Mein wunderbarer SUB

Emigranten brauchen mit neuen Wörtern immer etwas länger. Besonders lang brauche ich mit Abkürzungen, denn mein massiver Larousse ist da auf einem Stand eingefroren, der das Internet noch nicht kennt. Steht man als "Ausländer" derart hilflos der eigenen Sprache gegenüber, entstehen die herrlichsten Kopfgeschichten beim Lösen der Worträtsel.

SUB ist so eins. Es begegnete mir noch nie im wahren Leben, aber internette Autoren und Bücherwürmer werfen damit um sich, als müsse man mindestens zehn Stück davon haben, um mitreden zu können. Hat ein Kollege ein neues Buch herausgebracht, beglückwünscht man ihn damit, dass sich dieses Buch jetzt fröhlich und zufrieden jenem geheimnisvollen SUB zugesellen werde. "Schreib nicht so schnell", sagte mal einer, "mein SUB hält das bald nicht mehr aus." Mancherorts spielt es eine Rolle, mit welchen Autoren sich so ein SUB überhaupt abgeben darf. Es soll Bücher geben, die fallen vom SUB direkt in die Tauschbörse, ein offensichtlich dramatisches Schicksal.

Auch in Leserforen kam ich nicht weiter, das geheime Wort zu entschlüsseln. "Ich muss mal in meinem SUB suchen." Meint die Leserin die Staats- und UniBibliothek? "Mein SUB nervt mich total, bläst sich immer mehr auf." Wohne ich hier dem Stöhnen einer Domina bei und ist das Leserforum in Wirklichkeit nur Tarnung? Lesen statt Sex? "Mein SUB sprengt mittlerweile alles." "Mein SUB ist größer als deiner." "Ach, so einen kleinen SUB hatte ich früher auch mal." Sind Leserinnen wirklich Frauen?

Ich versuchte es mit Recherche und Analyse. Die Anfrage bei der Studentinnenschaft der Uni Bern brachte mir den Hinweis, es doch einmal bei der Staats- und Unibibliothek zu versuchen. Die wiederum fragte mich, ob ich mich vielleicht in der Subkultur verlaufen hätte oder nur Suppe nicht richtig buchstabieren könne. Aber wenn ich schon mal in Frankreich sei, könne ich es doch bei diesen Firmen probieren, die Subs herstellen, also subtitres, Untertitel. Ich schien der Lösung näher. Das klang endlich nach Buch. Aber wünscht man einem Kollegen, seine Neuerscheinung möge zum Untertitel verkommen?

Mittlerweile hatte sich das geheimnisvolle Wörtchen wie ein Subliminal in mein Ohr gesetzt und pfiff Yellow Submarine. Ich warf die Suchmaschine an und siehe da, mir guglhupfte eine wahrhaft philosophische Erkenntnis entgegen:
"Was einen guten Sub ausmacht, ist keine feststehende Tatsache wie "rot" oder "blau", sondern eine Auslegungssache wie "heiß" oder "kalt"."

Das war es also. Deshalb stritten sich Autoren und Leser so vortrefflich über Bücher, kloppten sich virtuell die Köpfe darüber ein, ob man mit Kartoffelbrei besser schreibt als nach einem Waldlauf, und ob Rosamunde Liebherz diesmal zu viel Liebschmerz auf den rosa Lippen trug. Alles Auslegungssache! Und so ein richtiger SUB ist durchaus auch etwas für Farbenblinde.

Wer etwas auf sich gibt, der pflegt und päppelt seinen SUB, er begleitet einen schließlich länger als mancher Ehepartner. Vielleicht vergleichen deshalb vor allem junge Frauen gern: "Ich hab jetzt schon den dritten SUB." "Ich hab einfach keine Zeit mehr für meinen SUB." "Mein SUB bringt mich noch um."

Ich habe leider nie herausgefunden, was ein SUB ist. Nach eingehender Recherche und linguistischen Vergleichen weiß ich jedoch:
  • Der Trend geht zum Zweit-SUB.
  • Bücher, Bibliotheken, Lesestoff - das war gestern. Heute dienen Bücher allein dem SUB.
  • Bücherwürmer lesen. Leseratten bauen sich Nester aus SUBs.
  • Einem Kollegen zu sagen, sein Buch lande sofort auf dem SUB, ist eine elegante Art, ihm zu sagen, was man wirklich von dem Schund hält.
  • Lange Lagerung via SUB bedeutet eine Restchance für den Schriftsteller, vielleicht entgeht er der Tauschbörse.
  • Mit einem ausgewachsenen SUB beweist man nicht seine Bildung, sondern seine Kaufkraft.
  • SUBs sind nicht nur etwas für lesende Dominas.
Schade. Ich habe keinen SUB. Ich habe nur Stapel mit Büchern, die ich gleichzeitig lese.

(SUB, Abkürzung aus der Internetsprache = Stapel ungelesener Bücher)AufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählungAufzählung

Kommentare:

  1. O mein Gott, und ich dachte immer ich wäre der einzige, der 5 - 15 Bücher gleichzeitig liest!!!

    Schön dass es noch mehr davon gibt. :)

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  2. Mein Urgroßvater hat damit angefangen, Marco!

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