Dreckfinger mit Datensalat

Irgendwie kann ich nichts anfassen oder neugierig hinterfragen, ohne dass gleich ein Unternehmen daraus wird. Nennen wir es "Unternehmen persönliche Backlist". Wer hier mitliest, wird erfahren haben, dass ich vergriffene Bücher von mir wieder zugänglich machen will, mich aber außerdem brennend für moderne, gern auch multimediale Veröffentlichungsformen interessiere - für Texte, die gar nicht geeignet für herkömmliche Verlage wären. Also recherchiere ich fleißig, welche Techniken es gibt, welche Plattformen und Möglichkeiten, vor allem aber, wie die Erfahrungen der Autoren jenseits von PR-Gedöns und Jubelanzeigen aussehen.

Gleichzeitig kam ich auf die wahnsinnige Idee, meine alten Dateien zu suchen. Man sollte doch über die Jahre immer alles fleißig auf neueste Technik konvertieren - und vor allem über all die Computer hinweg "migrieren". Die erste Überraschung: Der alte Computer, dessen Dateien ich endlich mal sichern wollte, lässt sich nicht mehr einschalten. Der Computerdoktor wird sich freuen. Ein uraltes Laptop mit sich verdunkelndem Bildschirm und einer Geschwindigkeit wie in der Steinzeit spuckte nur aus, dass die Dateien auf einer noch älteren Festplatte liegen könnten.

Nun bin ich ja ein Back-up-Junkie aus leidvollen Erfahrungen. Und tatsächlich fand ich meine ersten Buchdateien. Auf wabbeligen, vollig verstaubten, riesigen Floppydisks und - damals der letzte Schrei - Iomega-Discs, die heute in keinen Schlitz mehr passen. Mir fiel ein, dass noch heute ein Backup meines Erstlings in Warschau in der Ulica Platnicza in einem Blindraum eines Speichers auf den Wasserrohren versteckt lagern müsste, als Schwabbel-Floppy. Damals war ich nicht nur Backup-Junkie, sondern auch noch voller Panik vor Diebstählen.

Merke: Für eine Backlist braucht man Backups. Lesbare, wenn möglich.

Viele Erfahrungen und Hilfen kann man bei Richard C. Breuer finden, den ich ja zum Selbstverlegen interviewt hatte. Er ist einer derer, die testen, was geht - in seinem Blog schreibt er darüber.

Merke: Selbstverlegen macht verdammt viel Arbeit und will gekonnt sein.

Bei der persönlichen Backlist bereits veröffentlichter Autoren haben diese natürlich einen großen Vorteil: Sie haben das Buch schon einmal geschrieben. Mit ein wenig Technik-, Layout- und Grafikkenntnissen ist es also schnell neu aufgepeppt.

Merke: Es lohnt sich, bei Verlagsverträgen die Ebookrechte und evtl. andere zu behalten. Denn ein Ebook kann wirklich jeder selbst produzieren. Das schützt vor "Verschenkaktionen" und lächerlichen Honorarmargen - die Plattformen bieten mehr.

Merke: Man braucht keinen "Wohltäter" Google, um vergriffene Bücher wieder anzubieten. Man kann selbst damit verdienen und darüber bestimmen.

Ansonsten bin ich noch im Dschungel der Angebote gefangen. Vorab bildet sich der Trend heraus, dass in den USA und Japan die tollsten Sachen möglich sind, bis hin zum Hörbuch oder der Video-DVD on Demand und sogenannten Flash-Fiction Ministories auf dem Handy. Und tatsächlich kann man dort auch richtig Geld damit verdienen. Erfolgsautoren wie Albers, die im deutschsprachigen Raum herumgezeigt werden, entpuppen sich als Profis mit Finanzpolster, die sich allerhand Zusatzdienste gekauft haben - also eher kein gangbarer Weg für Otto-Normal-Autor. Stattdessen berichten mir Autoren privat von jämmerlichen Verkaufszahlen bei rein digitalen Formen, die allerdings in der letzten Zeit etwas anziehen. Handy-Flash-Abos habe ich bisher ausschließlich im Ausland gefunden. Auch hier scheint im deutschsprachigen Raum die Idee verbreitet zu sein, man könne Printtexte einfach auf ein anderes Medium übertragen, anstatt fürs Medium zu schreiben. Autorenberichte lesen sich entsprechend erschreckend. Und die meisten topmodernen technischen Anwendungen wenden sich auf der Webseite ausschließlich an Verlage - in Autoren wittert offensichtlich kaum einer ein Geschäft.

Merke: In einem globalen Markt auch im Ausland schauen! Aber darauf achten, ob deutschsprachige Leser dort kaufen.
Merke: Klicks und Verkaufsränge in kritische Relation setzen und davon Zahlenillusionen abziehen.
Merke: Nicht alles, was bei Nerds bekannt ist, kennen auch die Leser.

Ebenfalls auffällig: Wer knallharte Fakten herausfinden möchte, verliert sich oft in schönfärberischem Gesabbel, ausweichendem Gerede, in völlig abstruser Navigationsführung und Unübersichtlichkeit. Den Vogel schießt bei mir derzeit die Kindle-Plattform von Amazon USA für Autoren ab, für die man vorher ein Studium in angewandter Amazonienkunde absolviert haben sollte. Aber immerhin, trotz 30% Pauschalsteuerabzug in den USA und Provision für die Plattform bleibt am Ende vom Ebook viel mehr für den Autor, als es ihm deutsche Verlage derzeit bieten. Amazon Deutschland hat so etwas natürlich noch nicht...

Merke: Time is Money. Investment in Recherche vorsehen...

Absolut ärgerlich ist für mich außerdem die Diskrepanz zwischen vielbeschworener Supermodernität und der rigiden Monokultur dahinter. Und da sollte man sehr genau hinschauen, was man bekommt. DRM gibt es nämlich nicht überall - und wer bei locker ins Netz gestellten Daten glaubt, dank Urheberrecht der Piraterie zu entgehen, ist naiv wie ein Baby. Dann doch gleich das pdf auf der eigenen Webseite verschenken. Gerade bei Ebooks und Readern ist nicht alles kompatibel, einen einheitlichen Standard gibt es (noch?) nicht und Anbieter puschen eher das eigene System, den eigenen Reader, anstatt Autoren- oder Leserinteressen. Wer alles auf einmal will, muss lange suchen. Das gilt leider auch für Bezahlsysteme. Vom Scheck in US-Dollar, der frühestens sechzig Tage nach Verkauf abgerechnet wird, bis zur Monokultur von Paypal (ein absolutes No für mich dank einiger Erfahrungen) wird nur selten wirkliche Vielfalt für die Autoren angeboten, obwohl es doch wirklich schon seit Jahren Kreditkarten gibt, mit denen ich als Leser fast überall bezahlen darf.

Merke: Gut überlegen, welche technischen Standarts bei den eigenen Lesern gefragt sind.
Merke: Gut überlegen, wem ich wie mein Geld anvertraue, und Margen vergleichen.
Merke: Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und noch gilt im digitalen Bereich: Prinzip Hoffnung statt Hype.

Noch dauert meine Recherche an, eindeutig fündig bin ich nur im Printbereich geworden. Da ist BoD mein Mittel der Wahl und besticht mit einem sehr genauen Kostenkalkulator. Der zeigt einem auch schnell, wo es sich lohnt: Für private Fotobücher, für Fachbücher, Sachbücher und "kurze" Bücher. Belletristik und Schmöker mit über 200 Seiten rechnen sich nicht - die notwendigen Endpreise würden wohl nur die wenigsten Leser zahlen. Da wären Druckereien in Osteuropa als Wahl nicht übel oder man bringt den Schmöker wirklich als Ebook.

Dies als chaotischer Vorabüberblick. In ein paar Jahren werde ich über meine Anfängersucherei lächeln. In ein paar Jahren werden wir einen anderen Buchmarkt haben.

1 Kommentar:

  1. Da hat sich jemand aber wirklich Mühe gegeben...

    Danke für diesen Artikel :)

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