfinde ich heute noch als brillant. Sie ist einer meiner besten Texte.

Ich beging dann leider einen Fehler. Ich hatte meinen jetzigen Agenten noch nicht, aber jede Menge wohlmeinender Berater aus der Branche, sogenannte "Testleser" ebenso wie gestandene Lektoren. Damals war ich noch naiv und zeigte den Entwurf herum, sehnte mich nach einem Feedback, das mich weiterbringen würde. Ich war nicht gefasst auf das, was da kam. Von sogenannten Fachleuten kam!

Ich zitiere aus den Absagen: "Die Hauptfigur muss nicht nur weiblich sein, sondern auch stark - die hier ist zu lädiert" / "Das ist nicht ausreichend handlungsgetrieben" / "Ändern Sie das Land, in dem es spielt, das kommt nicht..." / "Ihre Hauptfigur hat leider einen ganz ähnlichen Beruf wie die von dem Roman, den ich eben herausgebracht habe. Der Beruf geht jetzt nicht mehr."
Ich war so naiv damals, dass ich dachte, die müssen das ja wissen.

Also wurschtelte und schraubte ich an meiner Idee herum. Gab der nun stärkeren Frau einen Mann als Gegenspieler an die Seite. Baute irgendwelche irrwitzigen Handlungen à la Schreibratgeber ein. Drückte eine Liebesgeschichte dazu. Und rannte mir die Stirn blutig an diesen Wänden. Denn der Beruf der Protagonistin hatte dramaturgische Bedeutung: Warum sollte ich ihn ändern, nur weil eine Lektorin gern was anderes gehabt hätte? Die Geschichte konnte nur in diesem Land spielen, in keinem anderen - warum sollte ich sie in die Karibik oder nach Kleinkleckersdorf versetzen? Außerdem hatten meine Kritiker recht. Das Ding war unausgegoren, stümperhaft, es stimmte hinten und vorne nicht. Ich tat, was viele in diesem Augenblick tun, die noch nicht an Größenwahn leiden. Ich steckte es in den Trash-Ordner. Abteilung Komplettmüll.

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit meiner Freundin über wiederkehrende Träume, die unverhofft immer wieder hochblubbern, geheimnisvoll und manchmal nervend. Da fiel mir auf, dass ich derzeit ein Symbol aus solch einem Traum schreiberisch bearbeite - und seither verändert sich der Traum. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an den vergessenen Text. Dieses Symbol wäre genau der fehlende Zement, der diesen Text kitten würde. Der so alle Erwartungen der damaligen Kritiker Lügen strafen würde. Der aus dem Text das machen würde, was man angeblich aus einem Text nicht machen darf. Weg mit all diesen Erwartungen, Ratgeberrezepten, mit diesen "das darf man nicht" und "so sollte man nicht schreiben". Weg damit auf den Müll!

Ich schreibe heimlich. Stehle mir Zeit. Diesen Text wird niemand zu Gesicht bekommen, bevor er nicht absolut reif ist. Mein Agent nicht, Lektoren nicht, Testleser nicht. Mein Text und ich, wir gehören ganz uns. Wir sind halsstarrig, pfeifen auf Konventionen, sind wild.
Und siehe da, man erkennt den Trashtext kaum wieder. Figuren sind dem Rotstrich zum Opfer gefallen, Handlungsgetriebenheit kann uns mal kreuzweis, das mit dem Beruf treiben wir noch auf die Spitze, 98% des Textes sind jetzt im wirklichen Müll gelandet, aus eigentlich drei Geschichten wird eine. Und die zwei übriggebliebenen, wirklich guten Szenen zeigen, was aus dem verschmähten Text einmal werden könnte.

Oder auch nicht. Ich bin frei. Ich muss das nicht veröffentlichen. Ich schreibe heimlich, heimliches Vergnügen. Ich allein bin die Schöpferin, ich darf auch verdammen und wegwerfen. Und genau deshalb darf ich auch querdenken, experimentieren, wild herumspielen. Und was die Zeit betrifft... nun, andere Leute schauen Fernsehen... Wenn man etwas nicht veröffentlichen muss, muss man auch nicht in vier Monaten "einen Roman heraushauen", wie es in der Branchensprache so schön heißt.

Ich fühle mich, als hätte ich auf dem Sperrmüll eine besondere Antiquität gefunden, die so viel Restaurierung benötigt, dass einem alle vernünftigen Menschen davon abraten würden. Aber ich restauriere und vergolde auch schon seit zwei Jahren einen uralten Bilderrahmen, den ich so billig erstanden habe, weil ihn alle anderen für verdreckten Schrott hielten...

Kommentare:

  1. Falls aus dem Geheimprojekt eines Tages etwas ganz Großes wird, werden wir hier draußen je erfahren, dass es DAS ist? Wahrscheinlich nicht, aber es ist gut zu wissen, dass es noch Geheimnisse gibt.

    Warum? Keine Ahnung, aber es fühlt sich gut an.

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  2. Hi Petra,
    genau diese Freiheit ist es, die ich mir im Moment auch versuche zu gönnen. Was macht den Reiz des Schreibens aus?
    Für mich ist es Gott zu spielen und gerade die Freiheit zu genießen, die man im echten Leben nicht hat. Sobald wir aber auf Veröffentlichungsmöglichkeiten schielen, wird diese Freiheit eingeschränkt. Das kann so weit gehen, dass der Spaß dann flöten geht. Eventuell wird er duch den Scheck bei einer Veröffentlichung ausgeglichen. Aber auch nur vielleicht.
    Alexander

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  3. Hallo Petra,

    ich lese auch immer mal wieder gerne in alte Texte herein, und ziehe enorm viel Kraft aus dem heimlichen Schreiben, aus Experimenten oder recht seltsamen Texten.
    Das erinnert mich immer daran, warum ich überhaupt schreibe, was ich manchmal vergesse.
    Und das tue ich, wenn ich mich gerade immer weiter an einem Text treten muss, damit er fertig wird- und zwar nur damit er fertig wird.
    Da ist es manchmal schön einfach zu schreiben, um zu schreiben, und unheimlich wundervoll.

    Gruss

    Thomas

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  4. @buchstäblich:
    Nun, falls daraus je ein Buch werden sollte, wird man es daran erkennen, dass es in einem Land spielt, das nicht trendy ist, dass die Protagonistin irgendwie nicht ganz vollkommen ist, und dass ihr Beruf einer bekannten Lektorin nicht schmeckt.

    @alexander+bluomo:
    Ich sag immer, um Schecks zu kassieren, gibt es bessere Berufe...
    Mir geht es ähnlich wie Bluomo - das Gefühl für sich selbst und das, was man wirklich will, wird im Alltagsgeschäft oft zur bedrohten Tierart. Außerdem wagt man selbst mehr, wenn man sich sagen kann, ich hab nichts zu verlieren, ich muss nicht (obwohl man natürlich WILL).

    Den reinen Spaßeffekt habe ich dabei leider auch nicht - ich ochse auch bei heimlichen Projekten...

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  5. Petra - wie schön, wie schön!
    Das freut mich riesig.

    Jan

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  6. Auch du bist schuld, Jan...

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