Zwangsschreiber?

Wer hat eigentlich diesen schlauen Ausspruch "sag niemals nie" geprägt? Um mich herum brüllen Chaos, Extrembelastung und ein Berg an Aufgaben, der auch einen Elefanten in die Knie zwingen würde; den Kreislauf hat es schon zweimal zu Boden gebracht. Es gibt gewisse unerschütterliche Dinge, die Halt bieten und wie Balsam wirken: gute Musik, Kunst und Schönheit, das Laufen in der Natur. Und dann schreit sie wieder, die Überschwemmung im Kopf, der man mit To-do-Listen und Terminkalender zu Leibe zu rücken versucht. Mit gesunder Dissoziation sorgt das Leben für ein Überleben im Listendasein.

Jeder reagiert wohl anders, wenn die Belastung an kaum aushaltbare Grenzen gerät. Bis gestern dachte ich, ich könne das auch, wie ein "normaler" Mensch reagieren, dem theoretisch alle Wege offen stehen: vom Durchdrehen mit anschließender Therapie bis zum Erholungsaufenthalt im Zenkloster. Aber dann ertappte ich mich: Ich bin nicht normal. Aus meinen To-do-Listen wurde ein Heft (angeblich praktischer), das man wohl eher ein Skizzenheft nennen sollte. Lyrische Passagen, Eindrücke, literarische Textfragmente und immer wieder die Termine; die Dinge, die ich erledigen muss. In einer Situation, in der eigentlich nichts mehr geht, in welcher der Mensch gefährdet und bloß vor sich selbst dasteht, fällt mir nichts besseres ein, als zu schreiben! Ich würde krank, wenn ich es nicht mache.

Mir ist das nie so bewusst geworden, was Schreiben für mich bedeutet. Dass es nicht einfach ein nettes Hobby ist oder ein "Job", war mir klar. Es erstaunt mich jedoch, dass es für mich so absolut überlebenswichtig ist. Es wundert mich, wie sehr sich ein Mensch im Schreibvorgang selbst strukturieren kann und auch am Leben erhält, sich selbst aus dem Schreiben speist. Diese Schriftstellerei ist existentiell, sie ist Leben, weil sie Leben spiegelt, bricht und immer wieder neu zusammensetzt. Ist Schreiben dann wirklich "nur" eine Begabung? Mir kommt es eher vor, als sei ich mit dem Schreiben geschlagen: Es gibt kein Entrinnen; keine Welt, die nicht erschrieben werden könnte und müsste. Es ist wie Atmen. Man kann beschließen, für eine Weile die Luft anzuhalten. Man kann trainieren, die Luft etwas länger anhalten zu können. Aber dann kommt der Moment, wo man spürt, jede weitere Minute ohne Luft wäre der Untergang. In diesem Moment ringt man nach Luft und atmet, atmet so tief und intensiv, als müsse man für zwei atmen.

Jeder vernünftige Mensch greift sich an den Kopf: Wie kann sie jetzt auch noch im Blog schreiben? Es ist ein anderes Schreiben als in jenem Heft. Das Wissen um mögliche Leser strukturiert die Gedanken anders, man formuliert sauberer aus, überprüft sich an einem potentiellen Gegenüber, geht in Distanz zum eigenen Emotionsgeblubber. Brauchen Schriftsteller auch darum Leserinnen und Leser? Wenn diese kreative Ursuppe zu sehr schwappt, überschwappt, dann ist es hilfreich, sich vorzustellen, man erzähle irgendjemandem davon. In der Ursuppe bilden sich darum Buchstabennudeln, der Brei wird womöglich genießbarer.

Denn auch in den eigenen Texten könnte man ersaufen, weil man ja so intensiv und tief atmet. Und weil solche Texte manchmal etwas von einem Ozean haben, weil sie Dinge an Land spülen, die einen verwundern oder ratlos lassen, weil sie Geheimnisse bergen, die man selbst nicht erahnt. Und so strukturiert sich der Schreibende durch sein Schreiben zu einem Schriftstellerleben und strukturiert gleichzeitig sein Schreiben durch andere Leben, angenommene und zufällige. Vielleicht liegt hier das Geheimnis, warum manche Bücher Leben enthalten? Echtes Leben, kein Abziehbilderdasein.

Kommentare:

  1. Liebe Petra,
    das Wort 'Zwang' finde ich in Ihrem Fall unpassend. Da Sie richtig dosieren können und im für Sie passenden Medium auflösen, ist das Schreiben in so einem Fall für Sie Medizin.

    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft, die Gedanken, Gefühle und die Aufgaben in den Bereich des Erträglichen zu lenken. Da ist jedes Mittel recht!

    Gruß Heinrich

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  2. Hallo Petra,

    ich habe gelesen und auf "Applaus" geklickt....und dann überlegt, wofür genau ich applaudiert habe. Sprache? Ja, aber Deine gefällt mir eigentlich immer, also kein Kriterium!

    Mir hat gefallen, dass Du mir bestätigt hast, dass jeder seinen eigenen Weg hat, mit solchen Situationen fertig zu werden. Bei Dir ist es das Schreiben. Und das, obwohl es Zeit kostet. Ich wünsch Dir, dass Du immer das Zipfelchen Zeit übrig haben mögest, das Du brauchst.

    Liebe Grüße

    Sabine

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  3. Gestern Abend, beim Lesen deines Rosenbuches, habe ich an dich gedacht. Es war eine besonders interessante Stelle, über die wir uns schon mal ausgetauscht hatten (Nero&Co). Da habe ich auch etwas von diesem "Atem" gspürt.

    Herzlichst
    Christa

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  4. @Heinrich
    Danke für die guten Wünsche, die kann ich wahrhaftig brauchen!

    @Sabine
    Ich denke, dass es auch für schreibende Schreiber noch mehr Wege geben muss. Schreiben ersetzt ja bekanntlich keine komplette Therapie, obwohl dieser Irrglaube herumgeistert.
    Ich beherzige jedenfalls derzeit fleißig und so gut es geht, was Christa in der letzten Zeit über Burn-out gebloggt hat - und kann das jedem nur empfehlen, obwohl ich trotzdem jede Minute das Gefühl habe, ich falle gleich um...

    Kostet Schreiben Zeit? Da habe ich eine ganz andere Theorie. Zeit würde es mich kosten (nämlich nachträglich), wenn ich mich zerfaserte, blindlings schuftete und funktionierte oder mir keine freie Minute für mich selbst und mein Seelenwohlbefinden gönnte.
    Und schließlich wachsen aus dem größten Textmist bekanntlich eines Tages Bücher ;-)

    @Christa
    s. obiges Dankeschön.
    Wenn Leser diesen "Atem" spüren, ist das für mich immer wieder ein Mysterium. Weil man es weder planen, wollen noch handwerklich konstruieren kann.

    Tatsächlich waren Nero und Elagabal für mich absolut plastische Figuren geworden, nachdem ich sie vom Dreck der Propaganda etwas entstaubt und kräftig gegengebürstet hatte.

    Dann werden das plötzlich Menschen und ich arbeite wie ein psychologischer Detektiv: Warum ist der so geworden, was regte wen warum auf, welche Schuld trugen die anderen, was könnte er uns erzählen, wenn wir wirklich hinhören?

    Ich denke, da haben Sachbuchautoren eine ähnliche Figurenarbeit vor sich wie Romanautoren, mit dem Unterschied, dass man jeden Nasenpopel mit Fakten belegen muss. ;-)

    Herzliche Grüße an alle,
    Petra

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