Hurenkinder und Schusterjungen in hohlen Gassen

Bisher glaubte ich, ich könne bei zu viel Buchkonsum irgendwann keine Buchstaben mehr sehen. Heute geht es mir genau andersherum: Man zeige mir noch einen einzigen zu breit geratenen Zwischenraum, ein überflüssiges Loch - und ich schreie. Nun ja, ganz so schlimm ist es nicht. Aber nachdem ich nun eh noch ein paar lächerliche Korrekturen in den Buchsatz eintragen musste, habe ich mir letzteren auch noch einmal zur Brust genommen. Hurenkinder und Schusterjungen gibt's bei mir ja normalerweise nicht, da bin ich berufsallergisch. Aber man kann das pdf selbst ausdrucken, trotzdem sieht man die Feinheiten in der Typografie der wirklich gedruckten Fassung einfach nicht so genau. Der Aushänger bringt es an den Tag - weswegen ich nie mit einem Hersteller arbeiten würde, der keinen liefert (ja, das gibt es).

Also habe ich noch einmal fleißig herumspationiert (moderne Menschen sagen "spacing") und kam mir vor wie der Gänsehirt, der seine Wortgänschen brav in Reihe zwingt. Auch immer wieder schön: hohle Gassen. Ich wusste zwar, dass man das sieht, wenn man einen Text von weitem anschaut oder vor Überarbeitung leicht schielt. Es sieht einfach unfein aus. Was ich nicht kannte, war jedoch die Gefahr, der ich meine Leser damit aussetzen würde: Sie können in Textgassen regelrecht die Seite herunterstürzen!

Gassen bilden sich, wenn in mehreren Zeilen Wortabstände genau untereinander sitzen oder diagonal laufen. Wenn man mit Spationieren nicht weiterkommt, hilft Tricksen mit kleinen Wörtern. Eine Wonne, wenn man im Fremdtext, etwa bei einem Interview, tricksen muss. Da hilft nicht jedes Wort! Unauffällig muss es sein, darf den Text nicht verändern, aber auch nicht so floskelhaft sein, dass der Interviewte sich beschwert, er würde solche hohlen Wörter nie benutzen. Und das alles nur gegen hohle Gassen ...

Nun hoffe ich, das Schlimmste bereinigt zu haben, soweit Word das zulässt. Noch viel mehr hoffe ich, durch die Korrekturen nicht neue Fehler einkorrigiert zu haben (don't touch running systems). Auf der anderen Seite bin ich riesig stolz: In meiner gesamten Autorenlaufbahn hatte ich noch niemals derart fehlerfreie Fahnen, noch nie, von keinem Verlag. Allerdings liegt das auch nur daran, dass Arbeit aus einer einzigen Hand gewisse Fehlerquellen durch Übertragungswege ausschließt. Aber das ist im Verlag gar nicht machbar.
Und nun sehe ich alles, was nicht perfekt ist, noch deutlicher.

Vorhin schlug ich ein Buch von Suhrkamp auf und fand unschöne Blocksatz-Spationierungen in letzten Absatzzeilen. In einem Krimi von Piper fiel ich einen ganzen Absatz lang durch eine Gasse. Irgendein Verlag sparte sich Einrückungen, krampfte aber mit niedlichen Kapitälchen. Ich will meine alten Augen zurück!

Merkt jemand etwas? Ich rede mir nur meine Angst schön. Ich kann die korrigierte Datei nicht noch einmal korrigieren. Irgendwann ist Schluss. Irgendwann muss man mit dem dämlichen Abstand auf Seite X leben, den man ja nur vergrößert hatte, damit kein Hurenkind weint ... Irgendwann muss man sich sagen, dass gleich der erste Leser einen Druckfehler finden wird, den alle Beteiligten vorher gemeinsam überlesen haben.

Und irgendwann ist sogar die 30,96 MB-Datei in die Herstellung übertragen.
Was ich damit sagen will: Ich habe das Imprimatur erteilt. JETZT.
Rien ne va plus.

In einer Woche etwa - so das Sortiment nicht schnarcht - kann man den Nijinsky bestellen. Ähm, toitoitoi!

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