Der Grenzgängerweg

Grenzgängerei in jedem erdenklichen Wortsinn ist schon fast so etwas wie ein Lebensthema für mich - und den LeserInnen hier als feste Rubrik vertraut. Nun sind Spuren von Grenzgängerei auch in der Landschaft zu sehen. Nächste Woche wird der "Grenzgängerweg" eingeweiht werden, der die elsässische Gemeinde Wingen (ab Col du Litschhof) und die pfälzische Gemeinde Nothweiler verbindet. Über die deutsch-französische Grenze hinweg wandert man größtenteils durch Wald mit herrlichen Aussichten in den beiden Naturparks Nordvogesen und Pfälzerwald, die von der UNESCO als Biosphärenreservat klassifiziert sind.

Die Grenze ist dementsprechend auch Grundthema des Weges: Wanderer begegnen dem Phänomen unterschiedlicher Rechtsformen von Grenzen ebenso wie Geschichten um Grenzen in Köpfen, um Grenzgängerei und Naturgrenzen, vor allem aber den grenzüberschreitenden Reichtum an Kultur, Geschichte und ökologischen Nischen. Dabei sollen die Schilder nicht von der Natur ablenken, sondern sinnlich erfahrbar neugierig machen, den Blick weiten, vielleicht sogar verändern - und auch den Kindern etwas bieten. Eine ausführliche Broschüre zum Weg ist in Vorbereitung. Selbstverständlich ist alles zweisprachig zu lesen, wobei wir Wert darauf legten, uns nicht "Wort für Wort" zu übersetzen, sondern adäquat in beiden Sprachen die gleichen Dinge zu beleuchten.

Auftraggeber waren die beiden Kommunen, beteiligt waren alle, deren Logos auf den Schildern prangen (und die ich mir hier spare), kofinanziert wurde das Projekt von der Europäischen Union (pamina 21 / interreg).

Die Macher:
Josiane Podsiadlo: Projekt-Koordination, Texte und Übersetzungen (F)
Andreas Mischke, AMIDES (Atelier für Medien- & Informationsdesign): Layout, Grafik, Fotos, Karten, Herstellung
Mato Suss, Künstlerin: Entwurf und Herstellung der Strukturen und Installationen in der Landschaft, Grafiken
Petra van Cronenburg: Texte und Übersetzungen (D)
Und wie man sich vorstellen kann, entsteht ein solches Projekt nicht in reiner Arbeitsteilung, sondern in engem Teamwork - und vielen vielen Präsentationen und Verhandlungen.

Minibildchen zum Vergrößern anklicken. Die Fotos sind von Andreas Mischke, mit freundlicher Genehmigung.


Bei der Tafel über das Biotop des Waldes kann man die unterschiedlichen Hölzer der Gegend ebenso befühlen wie "Splitterholz", ein typischer Kriegsschaden aus dem Ersten Weltkrieg. Granatsplitter sind über viele Jahrzehnte in Bäume eingewachsen.


Dass die wichtigte Ressource Wasser im Biophärenreservat auch bei Trockenheit erfahrbar wird, ist Werk der Künstlerin Mato Suss.


Zwei Waldwichtel beobachten den Grenzverlauf zwischen Deutschland und Frankreich mit den alten Grenzsteinen, der als Parcours für Grenzübertretungen gestaltet ist und noch einige andere Überraschungen bietet.

Und dann war da mal "Das Brett vor dem Kopf" auf dem Kappelstein. Im Zweiten Weltkrieg war es nämlich mit der Freundschaft aus. Die einen zogen einen Spähturm hoch, die anderen bauten den Spähern eine hohe Bretterwand vor die Nase. Und da saßen sie dann im abgeholzten Wald in den Bunkern beider Seiten und belauerten sich im "Sitzkrieg".


In dieser Rückschau wird es umso wertvoller zu erleben, wie lebendig heute der Austausch zwischen den beiden Kommunen ist - und wie man in deutsch-französischen Teams mehrsprachig Grenzüberschreitungen als Selbstverständlichkeit leben kann. Beim Wandern natürlich auch!

Bei gemütlichem Schritttempo und ausführlichem Lesen braucht man etwa zwei Stunden für den Rundweg - Einkehrmöglichkeiten gibt es sowohl in Wingen als auch Nothweiler. Stöckelschuhe sind nicht unbedingt zu empfehlen. Für Kurzurlauber finden sich die Wasgauburgen im Umland, zu den bekannten Ausflugszielen Fleckenstein oder Gimbelhof kann man sogar laufen. Für deutsche Besucher, die nicht aus der Pfalz kommen, ist Wissembourg der nächste Grenzübergang.

1 Kommentar:

  1. Grenzgängerei - ein wunderbares Wort, dass zwei augenscheinliche Gegensätze in einem Wort vereint. Durchlässige Grenzen haben immer dazu angeregt, über die Grenze zu schauen, zu erfahren, dass vieles auch anders geht oder auch nur anders koloriert ist. Aufgewachsen in einer Grenzregion habe ich sehr schnell durch Grenzgängerei die gemeinsamen Wurzeln entdeckt und festgestellt, dass "die Fremden" auf der anderen Seite der "Grenze" eigentlich nur Verwandte sind.

    Weiter so!

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