Safari im Stipendiendschungel

Manchmal haben Künstler komische Sachen vor, für die man sich Broterwerbs-Freiraum schaffen muss. Nicht immer braucht man diese Hilfen, denn für einen trendigen Unterhaltungsroman, der im Voraus verkauft wird, darbt man nicht allzu sehr. Schwieriger wird es bei Projekten, die entwicklungsintensiv und risikoreich sind.

Tja, ich hätte da ein Projekt, das außerdem noch verrückt ist. Denn ich bediene damit ein Medium, das theoretisch nicht das meine ist - und ich bediene es in einer Weise, die auch in diesem Medium recht neu wäre. Warum eigentlich nicht ein Stipendium suchen, dachte ich mir naiv und warf die Suchmaschine an. Ei, war das ein Urwald! Zuerst hat's eine Recherchemachete gebraucht, denn Buchautoren schreiben gefälligst, sofern sie förderungswürdig sein wollen, Bücher. Und Leute, die dieses andere Medium benutzen wollen, benutzen es doch bitte auf die traditionelle Weise. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder an die freie Kunst glauben würde! Crossover, igitt!

Immerhin, von der ein oder anderen Seite schien ein Pfad ins Ungewisse zu leuchten. Doch der Dschungel wurde immer unwirtlicher. Zahlen können wir nichts, aber wohnen Sie drei Monate im Klohäuschen, machen Sie sich in unserem Plattenbau breit, genießen Sie die Aussicht aus der Dachgaube unserer Künstlerkolonie. Dafür, dass wir Ihnen freies Wohnen anbieten, verwöhnen Sie unsere Kurgäste mit Lesungen und lehren in der Schule, wie man Bücher sortiert. Manchmal bekommt man auch Geld obendrein, Schreiblohn. Das ist schön. Aber wie macht man das, wenn man nicht schnell die eigene Wohnung kündigen kann, Miete und Nebenkosten also weiterlaufen und der Hund mit will? Und warum im Klohäuschen schreiben, wenn ich ein eigenes Arbeitszimmer habe? Ich will mir doch nur das Schreiben leisten können!

Das darf ich bei vielen nur, wenn ich ordentlich geboren bin und wohne. Sprich, der förderungswürdige Schriftsteller solcher Stipendien ist mindestens in jenem Bundesland geboren, wohnt aber besser noch bei Mama und schreibt, wenn's geht, auch noch Geschichten aus dem Ländle. Emigranten nimmt ja nicht einmal der VS als Mitglied, pfui, ein Schriftsteller ist schollentreu.

Hab ich dann endlich endlich mal den richtigen Pass, müsste ich mein Alter fälschen. Schriftsteller mit ungewöhnlichen und neuen Ideen sind jung. Sehr jung. Und fangen vor allem nicht an, erst nach mehreren Büchern komische Sachen machen zu wollen. Ein anderer fördert das Zweitbuch, herrlich, das sollte man beim ersten erfahren. Ein begehrtes Stipendium vergibt Gelder nur mit Verlagsvertrag. Wofür brauche ich ein Stipendium, wenn der Verlag bereits den Vorschuss auszahlt? Ebenfalls nett ist die Vergabe, für deren Beschluss man neun Monate warten muss - gut, Verlage sind auch unendlich langsam geworden, aber wie lange leben wir eigentlich?

Dann endlich das gesuchte Medium. Wenn man da Hilfen will, muss man das ganz brav und ordentlich machen. Oder genau nach den Vorgaben der Stifter. Oder es ist eigentlich ein drittes Medium, für das man einen speziellen Berufsabschluss braucht. Da darf nicht jeder dahergelaufene Autor...

Nach langer Pirsch im Dschungel der Hilfen bin ich dann auf eine Künstlerin gestoßen, die etwas Ähnliches plant wie ich, nur umgekehrt. Die macht es schlau. Studiert am ZKM und hat ein Stipendium für einen Studiengang mit einem Namen beantragt, den ich mir nicht merken kann. Noch mal studieren, ist das die Lösung?

Kurzum, die Bewerbung für den Job als Kassiererin bei Aldi ist schneller gemacht. Und sollte man den Job bekommen, muss man "nur" tippen und rechnen können. Keiner fragt einen danach, warum man auf die Fünfzig zugeht, zigmal umgezogen ist, eine Aversion gegen Dachzimmer hegt, den Hund mit ins Bett nimmt und komische Ideen hat!

Derweil spucke ich mir zittrig dreimal hinter die Schulter, heule mit Rocco heute den Vollmond an und bettele bei allen Schreibgöttern der Welt (wie praktisch, dass jede Kultur einen hat) ... dass etwas ganz Bestimmtes gelingen möge.

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