Ordentlich Plotten: Serviettentechnik

Wir alle wissen, wie wichtig das Plotten für das Schriftstellern ist. Jeder Plotter von Hewlett Packard kann es von Geburt an, nur wir Menschlein mühen uns lebenslänglich. Wie aber sollen wir es tun? Kollege A schwört auf Diagramme in Rosa, die er auf Rauhfasertapete kalligrafiert. Kollegin B ist eine ganz Ordentliche: Sie trägt ihre Plots auf Millimeterpapier ein, mit Architektentinte und zehnfarbigen Unterstreichungen, wobei besonders die unterpunkteten Worte die Geschichte vorantreiben.

Mir wird dabei mulmig. Ich kann nämlich nicht plotten. Jedenfalls nicht so. Und wenn so, dann geht es schief. Unordentlich bin ich auch und die Tapete in meinem Arbeitszimmer ist irlandwindregennebeltürkiswildfarbig - zugegeben, mit einem Hauch Plotrosa. So konnte das nicht weitergehen, wenn aus mir je etwas werden sollte. Ich belegte einen Drehbuchkurs bei einem Freund, der seine Drehbücher beim Frühstück macht, und wurde initiiert. Da es sich nicht um Geheimwissen handelt und gar nicht teuer war (eine Ladung Croissants und Milchkaffee), möchte ich mein Wissen teilen. Auf dass alle unordentlichen Autoren dieser Welt endlich frühstücken, pardon, plotten lernen!

Man nehme:

  • Ein Bett
  • Ein verdammt gutes Frühstück nach Geschmack (vorher ggfs. Geschmacksausbildung machen)
  • Eine Serviette, möglichst ohne Muster und aus Papier
  • Einen Stift
  • Kein Papier
  • Ein Hirn, möglichst im eigenen Kopf befindlich
  • Einen Bauch, ebenfalls eigen
  • Eine sehr spitze Gabel
  • Musik zum Antörnen

Und los geht's, das fröhliche, ordentliche Plotten:

Bevor wir aufstehen, erinnern wir uns noch einmal traumartig an unsere Idee und an die Fragmente, die wir über die Personen und unsere Geschichte schon kennen. Wir spielen Traumdoktor: Lassen Sie Ihre Figuren wie in einem Film vor dem inneren Auge agieren. Können Sie eine Figur nicht erkennen? Dann belegen Sie zuerst das Seminar "Figuren im Schlaf entwickeln". Können Sie endlich sehen? Gut. Dann stehen Sie auf und vergessen alles.

Im Idealfall hat ein Partner oder eine Partnerin bereits ein üppiges Frühstück bereitet. Denn wir lernen aus der Kulturgeschichte: Berühmte Künstler wurden meist von einem aufopferungsvollen Partner gepäppelt und gewindelt, der das kommende Genie schon früh erfühlte und sich anbetungsvoll in dessen Dienste stellte. Sollte Ihr/e Partner/in in diesem Punkt zu wünschen übrig lassen, belegen Sie bitte das Seminar "Die Vielehe im Dienste der Kunst". Setzen Sie sich nun an den Frühstückstisch und schicken Sie Ihre/n Partner/in in die Wüste.

Sie brauchen jetzt absolute, innere Ruhe. Machen Sie sich von allen störenden Gedanken frei. Vergessen Sie Ihr Geschreibsel, wahrscheinlich war es wirklich so schlecht, wie Sie denken. Schauen Sie sich die Pracht auf dem Küchentisch an. Erzählt nicht jeder Klecks Marmelade von der Süße des Lebens? Ist es nicht erstaunlich, wie harmonisch sich im Kaffee Bitternis und ein Hauch fruchtiger Amazonas mischen? Streichen Sie Butter auf ... spüren Sie ihr nach. So geschmiert könnte es doch immer laufen, nicht wahr?

Sie verspüren noch ablenkende Gedanken? Solche hartnäckigen Kreativitätsverhinderer können nur innere Aggressionen sein, unterdrückte Leiden. Dagegen hilft einzig und allein Action. Das Zeug muss raus, bevor es schlecht wird. Sie könnten ihrem Lektor eine ballern? Pellen Sie das Ei nicht, köpfen Sie es! Mit Hingabe, Lust, auf einen radikalen Schlag. Sie warten vergeblich auf eine Antwort aus Verlagen? Pellen Sie das Ei. Intonieren Sie bei jedem Schlag einen anderen Verlagsnamen. Ihnen fehlt die zündende Idee und Sie drehen sich im Kreise? Rühren Sie Ihren Kaffee besonders intensiv, mit dezentem Glöckchenklingeln des Löffels am Porzellan.

Derart befreit gehen wir nun an die Bauchübung.
Sie haben sicher schon oft gelesen, dass künftige Genies gern mit dem Bauch denken. Sie haben sich sicher schon gefragt, wie Sie Ihren Dünndarm zum Plotten bringen und Figuren im Dickdarm kneten? Es ist ganz einfach: Bauchdenken beginnt bereits im Mund. Kauen Sie intensiv, speicheln Sie Ihren Nahrungsbrei gut ein ... und vor allem: Schmecken Sie hin! Ein guter Schriftsteller verleibt sich nicht einfach ein; er genießt, er prüft die unterschiedlichen Geschmäcker des Lebens, er weiß um seine fünf Geschmackszonen. Dann heißt es Schlucken - und schon übernimmt Ihr Bauch den Rest. So einfach ist das mit dem Bauchdenken.

Sie fragen sich, wozu Sie die Gabel brauchen? Hahaaa! Greifen Sie dem Seminar nicht vor!
Laden Sie Ihre Figuren an den Kaffeetisch. Bei der folgenden Übung dürfen Sie aber nicht mitschreiben (deshalb kein Papier), denn nur was in Ihrem Hirn bleibt (s. Zutaten), bewährt sich später für die Geschichte. Bieten Sie Ihren Figuren etwas von Ihrem Frühstück an, sprechen Sie laut und deutlich und nennen Sie die Namen der Beteiligten (jetzt wissen Sie, warum man diese Übung besser allein macht). Schauen Sie den Figuren beim Frühstücken zu.

Erst jetzt darf Ihr analytischer Verstand aktiv werden (s. Zutaten: Hirn). Fragen Sie sich, warum der Wüstling Ihren Espresso zu stark findet und einen Kräutertee wünscht. Sind Sie sich sicher, dass Sie diese Figur stimmig entworfen haben? Sie wissen es nicht? Fragen Sie ihn! Warum tritt die holde Blonde ständig den süßen Prinzen unterm Tisch gegen das Schienbein, die sollen sich doch am Ende kriegen? Und es ist doch wirklich nicht zu fassen, derweil haut sich die starke Protagonistin die Wampe voll, als leide sie an Bulimie!

Jetzt ist es an der Zeit, den Schriftsteller herauszuhängen. Machen Sie sich an die Arbeit. Sie sind der Schöpfer, die Allmacht, der große Marionettenspieler. Packen Sie die spitze Gabel mit der Faust, die Zinken sollten auf der Seite mit dem kleinen Finger herausschauen, damit sie effektiver zuschlagen können. Schauen Sie sich den Figurenzirkus noch ein paar Sekunden lang an, dann lassen Sie einen Schrei. Drohen Sie mit der Gabel in Richtung auf die Frühstücksgäste.

Schreien Sie aus vollem Herzen: "Wollt Ihr verdammt noch mal ruhig sein! Wenn Ihr verdammt gute Figuren in einem verdammt guten Roman werden wollt, setzt euch gefälligst ordentlich hin, benehmt euch verdammt gut und hört verdammt noch mal auf mich!" Murmeln Sie leise: "Ich bin endlich frey, frey, frey!" Und werfen Sie dabei drei Prisen Salz hinter die linke Schulter.

Diesen Zinnober wiederholen Sie, bis alles gegessen und getrunken ist.
Erschöpft wischen Sie sich den Mund ab, schicken die Mischpoke weg und dudeln die Musik ihrer Wahl. Sie können auch eine CD mit Klosterstille einlegen, wenn das Ihre Schriftstellerseele besser balsamiert.
Nehmen Sie den Stift und die Serviette und kotzen Sie alles heraus, was Ihnen spontan zu diesem Frühstück einfällt. Ein Stichwörtlein für die Protagonistin, ein Sätzlein gegen den Kräutertee des Antagonisten. Verbinden Sie alle Wörter mit wilden Linien und schließen Sie Wichtiges in Sprechblasen ein. Das nennt man Mindmapping. Fertig ist Ihr erster Plot auf Papier! Sagen Sie jetzt nie wieder in der Öffentlichkeit, Sie würden nie plotten!

Wollen Sie besonders ordentlich sein? Kaufen Sie sich einen Wäschetrockenständer fürs Arbeitszimmer. Klammern Sie die Servietten in chronologischer Reihenfolge an die Leinen. Sind alle Leinen voll, haben Sie eine sogenannte Storyline. Sind Sie eher der Bildermensch, der auf seine Servietten Figuren an Galgen und Blümchen kritzelt? Dann nennt man das Ganze ein Storyboard. Sie können jetzt sogar bunte Wollfäden zwischen einzelne Servietten spannen, um Figurenbeziehungen, Ortsverschiebungen und den Mondstand zu markieren.

Sie sind jetzt auf dem steinigen Weg des Schriftstellerns wieder ein Stückchen weitergehinkt. Seien Sie stolz auf sich. Ein einziges Frühstück - und schon können Sie Bauchdenken mit Hirnbenutzung abstimmen, Figuren und Lektoren zurechtweisen und ordentlich plotten. Sie haben alles über Mindmapping, Storylines und Storyboards gelernt, was Sie wissen müssen. Sie haben ganz nebenbei gelernt, wie man ordentlich mit Serviette frühstückt. Was will man für den Anfang mehr?

(c) by Petra van Cronenburg, all rights reserved

Unter dem Titel "Der fröhliche Schreibratgeber" wird die Autorin künftig in loser Folge die geheimsten Tricks aus ihrem Schreiblabor verraten. Kostenlos, unverbindlich und ohne Gewehr. Für Schäden an Persönlichkeit und Haushaltsgegenständen wird nicht verhaftet.

Kommentare:

  1. Haben Sie schon den Zusatznutzen Ihrer Technik entdeckt? In der Zeit, in der ich früher auf Verlage wartete kann ich jetzt Schmuckdöschen mit Servietten verzieren. Ich habe einen Stnad auf dem Weihnachtsmarkt gemietet. So verkaufe ich meinen Plot schon bevor das Manuskript verkauft ist!
    Kollegiale Grüsse, Karlo

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  2. Das ist ja fantastisch! So könnte ich auch Tante Erna zum Lesen meiner Bücher bringen!
    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. So ein interessanter Bericht! Gefällt mir sehr! Danke für den Genuss! Grüße! Klara

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