Ein Buch, ein Kosmos

Ich bin jemand, der mit Lust und Leidenschaft lernt - ja, ich war als Kind sogar traurig, wenn die Schule aus war. Obwohl auch ich Lehrer hatte, die ihren Beruf verfehlt hatten, hat es nie jemand geschafft, meine Neugier auf fremde Welten zu zerstören. Dafür sorgten die Lehrer, die in Kollegen- und Elternkreisen als "wunderlich" und "durchgeknallt" galten. Der Journalismus als Neugierberuf war wie für mich geschaffen. "Du musst über alles schreiben können, ob über Hot Dogs oder künstliche Intelligenz. Und wenn du etwas nicht verstehst, denk dran, deine Leser verstehen es auch nicht - lerne es für sie." Das waren die Worte eines meiner Ausbilder.

Vielleicht liebe ich es deshalb so, nicht nur über meine eigenen Hobbies Bücher zu schreiben, sondern mich selbst mit mir völlig fremden Welten zu konfrontieren. So ein Buch wird dann zum Kosmos, unendlich scheinend, faszinierend, anziehend - aber die Weite macht auch Angst. Angst, sich zu verlieren, Angst, der Größe des Themas nicht gewachsen zu sein. Das ist normal, wenn man fremde Welten erforschen will.

Wenn ich - wie jetzt - unbekanntes Terrain betrete, wende ich eine Technik an, mit der ich als Kind den Sternenhimmel genossen habe. Ich fand es ziemlich blöd, sofort nach bekannten Sternbildern zu suchen, alles zu verorten. Diejenigen, die das taten, haben aufgehört, über die Grenzen zu schauen. Ich ging lieber wild spazieren mit den Augen, ließ mich aufsaugen, erfühlte die Dichte der Milchstraße und die Leere der Schwärze dazwischen. Irgendwann war ich selbst winzig klein, aber ein anderer winziger Punkt am Himmel nahm meinen Blick gefangen. Von dort aus erkundete ich dann das Oben.

Beim Schreiben benutze ich diese Technik, um in einem schier unermesslichen Thema die Bereiche herauszufinden, die ich bearbeiten möchte, die mir wichtig erscheinen. Und gleichzeitig eine Form, eine Stimme für das zu finden, was ich erzählen will. Ich schalte zuerst möglichst alles Denken, jede Analyse aus. Ich bin sozusagen als Wissenshamster unterwegs, stopfe meine Backen (Festplatte, Schreibtisch) wahllos voll mit Dingen, die zum Thema passen, oder wo etwas im Hinterkopf klingelt. Dem Klingeln gehe ich bewusst nicht nach - zu viel Analyse, die den Fluss hemmen würde.

Trotzdem - das darf man wahrscheinlich nur Bewusstseinsforschern erzählen und nicht Psychiatern - habe ich so eine Art Markiermännchen im Kopf. Während ich sammle, ohne nachzudenken, rennt der kleine Wicht herum und markiert mit Rotstift Dateien, von denen er glaubt, ich würde sie einmal besonders brauchen. Praktisch, denn ich habe ein fotografisches Gedächtnis, das auch dreidimensional und virtuell funktioniert. Noch zehn Jahre später finde ich die betreffende Datei, das betreffende Papier im scheinbaren Chaos mit einem einzigen Griff. Aber wehe, es würde jemand aufräumen...

Während des Sammelns überflute ich mich absichtlich. Wäre ich Hamster, würden mir die Backen platzen. Ich lese im Affenzahn komplizierte Texte in mehreren Sprachen quer, springe in mehreren geöffneten Tabs zwischen Verlinkungen herum (die ich als Punkte auf einer inneren Landkarte jederzeit einordnen kann, denn auch Frauen können perfekt Karten lesen), recherchiere mich müde, sammle sammle sammle. Manchmal habe ich abends Angst, dass mir der Kopf platzt. Oder ich denke, dieser Arbeitsstil rächt sich einmal im Alter, wo sich er Kopf vielleicht einmal verabschiedet, um endlich ausruhen zu können (zum Glück sagt die Wissenschaft das Gegenteil).

Wozu das? Ordentlich theoretisch gesagt, ist es eine Technik, sämtliche inneren "Ordnungkräfte" und "Zensoren" auszuschalten, die man als Schriftsteller so hat. Jeder Mensch hat sie, sie können auch überlebenswichtig sein, aber wenn einem ständig eine innere Stimme dazwischen blökt: "Interessiert das deinen Verlag?" / "Denkst du an ein Zielpublikum?", dann sollte man ihr schleunigst aufs Maul hauen. Bei meiner Chaostechnik dagegen erfühlt man ein Thema - und seine eigene innere, kreative Stimme. Nicht die Erwartungen von außen. Den berühmten Musenkuss gibt man sich nämlich selbst.

Solches Arbeiten führt einen manchmal in Zustände, die Nicht-Schreibende kaum verstehen. Gestern las ich wieder in einem Erlebnisbericht, schlief darüber ein, war plötzlich jener Mensch und schrieb einfach weiter... Wenn ich dann aufwache, muss ich mich erst schütteln, um unterscheiden zu können, was ich gelesen und was geträumt habe. Beides wirkt so real. Und das wiederum ist für mich das Zeichen, dass ich beginne, "in" einer Figur zu sein. Sie fängt an zu leben, mit mir zu sprechen. Ich kann sie fragen, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Ich bin mitten in diesem Traum aufgewacht und hatte die Worte jenes Autors im Kopf - meinen Titel! Nach dem Frühstück habe ich dann in diesem Buch nach den Worten gesucht, sie so genau nicht gefunden. Ich hatte sie "nur" geträumt, aber sie sind die Quintessenz dessen, was der Schreiber aussagen wollte, was er lebte. Ein idealer Arbeitstitel! Der winzig kleine Stern, von dem aus ich mich weiterhangle.

Die sammelwütige Wissenshamsterin sitzt inzwischen auf riesigen Sternenhaufen. Jeder davon ist ein eigener Kosmos und alle zusammen sollen einmal in eine "Buch"welt einmünden. Ich lasse mich absichtlich überwältigen, überfluten, und versuche erst gar nicht zu ordnen. Und dann geschieht das zweite Wunder: Ich erkenne Strukturen im Chaos, Verbindungen, Formen. Manches hat eine wilde Farbigkeit, anderes bleibt blass und tönt kaum (s. Synästhesie). In diesem Moment kann ich "übersetzen".

Es ist die eigentliche "Geburt" von zukünftigem Text, obwohl ich noch kein einziges Wort geschrieben habe. Ich finde aus dieser Struktur heraus eine Gesamtstruktur dessen, was ich erzählen will. Die Linien und Farben übersetzen sich in entsprechende sprachliche Formen. Jetzt weiß ich, wie mein Projekt "klingen" muss, welche ihm eigenen (und nicht von mir oder anderen aufgezwungenen) Ordnungen es haben wird. Ich bekomme ein Gefühl für die Sprache, den Klang meiner Figuren, ihre inneren Farben. Theoretiker nennen das Erzählton, aber für mich ist es mehr: eine Erzählaufmerksamkeit, die mich auch beeinflussen wird in meiner Auswahl. Im Trennen von Wichtigem und Unwichtigem. Ich könnte, wenn ich bildende Künstlerin wäre, in diesem Stadium mein zukünftiges Buch als Komposition von Farben, Linien und Formen malen.

Es ist ein berauschendes Gefühl, wenn auf diese Art eine völlig neue, fremde Erlebenswelt ins Leben tritt und festgehalten werden will. Es ist aber auch extrem anstrengend. Ich brauche in dieser Phase große Ruhe, ziehe mich zurück. Schon ein Amtsbrief, der Antwort verlangt, stört dann ungemein. Andererseits liebe ich es, abends nach solchen Tagen unter Menschen zu gehen, sie zu beobachten. Es ist erholsam für mich, völlig banale Gesten und Dinge zu sehen. Auch das ist eine Welt: Dass man eigentlich auch dasitzen könnte, vor sich hinstarren, mit jemandem am Tisch über das Wetter reden, eine Gabel heben. Es erinnert mich daran, dass der Hamster nach getaner Arbeit sein Rad verlassen muss und genüsslich leben. Denn auf Dauer hält man diese Phase des Arbeitens nicht durch.

Diesmal gönne ich mir noch einen Zwischenschritt. Ich muss nämlich tatsächlich ein feines Gespür für Rhythmik und Klang entwickeln, für Klangfarben und Lautstärken. Es hat etwas von einer musikalischen Komposition. Denn wie ich schon andeutete, wird dieses Projekt ein völlig anderes Medium nutzen. Text, den man als Buchstaben gedruckt vor sich sehen kann, funktioniert völlig anders als Text, der keine Buchstaben mehr hat... Die Herausforderung an die Sinne meiner zukünftigen "Leser" ist auch eine Herausforderung an die Erzählstimme. Noch so ein neuer Kosmos...

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