Zukunft Buch im Feuilleton

Wenn ich hier meinen eigenen Senf zur Zukunft des Buchs gebe, sind meine Gedanken natürlich nicht allein auf meinem Mist gewachsen - ich lese fleißig deutsche Branchenblätter, internationale Fachblogs und bin in zwei Fachgruppen bei Facebook, darunter der zu den Buchtagen in Berlin. Die sind jetzt auch beim Feuilletonpublikum angekommen, in der FAZ kann man nachlesen, wie Kulturredakteure einen solchen Kongress betrachten. Weil es mordsgefährlich ist, die FAZ zu zitieren, möchte ich sie lieber kommentieren (das haben sie nun davon): Der Untergang des Abendlandes steht natürlich wieder vor der Tür.

Trotzdem bin ich froh, dass ich keine Buchhändlerlehre machen musste, um überhaupt Bücher schreiben zu dürfen. Und mal ganz ehrlich: Ich bin auch froh, wenn sich diese sogenannte "Buchhandelskultur" mit ihren Fast-Food-Läden, den ewig gleichen Stapel-Doppel-Würgern und den Extra-Size-Schund-Menus endlich gesund schrumpfen wird. Mir ist mein engagierter, kluger, bemühter und bestens ausgebildeter Buchhändler, der auch seltene Bücher von kleinen Verlagen bestellt oder sogar im Laden hat, hundert Mal lieber. So, das musste mal raus. Und den restlichen Feuilleton-Jammerern, die kettenrauchenden Verlegern nachheulen, die sich einst im Hinterzimmer mit kettensaufenden Autoren trafen; die Oden auf Druckerschwärze und Bütten singen und beim Anblick eines E-Books die Apokalypse zitieren - denen möchte ich zurufen: Jammert doch bitte im eichengetäfelten Club weiter. Schwappt eure Angst nicht ständig über eine Öffentlichkeit, die längst über euch lacht. Bütten wird es weiter geben. Und wenn sich der Verleger und der Autor nüchtern bei Tchibo treffen - so what?

Ich mag dieses Entweder-Oder nicht. Entweder Gedrucktes oder Elektronisches. Entweder "ordentlich" Verlegtes oder "unordentlich" Selbstverlegtes. Entweder Buchhandel oder Amazon. Entweder Leser oder Filmegucker. Entweder durch Vertrag und Siegel geadelter Superprofi oder professioneller Dilettant. Natürlich gibt es in einer solchen Schwarz-Weiß-Welt den Kampf der Extreme, Mord und Totschlag. Da verlustieren sich Haie und neuerdings immer öfter die Kannibalen. Statt Lust und Leidenschaft - was für Bücher doch viel besser passen würde?

Ich persönlich glaube, dass sich der Markt auf recht natürliche Weise diversifizieren wird. Die Independent Szene eignet sich schon jetzt hervorragend für das Besondere, das Risikofreudige, für die Nische, für Bücher mit einem recht klar umrissenen Zielpublikum, das man heute zuweilen auch an völlig ungewöhnlichen Orten findet. Verlage werden wir trotzdem auch künftig brauchen: Für komplexe und aufwändige, auch teure Produktionen, für Stapelware, für die ganz hohen Auflagen, für Übersetzungen aus anderen Sprachen und vieles mehr.

Verlage werden sich vielleicht künftig wieder auf ihre Kernkompetenzen besinnen (???): Autoren und Bücher zu entwickeln und aufzubauen - das kann die Independent-Szene nicht leisten. Großverlage werden nebenher verstärkt zu Dienstleistern werden, Holtzbrinck macht es längst vor. Und Distributoren wie Amazon wandeln sich jetzt schon zusätzlich zum Handelsgeschäft zu Verlegern.

Direktvertrieb wird neben das Sortiment und den üblichen Buchhandel treten - bei vielen Literaturverlagen und kleineren Verlagen längst das Mittel der Wahl zum Überleben! Und vielleicht wird eines Tages ein Grossist einen solchen Weg integrieren und ebenfalls zum Dienstleister werden? Fast-Food-Buchläden könnten neben Luxusrestaurants für Bücher existieren - wenn es der Buchhandel denn schafft, auf die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser einzugehen, anstatt ihnen künstliche Bedürfnisse vorzuschreiben. Und warum sollen Bücher nicht eines Tages - wie in anderen Ländern auch - in Supermärkten oder Klamottenläden angeboten werden?

Verlage werden nicht aussterben. Nicht umsonst wollen so viele Independent-Autoren nicht einfach nur Autoren bleiben, sondern Selbstverleger werden. Schließlich kann man mit einem Verlag schon ein bißchen was bewegen, oder? Immer mehr Autoren werden aber auch nebenher (oft gezwungenermaßen) Händler ihrer eigenen Bücher. Die riesigen Onlinehändler haben das mit ihren Partnershops kapiert. Da wäre doch mal ein innovatives Geschäftskonzept denkbar?

Und vielleicht, vielleicht werde ich noch vor Gicht und Demenz und allerlei Alterswehwehchen eine Welt erleben dürfen, in der sogar eierlegende Wollmilchsäue wie ich einen selbstverständlichen Platz haben dürfen: Als Autorin, die zuweilen ihre Bücher selbst verkaufen muss, obwohl sie nicht mit Büchern handeln darf. Als "ordentlich" verlegte Autorin, die nebenher "unordentlich" selbst produziert - und im Brotjob hach so böse ein internationales Verlagsprojekt hochziehen hilft, in dem sie wiederum mit anderen schreibt, aber keine Bücher verkauft, obwohl sie das dort eigentlich wieder dürfte, aber dann Distributoren hat, die wiederum die anderen Bücher nicht ...

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