Klappentexte zum Wegwerfen

Unlängst beging ich einen großen Fehler. Ich versuchte, in einer Buchhandlung auf die Schnelle kurz vor Ladenschluss eine Bettlektüre zu ergattern, indem ich mich bewusst nur am Cover und Klappentext orientierte. Oweia!

Auf dem Bestsellertisch wurde ich erst einmal vom psychedelisch-retro-avantgardistischen Farbgrauen übermannt. Brombeereisrot kämpfte gegen Lilaglimmer, Goldprägedruck erschlug Blaugrüngelbbraun und außer Diogenes und ähnlichen Verdächtigen war kein Verlag erkennbar. Inzwischen scheint man sogar die Grafiker als Leiharbeiter reihum zu schicken, selbst die wirklich aus dem Rahmen fallende literarische Tana French bekommt die gleichen Trendcover, die man bei der Konkurrenz im Billigsektor schon über hat. Ansonsten: Mittelalter, Wolken, Barbiefrauen, präraffaelitische Frauen, Frauenbeine, Frauenbäuche, Schmachtefrauen, kopflose Frauen...

Nun gut. Augen zu und durch, nach Namen gesucht. Einen hatte ich mir notiert, eine literarische Entdeckung seines Landes sollte er sein, dort Bestsellerautor - und die bekannte Übersetzerin versprach Qualität. Dafür würde ich auch das "Premium-Taschenbuch" mit Kitschbildchen und Klischee ertragen. Premium Taschenbücher bestehen aus nichts anderem als mehrfach aufgeblasenem Papier, sie wirken dadurch dicker und schwerer und werden deshalb teurer verkauft - auch wenn man lieber Inhalt hätte als Gewicht.

Ein Blick in den Klappentext entmutigte mich vollends. Schöne Frau, gefährliche Liebe, Hingerissensein, Bedrohung, noch mal die Schöne und feurig der Liebhaber und eigentlich zwei Liebhaber und Liebe ... danke, meine Damen und Herren Klappentexter, ich wollte eigentlich einen literarischen Krimi erstehen, keinen Billigschmachtfetzen aus dem Heftchengenre!

Nächster Krimi: Ein Mord! Schau an. Wer hätte das gedacht! Ein brutaler Mord. Oha. An Frauen und Mädchen. Ein Serienmörder, brutal mordend, geht um. Soso, nicht schon wieder! Und nun geht der Mann auch noch um wie ein Gespenst... Aber Achtung, jetzt kommt's: Unser Held, der Ermittler, tut alles, um ihm auf die Spur zu kommen! Und ich tue alles, um diesem Buch zu entgehen.

Sollte ich jetzt zu den zwei verschwundenen kleinen Jungs hinter einem Cover greifen, das aussah wie ein Schiffsuntergangsroman aus Nazideutschland? Oder lieber den verschwundenen Jungen und das verschwundene Mädchen mit den kleinen Rabensilhouetten wählen? Auch Morde in Hotels gab es genug, einer so langweilig klappengetextet wie der andere. USP im Krimi? Bloß nicht!

Verzweifelt griff ich zum langweiligsten Buch, das ich im Getümmel ausmachen konnte. Es war einfach nur rot. Mit einem comicartigen Koffer drauf. Und im Klappentext kam auch nur ein Koffer vor. Von sieben Sätzen sagten fünf Sätze, dass es da einen Koffer gäbe, einen Koffer unter einem Bett, einen Koffer, der geöffnet würde. Ich habe das Buch gegrapscht, weil es so verdammt langweilig aussah und klang. Aber irgendwie hatten es mir die hellgrünen finnischen Acrylsocken angetan, die im sechsten Satz aus dem Klappentextkoffer quollen.

Gerade noch einmal die Kurve bekommen. Das Buch war nämlich höchst vergnüglich und absolut kurzweilig geschrieben, wenn man das überhaupt über ein hochpolitisches Buch eines Systemkritikers sagen kann. Aber seine absurden Geschichten aus dem Sowjetrussland der Siebziger sind so brillant und witzig erzählt, wie es weder Cover noch Klappentext vermuten lassen. Mein Tipp fürs Urlaubsgepäck:
Sergej Dowlatow: Der Koffer. Dumont.
Aber nur nicht süchtig werden. Der Autor, dessen Druckstöcke einst der KGB vernichtete und der Ende der Siebziger in die USA emigrierte, starb nach einem alkoholreichen Leben schon 1990 am Herzinfarkt.

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