Sabbat adieu!

"Ah Monsieur, das hat man noch nie gemacht, das ist unmöglich!"
Das hat einst der Leiter der Pariser Oper zu Sergej Diaghilew gesagt, bis dieser ihm den Marsch blies. Diese Szene ist mir seit bald einem Jahr eine Warnung für meine eigene Arbeit. Was würde passieren, wenn ich auf all die Bedenkenträger und Risikoscheuen hören würde! Ich fühle mich zu alt, um abzuwarten. Das ich komplett spinnen würde, habe ich mir aber selbst von Freunden und Verwandten anhören müssen, als ich für eine "verrückte" Idee nicht gerade hungerte, aber doch im Winter fror und bis in die Nächte arbeitete.

Nach dem brutalen letzten Jahr wollte ich mir selbst eine Auszeit finanzieren, ein "Sabbatsemester", in dem ich die mir am meisten am Herzen liegende Idee verwirklichte - das Buch über Nijinsky. In dem ich außerdem neue und mir noch fremde Dinge ausprobierte (vor allem Social Media und die dafür völlig andere Art von PR), jede Menge lernte und testete und mich so richtig instensiv mit dem Buchmarkt beschäftigte - von Seiten her, über die ich als Autorin sonst selten nachdachte. Auf diese Weise habe ich mir zwar nicht das Heizöl für den nächsten Winter erwirtschaftet, aber geistige Freiheit. Ich habe immer mehr gewagt, zum Schluss ein paar Visionen entwickelt, aber ich konnte nicht abschätzen, wohin mich der Weg führen würde.

Heute hat sich der letzte Kreis geschlossen. Das Sabbatsemester ist damit offiziell zu Ende. In den letzten Tagen sind Dinge passiert, die ich mir nie hätte träumen lassen. Immer haben sie mit Begegnungen von Menschen zu tun, mit fast magischen Zu-Fällen, die sich aber bei näherem Hinsehen als harte Arbeit über eine lange Zeit entpuppen. Die Polen haben es mir einmal erklärt, wie deren Wort für Zufall zu denken ist: Die Chance läuft parallel neben dir her. Natürlich schneiden sich Parallelen nie. Also musst du dich selbst ein wenig auf den Zu-Fall hin bewegen und wenn es nur ein winziges Stückchen ist - der Zu-Fall, la chance, wird dir dadurch begegnen. Früher oder später schneiden sich zwei Gerade, die nicht mehr parallel sind. Im Deutschen macht man das ein wenig radikaler: "die Gelegenheit beim Schopf packen." Da muss man die Gelegenheit schon erkennen, ganz nah dran sein, sich also furchtbar viel Gedanken im Vorfeld machen. Im Polnischen ist es eher ein Gleiten und dann springt einen dieser Zu-Fall (przypadek) unverhofft an.

Noch ein Wort schwirrt mir im Kopf herum und ich kann es nur auf Französisch richtig rund empfinden, weil die Deutschen dafür so viele verschiedene Wörter haben, die es nie ganz treffen: persévérance. Das kann man übersetzen mit Ausdauer, Beharrlichkeit, Fortdauer, Beständigkeit. All das liegt in diesem einen Wort. Es kommt aus dem Lateinischen, von persevere. Da hat es mehrere Richtungen: per - durch etwas hindurch, etwas durchdringend. Aber auch im Sinne von immer wieder, immer weiter: fortfahren, etwas fortsetzen, nicht damit aufhören. Es heißt "standhaft beharren", auf etwas bestehen - aber auch: eine Sache kontinuierlich und ohne Unterlass verfolgen. Dran bleiben. Immer wieder beginnen, nach jeder Schlappe, jedem Scheitern. Ein perseverus ist "ein sehr Strenger". Das bedeutet: jemand mit Disziplin. Wenn mich jemand fragt, was man als Künstler oder Schriftsteller oder Unternehmer mitbringen muss, um Erfolg zu haben, antworte ich am liebsten: persévérance.

Umso schöner ist es natürlich, wenn man diese Theorie bestätigt fühlt. Wenn Hartnäckigkeit, die für Außenstehende manchmal fast wie Fachidiotie oder Verbissenheit wirken mag, eines Tages zu Zielen führt. Natürlich tut sie das dann am ehesten, wenn vorher die nötige Portion Realismus die Visionen machbar hat werden lassen.

Schwatzen wir nicht lange um den heißen Brei: Alles, was ich im vergangenen halben Jahr Neues gelernt habe, brauche ich jetzt im "Brotberuf". Und dazu gehört auch das Abenteuer, ein Buch von Anfang an bis hin zur Druckerei selbst produziert zu haben. Spaßhalber habe ich vorhin auch meine persönliche Formel mit "P-BB-P" bezeichnet - eine Art geografischer Fokus künftigen Schaffens. Paris - Baden-Baden - Petersburg. Das macht sich gut, wenn auch die Kilometer im Westen etwas zu weit gegriffen sind. Aber die drei Länder stimmen, das interkulturelle Arbeiten stimmt und die Kulturinhalte stimmen auch. Mein Leben lang Grenzgängerei und Kulturen- und Sprach-"Hopping" als Faszination. Und nun kann ich es ausleben.

Heute wurde nun ein binationaler Grundstein der besonderen Art gelegt. Die Idee schwelt aufgrund des Erfolgs meines Elsassbuchs ja schon länger, war aber mit herkömmlichen Mitteln nicht zu verwirklichen. Die Fans dieses Buchs werden sich freuen können ... Gemeinsam mit einem französischen Team wird es nun konkret. Wir konzipieren und schreiben eine Reihe zweisprachiger, bikultureller Bücher auf ungewöhnlichen Wegen bis hin zum Vertrieb. Natürlich kann ich nicht mehr verraten. Aber ich schlage nun drei Kreuze darauf, dass ich einem Verlag ein Angebot für ein Elsassbuch abgesagt und mich von konventionellen Schienen verabschiedet habe.

In gewissem Sinne bin ich damit brotberuflich plötzlich Verlegerin und Autorin, obwohl die Konstruktion eine andere sein wird. Und "nebenbei" darf die Autorin dann als Hobby andere Sachen schreiben und auftreten. Und das habe ich bereits jetzt im kleinen Finger - da wird der Nijinsky noch massive Folgen haben.

Kurzum: Reich und berühmt werde ich wieder nicht. Aber ich habe den schönsten Beruf der Welt. Auf Europlais. Wobei ich jetzt doch langsam auch mal wieder mein rudimentäres Russisch aufpolieren könnte...
Jetzt muss nur noch der Nijinsky fehlerfrei aus der Druckerie kommen, dann platze ich vor Glück.

Ach ja, noch etwas habe ich im Sabbatsemester gelernt: Die Zeit der Elfenbeintürme und stillen Kämmerchen ist endgültig vorbei. Projekte für Menschen bewegt man mit Menschen. Und man bewegt nie alleine...

Kommentare:

  1. Als eine, deren Sabbatjahr noch andauert, lese ich diese Werkstattberichte immer sehr gerne - und ich freue mich über die Parallelen: Auch ich entwickle mich gerade zur (Co-)Verlegerin.
    Eigentümlich, dass so viele Menschen unter einem Sabbatjahr oder -semester so etwas wie einen verlängerten Urlaub verstehen und sich dann wundern, dass man ständig arbeitet - nur eben selbstbestimmt.
    Viel Efolg mit der in jeder Hinsicht grenzüberschreitenden Buchreihe - die Idee klingt großartig!

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  2. Die Erfolgswünsche gebe ich aber gleich zurück für das Crowdfunding zum Autoimmunbuch! Dem wünsche ich schleunigst noch die restlichen Unterstützer zu den 100%. Leute, einfach "Andrea Kamphuis" anklicken für mehr Infos!
    Übrigens ist das in meinen Augen die Schwäche von Crowdfunding, dass Geld nur fließt, wenn 100% finanziert sind - schade eigentlich, gerade für Bücher, die gegen Musiker und Filmemacher durchkommen müssen.

    Und - nun ja, viele Menschen glauben auch, dass Freiberufler bei schönem Wetter ständig am Pool liegen ;-)

    Ich kann ein Sabbatsemester oder Sabbatjahr mit festem Projekt und Plan inzwischen nur empfehlen. Allerdings ist es gefährlich. ;-) Wenn man mir vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich vielleicht einmal die Seiten wechsle und das auch noch im Ausland, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. Allerdings bewundere ich die offeneren Strukturen im französischen Buchmarkt. Da ist viel mehr möglich und selbstverständlich als in Deutschland. Vor allem gibt's nicht diese Igitt-Schreie, wenn man etwas anders anpackt.

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