Gänsehautmusik

Einer meiner liebsten Radiosender zum Autofahren ist France Musique. Es gibt nichts Schöneres, als mit Schostakowitsch Haarnadelkurven auf einen Berg hinauf zu kurbeln, mit Mozart auf der Autobahn oder mit Tschaikowsky über Land zu fahren. Der Sender kann aber auch gehörig nerven. Neuerdings spielt er, sobald ich nur den Motor gestartet habe, irgendeine Ballettmusik der Ballets Russes. Das ist so schlimm, dass ich manchmal erst tief durchatme und den Schlüssel zwei Minuten später umdrehe; aber keine Chance, kein Entkommen. Heute war es Debussys L'Après-midi d'un faune. Mit dem fängt das bewusste Buch an, dessen Aushänger wieder nicht in der Post war (aber seit 5 Tagen mit derselben herumgondelt) ... Wie soll man bei so einem Programm abschalten und innere Gelassenheit aufbauen!?!

In der Pause haben sie sich dann meiner Nerven erbarmt und ein russisches Schlaflied gebracht, am hellichten Mittag. Und das habe ich beim Haarnadelkurvenschrauben selten: Gänsehaut, die an den Füßen anfängt und sich wellenförmig bis zum Kopf ausbreitet. Welch ein Bass! Ein Charisma in der Stimme, das man nur selten hört. Der Sprecher brachte mich dann zum Grinsen: Boris Christoff hatte da gesungen, Lieder von Glinka. Sie können es einfach nicht lassen. Glinka ist der heute recht unbekannte Komponist, nach dessen Musik Nijinsky ... jeder weiß, was jetzt kommt. Boris Christoff ist auch ein Beitrag in meinem Nijinsky-Blog gewidmet. Leider war die Pausenmusik beim Sender nicht mehr zu eruieren, da gab es etwas Todtrauriges über Soldaten, Tod und Liebe - aber das Schlaflied habe ich bei youtube gefunden, mittlerweile eine Fundgrube für seltene historische Aufnahmen!


Ich bin natürlich nicht am Steuer eingeschlafen, sondern in einem reizvollen Städtchen gelandet, in dem es von August bis September noch mehr Gänsehautmusik geben wird! Die ist so exquisit und außergewöhnlich, dass ich alle dazu einladen möchte:

Wissembourg (an der deutsch-französischen Grenze zur Pfalz) feiert wie jedes Jahr sein internationales Musikfestival vom 25. August bis 11. September 2011 in der Kirche St. Jean

Programm (deutsch)

Das auf Kammermusik spezialisierte Festival ist inzwischen nicht mehr ganz so ein Geheimtipp, das Stammpublikum reiste im vergangenen Jahr von Frankfurt, Mannheim, Stuttgart oder dem Bodensee an, aus Innerfrankreich natürlich auch - und das erste schon fast familiär vertraute Quartett hat es in diesem Jahr ins Festspielhaus Baden-Baden geschafft. Was mich dabei fasziniert, ist die Mischung zwischen Musiker-Neuentdeckungen und großen Talenten, die man in einer Stadt wie Wissembourg nie vermuten würde - und ein Programm, bei dem auch eher selten gehörte Komponisten zu entdecken sind. Und nur selten ist man den Musikern räumlich derart nah.

In diesem Jahr kommen die Musiker aus Frankreich, Russland, Tschechien, Polen und der Schweiz - besonders gefeiert werden die Streichquartette - und da sind angesagt Atrium (Berlin / Petersburg), Gringolts (Zürich), Raphael (Paris), Szymanowski (Hannover) und Zemlinsky (Prag).
Wie der Name des einen Quartetts schon sagt, wird es viel vom polnischen Komponisten Karol Szymanowski zu hören geben, der Mahler-Fans gefallen könnte. Entdecken lassen sich aber auch Komponisten wie Faure, Chausson, Szamotuly, Janacek oder Fasil Say - während die "üblichen Verdächtigen" von Wagner über Beethoven, Bach, Brahms, Rachmaninov, Prokofieff oder Schostakowitsch nicht zu kurz kommen.

Im letzten Jahr bin ich durch das Festival süchtig nach Schostakowitsch geworden, mein Geheimtipp: Wenn der russische Pianist Peter Laul wieder seine Schostakowitsch-CDs mitbringt, die es nur in Russland gibt, kaufen!!! Und live von unterschiedlichen Interpreten beim Festival hören. Die romanische Kirche bietet nicht nur perfekte Akustik, sondern ist für die Bühne als Ambiente wie geschaffen - in rosenrotem Vogesensandstein.

Übrigens - wer mir vorher Bescheid gibt, könnte mich vielleicht bei einem Glas Sekt in der Pause treffen, ich treibe mich da ziemlich oft halb beruflich und voll Begeisterung herum. Im letzten Jahr habe ich es sogar geschafft, an einem Tag so etwas wie einen Musikkater zu entwickeln...

Überhaupt wird es für mich persönlich ein sehr wichtiges Festival werden, weil sich ein ganz besonderes, verrücktes Ereignis jährt. Wenn man mir im vergangenen Jahr gesagt hätte, dass ich in diesem Jahr mein Nijinsky-Buch den Menschen überreichen kann, die mich zur Produktion "aufgehetzt" haben - ich hätte es nicht geglaubt. Ich habe ja nicht einmal glauben können, dass ich verrückt genug wäre, meinen Traum aus eigener Kraft (und mit wunderbarer Unterstützung) in die Wirklichkeit zu bringen. Da sind wir schon wieder bei Nijinsky. Aber ungelogen, das "blaue Buch" nahm bei diesem Festival seinen Anfang...
 Die richtigen Begegnungen zur richtigen Zeit können anscheinend ein Leben verändern.

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